Geistliche Sonntagsbetrachtungen

Worte zur Woche – Sonntagsbetrachtungen aus den Ostfriesischen Nachrichten

4. Febuar 2012: Haben Sie heute schon gelacht?

In der Bibel, in den Sprüchen Salomos heißt es: Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl, aber ein betrübtes Gemüt vertrocknet das Gebein. (Sprüche 17, Vers 22)

Ein schlichter Vers und doch steckt darin viel Wahrheit und Lebenserfahrung. Wer wüsste nicht, dass zuviel Kummer krank machen kann.
Ohne Humor, ohne Fröhlichkeit wird das Leben traurig, ja, es fehlt was. Und wie gut können einem Menschen tun, mit denen ich lachen kann, auch wenn ich vielleicht Ernstes durchmache.
Von einem Herzen, das fröhlich ist, das fest ist, kann man immer wieder in der Bibel lesen. Und im Verständnis des Alten Testamentes ist das Herz viel mehr als ein Körperorgan: In der Bibel ist es der Sitz der Lebenskraft, aber auch des Gefühls, der Furcht wie des Mutes und des Verstandes.

Fröhlichkeit und Humor brauchen wir, um ein festes Herz zu bekommen. Und dabei meint Humor nicht einfach gute Laune, sondern Humor zu haben ist die Fähigkeit, die konkrete Situation, gerade auch die widrigen Umstände, zu übersteigen. Humor kann uns helfen die Dinge von einem anderen Blickwinkel her zu sehen und sich auch mit manchem auszusöhnen. Denn Humor haben meint auch, sich selbst nicht so furchtbar ernst zu nehmen. Und insofern hat der Humor etwas mit dem Glauben zu tun. Denn wer Humor hat, weiß um die Unzulänglichkeit dieser Welt, aber sieht darin keinen Grund zur Verzweiflung. Man kann lachen über sich selbst, auch über andere, über menschliche Schwächen oder die Allüren der Mächtigen.

Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl, so drückt es die Bibel in ihrer Lebensklugheit aus. Und es stimmt ja tatsächlich. Ärzte empfehlen uns zu lachen, weil Muskel bewegt und körpereigene Stimmungsaufheller ausgeschüttet werden. Uns geht das Herz auf. Humor und Glauben hängen zusammen, jedenfalls kann ich mir einen humorlosen Glauben nicht vorstellen . Ich kann und darf lachen und mir soll das Lachen nicht im Halse stecken bleiben, weil ich ahne, dass es noch eine andere Wahrheit gibt als oft die menschliche Überheblichkeit mit der wir unsere Unzulänglichkeiten verstecken.

Gott hat Humor- das hat auch ein Pastor lernen müssen, der sich darüber ärgerte, dass die Kirschen an seinem Baum immer weniger wurden. Er hatte einige Konfirmanden im Verdacht, wusste es aber nicht genau und hängte darum eines Tages ein Schild in den Baum: „Gott sieht alles!“ Am nächsten Morgen sieht er schon von weitem, dass jemand etwas dazu geschrieben hatte: „Aber er petzt nicht!“

Der Humor hilft uns das Unvollkommene an sich selbst und an anderen zu erkennen

Und dann ist es gar nicht mehr so wichtig, ob wir vor den anderen immer gut da stehen, ob wir alles richtig machen und ob wir uns keine Blöße geben.
Entscheidend ist, dass wir aus der inneren Freiheit und aus der gelassenen Distanz zu uns selbst reden und handeln können.
So gesehen braucht der Humor als Grundlage den Glauben, dass wir von Gott bedingungslos angenommen sind. Dass er gute Gedanken für unser Leben hat und sich freut, wenn uns das Herz aufgeht.

Darum zum Schluss noch ein Wort aus der Bibel aus dem Buch Sirach (Kap.30) aus dem Alten Testament:

„Gib dich nicht dem Trübsinn hin, quäl dich nicht selbst mit nutzlosem Grübeln! Freude und Fröhlichkeit verlängern das Leben des Menschen und machen es lebenswert. Überrede dich selbst zur Freude, sprich dir Mut zu und vertreibe den Trübsinn!“

Ausprobieren lohnt sich.

Haben Sie heute schon gelacht?

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in der Friedensgemeinde Wiesmoor

28. Januar 2012: Christophers Traum

Das Original, der Ihlower Christophorus. Im Jahr 2004 entdecken Archäologen bei Ausgrabungen im Bereich der früheren Ihlower Klosterkirche diese vier Zentimeter große, feuervergoldete Silberstatuette. Eine Replik des außergewöhnlichen Fundes lässt sich heute an der Klosterstätte erwerben.

Auf diesen Moment hat sie wahrscheinlich lange gewartet. Zärtlich betrachtet die junge Frau die kleine Figur in ihren Händen, streicht behutsam ein paar Tropfen aus deren Gesicht. Ein bärtiger Mann mit einem geheimnisvollen Lächeln, auf seinen Schultern sitzt ein Knabe. Es ist eine feuervergoldete Silberstatuette des Riesen Christophorus, rund vier Zentimeter groß. Im Jahr 2004 kommt sie durch eine Archäologin zurück ans Tageslicht. Gefunden bei Ausgrabungen im Querhaus der früheren Ihlower Klosterkirche.

Auch er selbst wartet. Zunächst als Ophorus, was so viel bedeutet wie „Träger“. Dieser Name weist auf seine Gabe, die große Kraft des Riesen. So erzählt es ein frommer Klassiker des 13. Jahrhunderts, die  Legenda Aurea – ein Buch mit Heiligengeschichten. Ophorus Traum heißt, den Sinn des Lebens zu erfahren. In der frommen Sprache des Mittelalters klingt das so: Er will den größten Herren auf der Welt finden und sich in dessen Dienst stellen. Deshalb macht sich Ophorus auf den Weg. Drei Herausforderungen hat er auf seiner Reise zu meistern. Die letzte stellt ihm ein Mönch am Rande der Wüste. Der sagt zu ihm: „Besinne dich auf deine Gaben. Geh zum großen Fluss und trage die hinüber, die deine Hilfe brauchen. So dienst du dem wahren Herrn der Erde und des Himmels, Christus“.

Replik des Ihlower Christophorus. Sie ist einem Ausgrabungsfund nachempfunden, der 2004 im Bereich der früheren Ihlower Klosterkirche gemacht worden ist. Bereits im Mittelalter galt die Heiligenfigur als Schutzpatron der Reisenden.

Und dann ist er da, allerdings anders als er ihn erwartet hat. Eines Nachts hört Ophorus ein Kind rufen. „Bring mich hinüber.“ Also trägt es der Riese durch die reißenden Fluten. Zum ersten Mal in seinem Leben muss er alle Kraft einsetzen. Nachdem sie am anderen Ufer angelangt sind, sagt Ophorus atemlos. „Mir war Angst und Bange. Es war, als hätte ich die ganze Welt auf den Schultern gehabt.“ Und das Kind antwortet: „Nicht nur die. Du hast auch den getragen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Ich bin der, den du gesucht hast. Von nun an sollst du Christophorus heißen, Christusträger.“

Dieser Moment, in dem sich vieles erschließt. Es gibt ihn. Aber er wird andere Züge und Formen tragen als in der eigenen Vorstellung. Unterwegs nimmt dieser große Traum Gestalt an, in den Herausforderungen. So die Botschaft der Legenda Aurea. Und zwar dort, wo Menschen am reißenden Fluss des Lebens ihre Gaben und Stärken für andere einsetzen. Frauen und Männer, die dergestalt warten, denen wird der Herr des Himmels und der Erde eines Tages alle Tränen aus dem Gesicht streichen, erzählt die Bibel. Dann tritt auch ihr geheimnisvolles Lächeln wieder zu Tage, lässt sie silber-golden strahlen. Denn in diesem Moment macht er sie selbst zu Christophorus, zu einem Christusträger.

Pastor Oliver Vorwald, Bagband und Klosterstätte Ihlow

21. Januar 2012: „Ohne dass sie sich schuldig machen“?

Ein Politiker steht im Verdacht, Vorteile von prominenten Freunden angenommen zu haben; ein anderer hat sich kräftig an fremdem geistigen Eigentum bedient; ein dritter muss sich wegen Fahrerflucht verantworten; eine hochrangige Geistliche erhält wegen Alkohol am Steuer 7 Punkte in Flensburg. Und möglicherweise ist das alles nur die Spitze des Eisberges, wenn derjenige Recht hatte, der uns unlängst als ‚ein Volk von Falschparkern, Steuerhinterziehern und Versicherungsbetrügern’ bezeichnet hat.

„Gewiss gibt es keine Menschen im Land, die gerecht sind und gut handeln, ohne dass sie sich schuldig machen“, sagte vor mehr als 2000 Jahren der sogenannte Prediger (Prediger 7,20). In dem Punkt hat sich offenbar nichts geändert.

Würde Gott an uns resignieren, man könnte ihn verstehen. Welche Mühe hat er sich nicht gegeben, uns von Anfang an die Regeln beizubringen, mit denen wir gut leben und unsere Gemeinschaft mit ihm und den Mitmenschen sowie unsere Freiheit bewahren können. ‚Werden wir denn immer Sünder bleiben?’

„Ja“, hat Martin Luther geantwortet, „wir sind und bleiben Sünder“. Und dabei dachte er natürlich weder an die Verkehrssünderkartei noch an das dicke Stück Torte. Sünde, so hat Luther aus der Bibel herausgelesen, das ist der Hochmut, die Ichsucht, die Selbstliebe und Selbstgerechtigkeit. Ganz anschaulich hat Luther erklärt: der sündige Mensch ist auf sich selbst verkrümmt, will sich letztlich selbst anbeten lassen, sich selbst rechtfertigen, glaubt, aus sich selbst leben zu können, meint, Gottes Vergebung nicht zu brauchen. In mich selbst verkrümmt – wenn ich so lebe, dann werde ich letztlich zu einer tragischen Figur.

Wie komme ich da raus? Das war die Frage, die Luther quälte. Die Antwort suchte er in der Bibel: Der einzige, der mich aus dieser Selbstbezüglichkeit rausholen kann, las er da, ist Gott. Der Gott, der mich freispricht, der sich in Jesus der Welt geschenkt hat „zur Vergebung der Sünden“, wie wir in jedem Abendmahl erfahren . Weil er mich befreit, erlöst und heilt, bin ich als Sünder gleichzeitig ein Gerechter.

Da fragt man sich natürlich: Was ändert sich denn durch diesen Glauben? Bekommt der Sünder durch das Siegel „gerecht“ nicht einfach nur eine neue Verpackung? Oder gar einen Freibrief zum Sündigen?

Ganz und gar nicht, erwidert Luther. Und wenn er heute lebte, vielleicht erläuterte er dann seine Entdeckung an diesem Liedtext von Herbert Grönemeyer:

„ein Silberstreif am Horizont
stell die Uhr auf Null,
wasch den Glauben im Regen
die Sintflut ist verebbt,
die Sünden vergeben
es kommt der Moment,
kommt die Zeit
Wasser wird zu Wein,
und die Sekunden bleiben stehen
der erste Stein fällt aus der Mauer,
der Durchbruch ist da.

Von diesem modernen Sänger und Dichter können wir uns die Worte leihen, um mit Luther zu bekennen: Wie den Regen, so schenkt uns Gott einen Glauben, der sich gewaschen hat: der Glaube, dass uns vergeben ist und dass wir deshalb neu beginnen können. Wenn aber der alte Glaube, der Glaube an uns selbst, von uns abgewaschen ist, dann sind wir nicht mehr dieselben, sondern sind erneuert. Das ist so, als wenn wir krank waren und nun allmählich gesund werden, versichert Luther. Dass das möglich ist, ist ein Wunder, das nur Gott vermag und durch Jesus wirkt wie die Verwandlung von Wasser in Wein. Aber weil Gott dies vermag, ist es möglich. Seine Vergebung ist der Durchbruch zu einem neuen Sein.

Luther wusste genau, dass ich auch in diesem neuen Sein Fehler mache und schuldig werde, wie es der Prediger formuliert hat. Aber er macht mir auch klar, dass mein Leben nun eine neue Richtung erhalten hat: Ich schaue nicht mehr verkrümmt auf mich selbst, sondern bekomme einen freien Blick auf meine Mitmenschen und auf Gott. Und das kann mein ganzes Leben ändern.

Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Aurich

15. Januar 2012: In den Schwachen mächtig

Jesus Christus spricht: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Das ist auf den ersten Blick schon eine etwas seltsame Losung, die über dieses Jahr gestellt ist. Wir wünschen uns ja alle für uns selbst eine hohe Leistungsfähigkeit und  eine stabile Gesundheit. Wir erwarten im  öffentlichen Leben eine starke Regierung, eine starke Währung und  eine starke Rechtsordnung. Und wenn dann Fußball gespielt wird im Sommer träumen wir von einer richtig starken deutschen Nationalmannschaft.

Pastor Kurt Booms, Pastor in Weene

Die Jahreslosung widerspricht dem nicht, sie legt aber einen anderen Akzent. In seinem Ursprung ist es ein Trostwort, an den Apostel Paulus gerichtet. Er wird angegriffen von Teilen der Gemeinde in Korinth. Die Anerkennung für ihn lässt nach, sein Auftreten erscheint nicht selbstsicher genug, nicht ausreichend wortgewandt. Paulus ist verzweifelt, da spricht ihn Jesus so mit diesem Wort an. Schwachheit ist dabei kein Lebensideal, nicht für Jesus und auch nicht für die Bibel insgesamt. Schwachheit ist vielmehr eine Erfahrung, die früher oder später jeder mit sich selbst machen kann. In der eigenen Schwäche keine Niederlage und in der Schwachheit anderer Menschen keinen Mangel zu erkennen, dafür will die Jahreslosung unseren Blick schärfen.

Das Kreuz steht als Zeichen dafür.  Es erinnert uns an den Gott, der nicht als König und im Palast auf diese Welt gekommen ist, sondern als hilfloses Kind, im Stall von Bethlehem. Das Kreuz erinnert uns von daher an den Gott, dem Schwäche und Schwachheit nichts Fremdes sind.  Es weist uns hin auf den Gott, vor dem wir uns in unserer Schwäche und unserer Schwachheit nicht schämen müssen.  Es führt uns liebevoll den Gott vor Augen, der uns in Jesus Christus gezeigt hat, dass er zu uns steht – gerade in aller Schwäche und Schwachheit.

Unser Wunsch nach Stärke in den verschiedenen Lebensbereichen ist ganz selbstverständlich und legitim.  Gottes Kraft findet aber auch eigene Wege. Jesus sagt es uns zu: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Kurt Booms – Pastor in der Kirchengemeinde Weene

8. Januar 2012: Neues Jahr – mittendrin

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn

„Frohes neues Jahr!“ – das traut man sich kaum noch zu sagen. Wir sind ja schon mittendrin in diesem neuen Jahr! Obwohl – eigentlich leben wir in einer „Zeit danach“
Der Weihnachtsfestkreis hat sich mit Epiphanias geschlossen, die Weihnachtsbäume sind abgeschmückt, die meiste Dekoration auf dem Spitzboden verstaut. Die obligatorischen Papier-Hülsen abgeschossener Silvester-Raketen und Böller sind weggefegt, die Raclette- oder Fondue-Reste wurden in Reispfannen verbraten… Und was kommt nun?
Es ist wie ein Loch. Das Gefühl der „Zeit danach“, in der nicht mehr der Kalender vorgibt, was wir nun tun, sondern: wir selbst.
Mit Blick auf das Kirchenjahr liegen die kommenden Wochen zwischen Weihnachtsfestkreis und Passions-/ Osterzeit.
Eine „Zwischen-Zeit“, in der es zu gestalten gilt, was wir uns für die Zukunft vorstellen. Eine Zwischen-Zeit, die wir kreativ nutzen sollten, um einen Rahmen zu bauen für das ganze Jahr.
Der Lyriker Christian Morgenstern hat die große Bedeutung einer solchen Zwischenzeit sehr schön in folgendes Gedicht gefasst:

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da ¬

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick grässlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od. Ameriko.

Im Zwischenraum, in Zwischen-Zeiten, liegt für uns die Chance, Großes zu erbauen. Eine reine Abfolge von Festen (von vorgegeben festgelegten Zeitinhalten) wäre wir ein Zaun ohne Zwischenraum: undurchschaubar und ein Ärgernis für den „Senat“ (wörtlich = „Ältestenrat“. Das heißt: für Menschen mit Lebenserfahrung).
Unser Leben braucht Feste und geprägte Rituale. Zeiten, in denen gemeinsame Überzeugungen Formen und Strukturen finden. Die Lebenserfahrung lehrt aber: es braucht auch Luft dazwischen. Zeiten, um auszuruhen, um Gewesenes zu überdenken und Neues vorzubereiten, Zeiten um Fehler zu analysieren und neue Wege zu versuchen, Zeiten, in denen wir uns über Gelungenes freuen können.
Die Kirche kennt, seit Benedikt von Nursia, die beiden Lebens-Pole: Vita aktiva und vita contemplativa – das tätige und das „beschauende“ Leben.
Darin steckt viel Weisheit! Denn im Wechsel zwischen Sonntag und Alltag des Glaubens, indem wir das eine auf das andere beziehen, können wir Gottes Bestimmung für unser Leben erspüren.
Lassen sie uns also auf die vita activa der Weihnachtszeit und des Jahreswechsels eine vita contemplativa zu Beginn des neuen Jahres folgen. Lassen Sie uns Kraft schöpfen für das, was kommt.

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

6. Januar 2012: Zweite Weihnacht

Epiphanias – auf deutsch „Fest der Erscheinung des Herrn“: so heißt der 6. Januar im Kirchenjahr. Vielen ist er eher als Drei-Königs-Tag bekannt. Denn die biblische Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland wird an diesem Tag im Gottesdienst gelesen. In manchen Gemeinden in und um Aurich wird der Tag als „Lüttje Wiehnacht“ begangen, als Ausklang der Weihnachtszeit, oft mit besonderen, musikalischen Gottesdiensten.

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

Ich verstehe dieses Fest als „zweite Weihnacht“, als Weihnachtsfest für die Menschen mit dem weiten Anweg. Kamen am Heiligabend die Menschen vom Hirtenfeld um die Ecke, so kommen jetzt die Menschen aus dem weit entfernten Morgenland. Kamen am Heiligabend die Hirten, also einfache, „ungebildete“ Leute, so kommen jetzt die Weisen, die Wissenschaftler der damaligen Zeit. Kamen am Heiligabend die Armen, so kommen jetzt die Reichen, die Gold verschenken können und Weihrauch und Myrrhe.

Die Reichen haben offenbar den weiteren Weg zu Gott. Die, die viel haben, vielleicht zu viel, und die darüber ihre Sehnsucht nicht mehr spüren; die Weisen sind manchmal länger unterwegs, die, die viel wissen, vielleicht zu viel, und darüber aufgehört haben zu fragen. Zu den Armen kommt Gott zuerst. Aber es gibt viele Wege zu Gott, auch für Menschen, die sich selber im Wege stehen oder die einen Umweg nehmen.

Ein Weihnachtsfest für Menschen mit einem weiten Anweg – das könnte auch für mich etwas sein. Eine „zweite Weihnacht“. Wie die Menschen aus dem Morgenland könnte ich mich mich auf den Weg machen, um Gott zu begegnen. Der Theologe Karl Rahner hat das wunderbar formuliert:

Es leuchtet der Stern.
Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.
Und viel geht dir unterwegs verloren.
Lass es fahren.
Gold der Liebe,
Weihrauch der Sehnsucht,
Myrrhe der Schmerzen
hast du ja bei dir.
Er wird sie annehmen.
Was wäre das für ein Aufbruch in das neue Jahr! So kann der Weg durchs Jahr ein guter Weg werden, ein gesegneter: Dem Stern folgen, den Winken und Hinweisen Gottes. Mit leichtem Gepäck unterwegs sein – nicht glauben, ich müsste viel mitnehmen auf meiner Lebensreise. Liebe, Sehnsucht, Schmerzen – das alles wird da sein. Und Gott wird es annehmen als Geschenk und so verwandeln, dass es mir selber zum Geschenk wird.

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

1. Januar 2012

Wie ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier liegt es vor mir, das neue Jahr 2012. So viel Gestaltungsspielraum. So viel, was ich dort hineinschreiben kann. Zeit, die noch offen ist. Offen für neue Ideen. Offen dafür, endlich das zu tun, was ich schon längst tun wollte. Zeit, die frei ist für Wünsche und Fragen. Was ist mir wichtig? Wenn ich drei Wünsche frei hätte, welche würde ich nennen? Wenn ich einmal alt bin: Was möchte ich über mein Leben sagen können? Was kann ich dafür jetzt tun? Wenn mir einer Macht gibt – was würde ich als Erstes ändern? Welches Lied möchte ich singen? Wen möchte ich besuchen? Einladen? Welches ist mein liebster Ort? Wo fühle ich mich am meisten hingezogen? Was bedeutet mir Gott? –

Tido Janssen, Pastor und Superintendent in Aurich

Das unbeschriebene Blatt fordert mich heraus. Nicht zu schnell starten. Nicht hineinstolpern ins neue Jahr. Ich bringe viel mit an diese Schwelle. Auch das wirkt hinein ins Neue, schon jetzt. Die Erfahrungen des letzten Jahres haben mich verändert.

Was war mir wichtig? Was brauche ich auch jetzt? Und wen? Wünsche will ich aufschreiben auf mein Blatt. Nicht zu allgemein. Nicht oberflächlich. Herzensanliegen. In der Gegenwart leben. Viel mit anderen. Mit Kultur. Mit…
Mit Vertrauen. Mit meinem Konfirmationsspruch hinein in den Januar. „Weise mir, Herr, deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir.“ (Psalm 86,11).

Er geht mit mir. Notier ich mir. Der Anfang ist gemacht.

Tido Janssen, Pastor und Superintendent in Aurich

24. Dezember 2011: Alle Jahre wieder

Weihnachten hat es als Fest auch mit Wiederholungen zu tun. „Bei uns läuft der Heilige Abend immer nach dem gleichen Schema ab, sonst meutert meine Familie“, sagte mir eine Bekannte. Erst zur Kirche, dann schön Essen, dann Singen am Weihnachtsbaum und dann die Bescherung. Ein Ritual hilft, damit alle wissen: So läuft es ab, so kenne ich es von klein auf. Da mag man es nicht, das jemand in der Familie sagt: „Dieses Jahr machen wir alles mal ganz anders!“ Dann fehlte nur noch, dass jemand am Heiligen Abend sagt: „Letztes Jahr war es aber viel schöner“, das könnte die Feststimmung dann schnell vermiesen. Alle Jahre wieder! Ja, jedes Jahr aufs Neue die alte und schon bekannte Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem, die alten bekannten Weihnachtslieder und die vertraute Atmosphäre in der Weihnachtsstube. Das alles hat einen großen nicht zu verachtenden Wert. Es kommt aber eine andere Erfahrung hinzu. Zwar ist in jedem Jahr Weihnachten Vertrautes und Gleiches dabei, und doch ist es auch immer wieder ganz anders – in gewisser Weise ganz neu. Wir sind eben nicht Jahr um Jahr dieselben. Wir finden uns in jeweils anderen Situationen des Lebens und veränderten Lebensverhältnissen vor. Die biblische Weihnachtsbotschaft der Bibel erreicht uns eben nicht als die sich wiederholende immer gleiche Geschichte, sondern sie erreicht uns als Botschaft der Liebe Gottes immer neu und konkret in unserem derzeitigen Leben. Da kann ich die Geschichte von Jesus in der Krippe schon 40-mal gehört haben. In diesem Jahr höre ich sie wieder anders, mit anderen Ohren, weil mein Leben anders aussieht als im letzten Jahr. Es geht beim Weihnachtsfest genau darum, dass wir bei allem immer gleichen, auch offenbleiben für das immer Neue in der Weihnachtsbotschaft. Um die Erfahrung, dass die Geburt Jesu vor 2000 Jahren mit dem Leben zu tun hat, dass wir hier und jetzt führen. Das Lied „Alle Jahre wieder“, das wir aus Kindertagen kennen, besingt es auf seine Weise:

„Alle Jahre wieder, kehrt das Christuskind,
auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.
Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,
geht auf allen Wegen mit uns ein und aus!
Steht auch mir zur Seite still und unerkannt,
dass es treu mich leite an der lieben Hand.
Sagt den Menschen allen, dass ein Vater ist,
dem sie wohl gefallen, der sie nicht vergisst.“
(Wilhelm Hey, 1837)

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches und gesegnetes Weihnachtsfest, vielleicht mit der Erfahrung, dass es in diesem Jahr in guter Weise mal wieder ganz anders war als sonst.

Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland

17. Dezember 2011: Freuet euch!

„Freuet euch in dem HERRn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der HERR ist nahe!“ (Philipper 4, 4-5, Wochenspruch)

Hans Bookmeyer, Pastor in Ochtelbur, Barstede und Bangstede

Freude kann im Grunde nicht verordnet werden; man empfindet sie oder aber man empfindet sie nicht. Paulus aber hat eine Entdeckung gemacht: Als Saulus war er be- müht, Gottgerecht zu leben, was ihm aus eigener Kraft jedoch nicht gelang – ja, statt- dessen hatte er (ohne, dass es ihm bewusst gewesen war, den Gottessohn und dessen Anhänger verfolgt). – Christus selbst jedoch hatte ihm die Augen geöffnet und ihn er- kennen lassen: In der Menschwerdung des Gottessohnes hat GOTT aus Seiner Liebe heraus den Grund zur Freude gelegt. Durch Christus wird jede und jeder, die und der an IHN als den Erlöser glaubt, durch alle Finsternis, selbst durch den irdischen Tod, hin- durch zum ewigen Leben bei GOTT in dessen unzerstörbaren Frieden geführt. – Die unüberbietbare Freude ist also schon da – sie braucht nur ergriffen, angenommen zu wer- den: GOTT schenkt uns Seinen Sohn, und so wie Kinder – im Normalfall – sichtbarer Ausdruck der Liebe sind, so offenbart uns GOTT in Jesus Seine ganze Liebe, der durch Seine Hingabe am Kreuz für uns zum Christus, zum Retter, wird. Ist die Liebe schon unter Menschen einem Wunder gleich, so gilt dies insbesondere für die Liebe GOTTes, die allen Menschen widerfahren möchte, den großen und den kleinen, vornehmlich den einsamen und traurigen. – Und so heißt es dann auch im Lied Nr. 42 des evangelischen Gesangbuches [EG], Strophe 3: „Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still; er betet an und er ermisst, dass GOTTes Lieb unendlich ist.“ In Jesus kommt uns der oft so fern anmutende, in „Dunkelheit“ verborgene, vielleicht sogar rätselhaft erscheinende GOTT ganz nahe; ER macht sich ganz klein, damit wir uns nicht fürchtend abzu- wenden brauchen, sondern herzukommen können, Seine wärme-strahlende Herzlich- keit spüren, Geborgenheit – und dann Freude erfahren dürfen, wie kein Mensch sie geben kann … . „Wenn ich dies Wunder fassen will …“, ja dann braucht es wohl eine Zeit der Vorbereitung und der Besinnung. Eine solche Zeit möchte ich Ihnen wie mir wünschen für die letzten Tage des Advent, dass wir uns bei aller Geschäftigkeit Muße gönnen und schenken möchten, im Familienkreis oder mit Nachbarn einander im Licht der Adventskerzen durch Gespräche und Lieder einzustimmen auf das Wunder von Weihnachten, damit wir GOTTes Liebe und die dadurch gewirkte Freude erfahren und weitergeben können, auf dass wir dann mit Paul Gerhardt einstimmen mögen [EG Nr. 37, Str. 4]: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich Dich möchte fassen!“

Hans Bookmeyer, Pastor für Ochtelbur, Barstede und Bangstede

10. Dezember 2011: Ein roter Teppich für den lieben Gott

Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

Wer häufiger in unsere Kirche kommt, bemerkt den Unterschied sofort: Neuerdings durchschreitet man den Mittelgang wie auf Wolken. Man fühlt sich richtig hochgehoben, erhaben. Ein Blick nach unten verrät den Grund. Da strahlt uns in sattem Rotwein-Rot – man könnte es auch „Weihnachtsrot“ nennen – ein funkelnigelnagel- neuer Kokosläufer entgegen. Nein, den hat uns nicht der Nikolaus gebracht. Das gute Stück wurde ernäht, erstrickt, erhäkelt und erbastelt. Unser Handarbeits- und Bastelkreis hat unsere Gemeinde damit beschenkt. Und das will schon etwas heißen, denn in unserer 60 Meter langen Kirche muss der Läufer 41 Meter lang sein. Damit man besser schummeln kann, gibt es ein 20 Meter- und ein 21 Meterstück. Ich verrate Ihnen nur: So ein Teppich ist nicht billig. Darum haben wir ihn angemessen eingeweiht. Unsere älteste aktive Handarbeitsdame hat ein rotes Band durchgeschnitten, und dann gab es für die großzügigen Spenderinnen noch etwas Leckeres. Doch wie sind die Frauen auf die Idee für ihre großzügige Gabe gekommen? Warum musste es ausgerechnet dieses Stück sein? Gewiss, der alte Läufer hatte seinen Dienst getan. Er war ausgeblichen und abgewetzt, grau und dünn geworden. Über kurz oder lang hätte der Kirchenvorstand für Ersatz sorgen müssen. Aber darauf wollten unsere Damen nicht warten. Ihnen liegt unsere alte Kirche eben besonders am Herzen. Und so sagten sie sich: „Wir stiften einen roten Teppich für den lieben Gott. – Mit seiner kräftigen Farbe und seiner warmen Ausstrahlung macht er unser Gotteshaus noch mehr zu einem Ort heimeliger Gebor- genheit. Von dem Läufer haben wir alle in Victorbur etwas: Jetzt, wenn wir zum Got- tesdienst darüber gehen, und irgendwann einmal, wenn man uns über ihn rollt.“ Auf ihre eigene Weise folgten die Frauen so der Aufforderung des 3. Advent: Bereitet dem Herrn den Weg, denn er kommt gewaltig! Wenn Gott schon zu uns kommt, wenn er schon „gewaltig“ kommt, dann könnte er sich natürlich selbst den Weg bahnen – und das tut er auch. Aber er möchte uns in sein Kommen mit hinein nehmen, uns in seine Ankunft und den Anbruch seiner Herrschaft verwickeln. Dass er kommt, soll zu unserer Sache werden, denn er kommt ja für uns. So freut er sich, wenn sich ihm Türen und Herzen öffnen und ihm der rote Teppich ausgerollt wird. Die 41 Meter, die in unserer Kirche liegen, will er noch verlängern. Wenn Jesus Christus erst bei uns ist, rollt er uns nämlich einen roten Teppich aus. Das tut er nicht nur für die Supertalente und Überflieger, die Powerfrauen und Machertypen. Nein, auch und gerade all denen, die auf steilen, steinigen, mühsamen Wegen durchs Leben gehen, rollt er den roten Teppich aus, all denen, für die sich nie- mand interessiert, all denen, die sich schwertun mit sich selbst, ihren Nächsten und Gott. Sie sind es ihm wert.
Uns normale Erdenbürger will er dorthin führen, wo es für uns Trost und Halt, Liebe und Vergebung, Frieden und Erlösung gibt.
Der Kokosläufer zieht uns hinein in die Kirche und unter Gottes Wort. Das An- schlussstück, das Jesus uns vor die Füße legt, ist blutrot und bringt uns durch alles Kreuz und Leid hindurch zu Gott, der uns das Ewige Leben schenkt. Wenn wir mit beiden Beinen auf dem roten Teppich bleiben, rücken wir dem Himmel immer näher. Da sind wir nicht allein unterwegs. Eine bunte, muntere Gesellschaft folgt Gottes Sohn: Menschen, die bereit sind, Gott und einander den Weg zu bereiten, Freud und Leid zu teilen und Lasten gemeinsam zu tragen. Der 3. Advent fragt uns: Weißt Du, wie der Läufer in Deiner Kirche aussieht, und wie es sich anfühlt, darüber zu gehen? Und hast Du schon den Läufer unter den Füßen, der Deinem Leben die richtige Richtung zu Frieden und Erfüllung gibt? Es ist  Advent. Gott rollt Dir den roten Teppich aus.

Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

3. Dezember 2011: Der Start war gut

Johannes Ehrenbrief Pfarrer in St. Ludgeri Aurich

Am vergangenen Wochenende hatte ich einen sehr schönen und intensiven Einstieg in die Adventszeit. Am Freitagnachmittag traf sich die Frauengemeinschaft unserer Gemeinde zu Besinnung, Gespräch, Gottesdienst und gemeinsamem Essen. Jesus und das anbrechende Reich Gottes waren Thema. Am Sonnabendnachmittag kamen 55 Jugendliche zusammen, die sich auf den Empfang des Firmsakramentes vorbereiten. In Gruppengesprächen und im Plenum versuchten die Jugendlichen, Jesus von Nazaret genauer auf die Spur zu kommen und zu fragen, wie Jesus sich heute wohl verhalten würde. Der Nachmittag endete mit einem eindrucksvollen Jugendgottesdienst, in dem Jugendliche und Erwachsene von ihrem ehrenamtlichen Engagement berichteten. Unsere Jugendband trug wesentlich dazu bei, dass dieser Gottesdienst ein echtes Gemeinschaftserlebnis wurde. Bereits am Samstagmorgen hatte sich ein Lkw mit zwei Fahrern auf den Weg nach Litauen gemacht. Der Wagen war vollgepackt mit Einrich- tungsgegenständen, Geschirr und Kleidung für einen Pfarrer in der Nähe von Vilnius, der zwar ein Pfarrhaus zur Verfügung hatte, aber keinerlei Inneneinrichtung. Und am Sonntagnachmittag feierten wir einen Adventsgottesdienst mit zahlreichen Familien und Kindern und trafen uns anschließend im Gemeindehaus zu einem gemütlichen Adventsnachmittag mit Gespräch, Spiel und vielen Leckereien. An diesem ersten Adventswochenende durfte ich exemplarisch all das erleben, was für mich in der Adventszeit wichtig sein soll:

  • Besinnung, zur Ruhe kommen, nachdenken, mich neu orientieren.
  • Gemeinschaft pflegen, mir Zeit nehmen für Gespräche und Besuche.
  • Bewusst Gottesdienst feiern; die Begegnung mit diesem Gott suchen, der uns in Jesus sein Gesicht gezeigt hat.
  • Helfen; versuchen, genauer wahrzunehmen, was die Menschen in meiner Umgebung und darüber hinaus brauchen.

Der Start in die Adventszeit war gut. Die Vorsätze sind da. Wenn es mir (und vielleicht auch Ihnen) gelingt, sie wenigstens zu einem Teil umzu- setzen, dann könnte die Ad- ventszeit wirklich zu einer Vorbereitungszeit werden auf Weihnachten, auf das Ge- burtsfest Jesu.

Johannes Ehrenbrink, Pfarrer in St. Ludgerus Aurich

26. November 2011: Mit einem hellen und klaren Stern

Licht fließt zum Himmel. Dabei streicht es sanft über raue Backsteine, steigt an karminroten Stahlpfeilern empor. Weiter oben füllt es Kuppel und Gewölbe, bricht durch Streben in den fliehenden Tag. Im Schiff wurzeln Menschen, atmen die At-mosphäre der Illumination. Vier Mal im Jahr – an den Adventssonntagen – verwandeln Strahler und Bodenfluter die nachgebildete Ihlower Klosterkirche zum Abend in eine Licht-Kathedrale. Und über allem strahlt im Dachreiter – dem schlanken Glockenturm – ein klarer, heller Stern.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell (Jesaja 9,1-6).

Zweifellos. Sätze aus einem der bekanntesten biblischen Texte für die Adventszeit. Sie lesen sich, als hätte Jesaja sie für die Besucher der illuminierten Imagination gesprochen. Das erste Mal fallen diese Worte vor mehr als 2.500 Jahren. Sie richten sich in düsteren und dunklen Tagen an die Landsleute des Propheten. An Frauen und Männer, die von Krisen und Kummer gedrückt werden. Angekündigt wird ein Regierender neuen Typs. Die ersten und auch die späteren Christen hören diese Sätze ganz neu. Nämlich als Hinweise auf die Geburt Gottes als Kind in der Krippe. Denn es geht ja sowohl in Jesajas Worten als auch in den Weihnachtsgeschichten des Neuen Testaments um (sein) Licht. Die Engel umgibt es, als sie den Hirten auf dem Felde bei den Hürden von dem Wunder der Christnacht erzählen. Und die Weisen aus dem Morgenland folgen einer strahlenden Himmelserscheinung bis an jene Wiege im Stall von Bethlehem.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell (Jesaja 9,1-6).

Gar kein Zweifel. Jesaja hat diese Sätze auch für die Besucher der Klosterstätte Ihlow gesprochen. Aber nicht bloß für jene. Sondern für alle in und um Ostfriesland. Als Fingerzeig auf Heiligabend. Dass das Kind aus der Krippe kein Leben im Düstern oder Dunkel lassen will. Dass der Herrscher neuen Typs niemanden in Krisen und Kummer verkümmern sehen möchte. Denn die Weihnachtsgeschichten verkündigen, dass Gott über jedem Leben ein Licht aufgehen lässt. Das leuchtet für eine helle Zukunft. Selbst wenn die ersten Atemzüge in einem windschiefen Stall getan werden.

An den Adventssonntagen schreiben Strahler und Bodenfluter dieses Versprechen in den Nachthimmel. Dann verwandelt sich die Imagination der früheren Ihlower Klosterkirche in eine Weihnachts- und Hoffnungs-Kathedrale. Gekrönt mit einem klaren Stern.

Eine segensreiche Adventszeit wünscht
Oliver Vorwald, Pastor in Bagband und an der Klosterstätte „Stille Räume Ihlow“

19. November 2011: Wärme des Lebens

Uwe Tatjes, Pastor in Aurich

Eigentlich wollte ich über den Friedhof nur abkürzen. Die nassse Kälte kriecht unter die Jacke und läßt mich frösteln. Dunkel und novembergrau hängt der Himmel über der Friedhofsallee. Dunkel und grau und schwer. So wie die Gedanken, die sich mit diesem Ort verbinden. Während ich mein Fahrrad unter den Bäumen durchschiebe, bin ich wieder mit unterwegs. Unterwegs mit den ganzen Trauerzügen, die diese Allee entlangezogen sind. Bilder, Gedanken und Gefühle stellen sich ein. Wie Gäste in einem Cafe im Winter, die stampfend und fröstelnd Schutz vor der Kälte suchen. All das, was an die Toten erinnert, möchte nicht allein bleiben. Denn einsam sein und vergessen sein fühlt sich kalt an. Erinnerung ist wie ein leise bullernder Ofen, vor dem man sich die Hände reiben kann. Ein junges Paar überholt mich und strebt dem Ausgang entgegen. Die wollen schnell nach Hause. Raus aus der Kälte. Weg von der Dunkelheit, die sich langsam wie eine Decke über den Friedhof zieht. Ich will auch nach Hause. In die Wärme. In das Licht.
Und dennoch gehen nicht alle weg. Viele kommen immer wieder hier her. Sind hier, als lebten die Toten noch. Suchen Nähe. Geben Fürsorge und Wärme. Danke, daß du warst.
Eigentlich wollte ich nur abkürzen und jetzt bin ich doch stehengeblieben. Ich komme an den beiden nicht einfach so vorbei. Konzentriert stecken sie Tannenzweige auf das Grab. Die Oma und der kleine Junge. „Damit Opa es warm hat“, sagt der kleine Junge und nimmt eifrig den nächsten Zweig. Seine Oma nickt nur und packt jetzt wieder Schalen und Gestecke auf die grüne Tannenzweigdecke.
Zufrieden betrachten die beiden ihr Werk. Der Kleine erzählt Opa von dem, was er in der Schule erlebt hat und vom letzten Fußballspiel, das sie leider verloren haben. Aber er hat ein Tor geschossen. Für Opa. „Du fehlst beim Fussball, Opa.“, sagt der Junge zum Grabstein hin. „Keiner hat so laut gejubelt wie Du. Und sich über jedes Tor gefreut. Und auch, wenn wir verloren haben, hast Du uns auf die Schulter geklopft. Runterfallen, Popo knallen, weiter geht das Leben. Weißt Du noch?“ Oma streicht ihm über den Kopf. „Opa ist ja noch da. Und wir können ihm alles erzählen.“ „Im Himmel?“, fragt ihr Enkel zurück und blickt ein wenig zweifelnd auf den dunkelgrauen Abendhimmel. Ein Flugzeug zieht dort seine Bahn und es ist, als ob seine blinkenden Signalleuchten die Frage des Jungen stumm wiederholen. „Nicht in dem Himmel da oben.“, schüttelt Oma den Kopf. „In welchem denn?“, fragt ihr Enkel zurück. „In dem Himmel, wo Du und ich auch schon manchmal leben. Wenn es richtig schön ist.“ „So, wie letztes Jahr, als Opa und ich drei Tage im Zelt im Garten geschlafen haben?“ „Ja, oder wie im Sommer, wenn Opa, Du und ich, mit dem Fahrad lachend am Deich langgefahren sind und den Wind in den Haaren gespürt haben.“ „Ist er da nicht allein?“, will der Junge wissen. „Nein“, lacht Oma, „da sind schon viele andere. In dem Himmel, wo wir niemals allein sind. Wo Gott auf uns aufpasst. So wie auf uns beide. Was meinst Du? Trinken wir jetzt einen Kakao?“ „Das wäre himmlisch“, sagt der Kleine lachend. Erst jetzt bemerken die beiden mich. Ihre rotbackigen Gesichter blühen wie kleine rote Blumen auf dem Friedhof. Ich nicke ihnen verlegen zu. „Euer Opa hat es gut.“, sage ich und schiebe mein Fahrrad weiter. Mir kommt ein Vers von Erich Fried in den Sinn. „Noch einmal sprechen/ von der Wärme des Lebens/ damit doch einige wissen:/ Es ist nicht warm/ aber es könnte warm sein.“ Und während ich durch den Ausgang des Friedhofs gehe, ist mir nicht mehr kalt.

Pastor Uwe Hayno Klaas Tatjes, Pastor in Aurich-Kirchdorf

16. November 2011: Zum Buß- und Bettag

Nimm Tempo aus dem Alltag! Dieser Buß- und Bettag räumt uns Zeit ein, darüber nachzudenken, ob unser Tun und Lassen in die richtige Richtung geht. Ganz persönlich, politisch-gesellschaftlich, auch kirchlich. Bequem ist er nicht: der Buß- und Bettag. Er stellt sich quer zum „Weiter so!“

Wollen wir überhaupt darüber nachdenken? Seit 1995 arbeiten wir – außer in Sachsen – an  diesem Tag für die Pflegeversicherung. Feiertag gestrichen!

Auf der anderen Seite klagen viele darüber, wie viel sie zu tun haben, wie sehr sie in alle möglichen Verpflichtungen eingespannt sind und wie wenig Zeit bleibt, um über wichtige Weichenstellungen nachzudenken.

Ein Buß- und Bettag könnte uns locken, uns selbst zu befragen: „Wie geht es mir? Bin ich zufrieden? Wo läuft etwas schief? Wo sollte ich das Ruder herumwerfen und eine andere Richtung einschlagen? Was kann, was muss ich ändern? Was blende ich aus? Wo übersehe ich wesentliche Dinge?“

Auch politisch könnte es sich lohnen, an diesem Tag Tempo zu drosseln. Zumindest zu fragen: „Wo sind wir längst Getriebene von Mächten und Märkten, deren Gesichter wir gar nicht kennen? Wo liegen kluge Alternativen zum „Weiter so!“? Hecheln nicht auch Entscheider nur noch hinterher? Gestaltungskraft – wo und wie finden wir sie neu? Welche Alternativen gibt es zu überschuldeten Staaten? Müssten wir dann auf Wohlstand verzichten? Und würden wir das auch als Wählerinnen und Wähler akzeptieren? Welchen Lebensstil können wir uns global leisten?

Und mein Glaube – wie lebendig ist er noch? Wie sorgfältig pflege ich ihn? Aus welchen Wurzeln speist sich meine Kraft?

Keine Zeit für solche Fragen?

Buß- und Bettag – ein unbequemer Tag. Er ist schnell vorbei. Ich kann auch nicht alle Fragen auf einmal beantworten. Habe auch nicht überall gleich gute Antworten. Aber nachdenken möchte ich darüber, auch gemeinsam. Mich unbequemen Fragen stellen. Auch nicht zu schnell urteilen. Gute Alternativen brauchen Zeit. Sie müssen klug abgewogen werden.

Sie kennen die Geschichte von dem Feigenbaum, an dem schon drei Jahre keine Früchte wachsen. Jesus erzählt von ihm. Der Besitzer geht zum Weingärtner und sagt: „Hau ihn ab!“ Der Weingärtner sagt: „Nimm Tempo raus! Gib ihm noch ein Jahr. Ich will ihn düngen, den Boden umgraben. Neues Wachstum braucht liebevolle Pflege.“ Der Weingärtner ahnt oder weiß: Die Wurzeln brauchen Luft. Wenn es gut werden soll, muss der Baum aus der Tiefe neu belebt werden. Es reicht nicht, den Blick nur auf das, was direkt oberhalb der Erde zu sehen ist, zu lenken. Die Wurzeln – sie brauchen meine Aufmerksamkeit. Dann kann es was werden mit schönen Früchten. Wäre doch schade, wenn Neues nicht wächst, weil wir zu schnell nur immer weiter so machen…

Tido Janssen, Pastor und Superintendent in Aurich

12. November 2011: Sorgt, dass Wüsten nicht wachsen!

„Lernt aus verwehter Spur, sorgt, dass die Wüste nicht wächst“. Diese Inschrift soll am Eingang des Soldatenfriedhofes in Al Alamein stehen. Ein Wort, das gut zum Volkstrauertag passt, den wir morgen in den Kirchen und an den Gedenkstätten begehen. Sie sind zwar noch nicht verweht, die Erinnerungen in unserem Land, aber die Generation, die sich erinnern kann, ist klein geworden. Und die Jüngeren, die Nachgeborenen, verstehen es immer weniger und beteiligen sich kaum noch. „Könnt ihr diese alten Geschichten nicht ruhen lassen? Das ist doch schon fast 70 Jahre her.“

Kann man es ihnen verdenken? Wer will sich schon gerne mit den düsteren Kapiteln der Vergangenheit beschäftigen? Und warum auch – es scheint doch alles überwunden und abgehakt, jedenfalls hier bei uns…

Aber so einfach ist das natürlich nicht. Friede ist nicht selbstverständlich, sondern muss immer wieder neu erarbeitet werden. Wir sehen ja auch bei den Konflikten der Gegenwart, wie schnell Grenzen überschritten und Rechtsempfinden und Menschlichkeit über Bord geworfen werden. Der Jubel über den ,Abschuss’ eines erklärten Feindes zeigt, wie dünn die Grenze auch bei uns ist.

Lernen, damit die Wüste nicht wächst. Die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Krieg als das sehen, was er ist: menschenverachtend und zerstörerisch. Dazu gehören aber auch solche Wüsten wie die der Gleichgültigkeit (was geht uns das an) oder der Geringschätzung (selber schuld, die haben es nicht anders verdient). Ein Schlüssel zu diesem Lernen ist die Erinnerung: Wissen, was Menschen einander antun können, wahrnehmen, was Opfer durchmachen müssen. Dazu können Gedenktage helfen, oder auch Stolpersteine. Ein anderer Schlüssel ist der Glaube: Rechenschaft ablegen vor dem, der das Leben erfunden hat; Hoffnung schöpfen, weil das Leben mehr ist als wir für gewöhnlich daraus machen; Aufbrüche wagen, weil Gott vergibt, befähigt und ermutigt.

Wenn wir in der Kirchengemeinde den Volkstrauertag begehen, versuchen wir beides: Wir stellen uns an die Seite derer, die sich noch erinnern, und halten so das Gedenken wie auch die Mahnung der Vergangenheit hoch. Und wir stellen uns unter Gottes Wort, weil wir glauben, dass nur Gott uns helfen kann, wirklich aus den Schatten der Vergangenheit zu treten und neues Leben zu wagen.

Eins der Lieder, die wir in unserer Gemeinde morgen singen, drückt das so aus: Gott gab uns Hände, damit wir handeln. Er gab uns Füße, dass wir fest stehen. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehen.

Ich glaube, mit Gottes Hilfe können wir dazu beitragen,
dass Wüsten nicht wachsen.

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

5. November 2011: Zeit der Gnade

Siehe, jetzt ist die Zeit
der Gnade,
siehe, jetzt ist der Tag
des Heils.
[ Wochenspruch, 2. Kor. 6, 2 ]

Jetzt ist die Zeit der Gnade, HERR?
Auf meinem Kalender
stehen jetzt
die dunklen Tage:
Mein Herz ist schwer
und trauervoll.
Andere
sehen in ihrem Alltag
mein Leid nicht.
Man spricht nicht darüber –
oder nur kurz, floskelhaft,
zwischen dem Wetter
und
sonstigen ´Tagesthemen´.
Mein Leid
muss ich alleine tragen.
Stumm schreit es in mir.
Jetzt ist der Tag des Heils, HERR?
Vor Augen habe ich
das tagtägliche Unheil, HERR:
Leid und Katastrophen
in der Welt,
die Medien sind voll davon;
Streitigkeiten
und alltägliche Missverständnisse
um mich herum
und ich mittendrin;
Gleichgültigkeit
und Einsamkeit
bis in die Familien hinein.
Und:
Vor wie viel
Schuld und Versagen
vergangener
wie heutiger Tage
schließe ich die Augen,
HERR?
Zeit der Gnade

Doch:
Durch Wegsehen
wird nichts heiler,
durch Verschweigen
nichts ungeschehen,
nur härter,
nur bitterer,
nur kälter.

***

All´ das weißt Du, HERR.
Und kommst doch zu mir.
Du kommst –
gerade deshalb?
Schon vor Menschen
habe ich
keinen Anspruch
darauf.

Und Du, HERR,
schenkst mir
Deine Nähe,
Deine Güte.
Du weinst mit mir
in meinem Leid,
trägst mit mir die Schuld,
dass ich
darunter nicht zerbreche,
gibst
in meinen stummen Mund
mir Worte des Lebens.

Du öffnest mir die Augen,
mitten
in den finst´ren Tagen
auf Dein Licht zu sehen,
das
unvergänglich strahlt;
Dir zur Heilung anzutragen,
was
vor und in mir,
was
durch mich
zer-brochen
ist.

Danke, HERR,
dass jetzt,
in diesen dunkeln Tagen,
Du mir
Deine
Gnade
schenkst;
danke, dass
statt mich zu zerbrechen,
Du mir
gerade jetzt
Dein
Heil
gewährst.

Hilf, HERR,
dass auch ich,
frei von aller Nacht
und and´rer Macht
es mit dem Apostel Paulus
sagen kann:
„Ist jemand in Christus,
so ist er eine neue Kreatur;
das Alte ist vergangen,
siehe, Neues ist geworden.“
[ 2. Kor. 5, 17 ]

Denn:
Siehe, jetzt ist die Zeit
der Gnade,
siehe, jetzt ist der Tag
des Heils!

In Verbundenheit,
Ihr Hans Bookmeyer, Pastor für Ochtelbur, Bangstede und Barstede

29. Oktober 2011: Gegen die Hoffnungslosigkeit

Liebe Leserin und lieber Leser, in diesem Jahr wird der „Goldene Oktober“ seinem Namen voll und ganz gerecht. Wir alle genießen wohl die schönen, strahlenden Tage, die er uns beschert – eine kleine Entschädigung für den grauen, verregneten Sommer, ein Bonbon vor den Herbststürmen und den düsteren November-tagen. Unser Jugendkreis hat uns in dieser Woche einen ganz speziellen Gast zugeführt, dem das Wetter besonders entgegenkam. Das war Pastor Francois Pihaatae, der mit einem Begleiter von „Brot für die Welt“ anreiste. Er stammt von der anderen Seite der Welt, vom „nassen Kontinent“, also aus dem Pazifik mit seinen 20.000 Inseln, 12.000 Sprachen und 8 Millionen Einwohnern. Was aber hat diesen Mann aus der Wärme seiner Heimat ausgerechnet nach Victorbur verschlagen? Er soll in Zukunft die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen im Pazifik nach außen vertreten. Das ist ein ökumenischer Zusammenschluss von 25 Kirchen, die mit einem Mund für ihre Mitglieder sprechen und auf deren Probleme aufmerksam machen wollen. Egal, ob ihre Inseln unabhängige Staaten sind oder britische bzw. französische Kolonie: die Menschen dort haben gemeinsame existentielle Sorgen. Viele ihrer Inseln versinken im Meer. Das Wasser kommt nicht nur von allen Seiten auf sie zu, sondern es steigt mittlerweile sogar durch den Boden an die Erdoberfläche. Jetzt ist es soweit, dass die ersten Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Doch wohin sollen sie gehen? Wer nimmt sie auf? Neuseeland öffnet die Tür für 75 (!) Betroffene im Jahr. Und selbst wenn sie irgendwo Land für sich finden – Klima, Sprache, Kultur und Lebensgrundlagen werden selbst im direkten pazifischen Raum, der sich fast unendlich weit erstreckt, völlig anders sein als zu Hause. Manche von den größeren Inseln mögen geschützt werden können mit viel Geld und moderner Technologie. Aber die Verwaltungswege sind weit, Absprachen kompliziert. Oft fühlen sich die einzelnen Inseln alleingelassen – wie ein Tropfen im Ozean. Nun sagt die ökumenische Arbeitsgemeinschaft: „Ja, allein sind wir ein Tropfen, gemeinsam aber ein ganzes Meer“, und wird als Nicht-Regierungsorganisation aktiv. Pastor Pihaatae ist in Deutschland, um Verbindungen zu knüpfen. Von Victorbur geht er nach Berlin zu Begegnungen mit Regierungsausschüssen. Bei uns war er, weil unsere Jugendlichen einen heißen Draht zu „Brot für die Welt“ haben. Dort in Stuttgart dachte man sich: „Die Victorburer leben doch direkt (naja…) an der Küste. Vielleicht können die ihm einen Eindruck von modernem Küstenschutz verschaffen.“ Und wirklich haben ihn Obersielrichter Behrends und Oberdeichrichter Wiltfang herzlich und mit offenen Armen empfangen und ihm die Entwässerung und den Deichbau in unserer Region anschaulich im Schöpfwerk an der Knock erläutert. Dann ging es in die Niederlande, wo der Bürgermeister und ein Verwaltungsfachmann auf Schiermonnikoog ihm die niederländischen Schutzmaßnahmen gegen das Wasser erklärten. Zwei Sprüche gefielen unserem Gast ganz besonders: „Kein Deich, kein Land, kein Leben“ und „Well nich will dieken, mutt wieken“. Doch bei all den vielen interessanten Begegnungen war es der Gottesdienst, der Pastor Pihaatae besonders viel bedeutet hat, dazu der Besuch in unserer Ostvictorburer Bibelstunde. Er hat sich mit bewegenden Worten an unsere Gemeinde gewandt. „Ihre Vorfahren haben diese große Kirche gebaut. Hier haben sie miteinander gebetet und sich Kraft und Mut geben lassen für den Kampf gegen das Wasser. Von dieser Kirche aus sind sie ans Werk gegangen und haben die Deiche gebaut. Wenn Sie mich heute fragen: „Was können wir hier in Ostfriesland tun?“, dann sage ich Ihnen: Denken Sie an die Menschen im fernen Pazifik und beten Sie mit uns. Es tut uns gut, zu wissen, dass Christen überall auf der Welt mit uns im Gebet verbunden sind. Wenn wir zusammenstehen und beten, geht es uns wie Petrus, als er über das Wasser ging. Solange er auf Jesus blickte, fiel es ihm leicht, auf den Wellen voranzuschreiten. Als er nach unten blickte, von Jesus weg, versank er im See. Wenn wir uns im Gebet von Gott und in der Gemeinschaft stärken und ermutigen lassen, gehen wir nicht unter, sondern können viel erreichen.“ Für uns sind dies die letzten schönen Herbsttage. Dann kommt der dunkle November mit den Gedenktagen, die viele von uns so traurig und schwermütig machen. Unter uns sind etliche Leute, die sich davor fürchten, von ihrer Trauer und ihren Erinnerungen in ein dunkles Meer hineingezogen zu werden und darin zu ertrinken. Wir können viele pazifische Inseln leider nicht retten, aber wir können Deiche bauen gegen das Meer der Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit. Dazu müssen wir so vorgehen, wie Francois Pihaatae uns das empfohlen hat. Wir dürfen zusammenkommen in unseren Kirchen, die in Jahrhunderten so viele Gebete, so viele Klagen gehört und so viel Traurigkeit gesehen haben. Dort können wir unsere Anliegen einfließen lassen in den Strom des Gebetes der Gemeinde. Wir merken: Wir sind nicht allein. Wir haben alle unsere eigenen Lasten, aber unsere Banknachbarn auch. Wir blicken auf Jesus, der den Tod für uns am Kreuz besiegt hat. Seine Auferstehung macht Mut. Sie rückt die Zukunft ins Blickfeld. Mit Gottes Hilfe können wir im Gebet Deiche gegen das Meer der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit errichten, neue Lebensfelder einpoldern und erschließen und auch wieder sicher wohnen. Wer auf Jesus sieht, kann wie Petrus über die Wellen gehen. Das lassen Sie uns ausprobieren! Amen.

Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

15. Oktober 2011: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe

»Hallo, hör das mal an, der Herr ist mein Hirte, er weidet mich auf einer grünen Aue, so was lern ich nicht!« Ich vergesse nicht den empörten Gesichtsausdruck des Konfirmanden, der sich mit mir auseinandersetzten wollte. Gerne wolle er auswendig lernen, aber bitte nicht solche Sätze. Alte Sprache und abstrus. Grüne Aue, von wegen, ihm ginge es schlecht. Dürfe abends nicht lange aufbleiben, in der Schule nur Arbeiten schreiben, und Taschengeld sei knapp. Mit meinem Schmunzeln konnte ich aber doch nicht umhin, ihm in einem Winkel meiner Seele recht zu geben. Mir wird nichts mangeln, habe ich das in meinem bisherigen Leben so erlebt? Hat ER, Gott, der Herr, mich immer zum frischen Wasser geführt? Sicher nicht, und trotzdem ist dieser Psalm der bekannteste und beliebteste Psalm der Bibel bis heute. Gerade auch in seinen alten wohlvertrauten Worten, die allerdings jüngeren Ohren ersteinmal erschlossen sein wollen.
Und dass uns im Leben nichts mangelt, auch wenn so Vieles fehlt, ist einer der Spitzensätze unseres Glaubens.
Geld fehlt, und wird knapp in unseren Familien, es tut weh und macht Sorgen, und doch entscheidet sich unser Glück nicht daran. Schulden drücken, und irgendwo fehlt immer ein Quentchen Gesundheit zu unserem Glück, und doch leben wir, und können ganz tief Vertrauen empfinden, Segen und Glück. Es fehlt an Manchem. Das iPhone, das ich mir nicht leisten kann. Vielleicht aber ein iPad? Die Reparatur des Autos, neue Winterreifen, einen Zahnersatz. Und höre dabei die Worte: es soll dir nichts mangeln. In allem, was fehlt, soll es mir, in meiner Seele nicht mangeln.

Von Gott, dem Hirten, wird weiter gesagt: er erquickt meine Seele. Ja, das habe ich oft erlebt, dass bei allem meine Seele erquickt wurde. Wieder so ein Wort. So, wie es auf dem Denkmal vor unserer Kirche in Münkeboe steht, wo der Christus mit ausgebreiteten Armen den Menschen im Dorf zuruft: »Kommet her zu mir alle, ich will euch erquicken.«
Und wieder das befremdete Rätselraten einer Konfirmandin, was das denn heisse: quicken? Quick? So alte Worte, und doch bilden sie die Grundsubstanz von Zufriedenheit und Glück in unserem Leben, was wir Segen nennen: Es soll dir nichts mangeln in deinem Leben, ER erquickt deine Seele.

Ich denke an die Worte des Liedes von Eugen Eckert:

Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mir die Hände reicht.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mit mir Wege geht.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da,
der mich mit Kraft erfüllt.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da,
der mir die Hoffnung stärkt.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da,
der mich mit Geist beseelt.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da,
der mir das Leben schenkt.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsre Vernunft,
der halte unsren Verstand wach
und unsre Hoffnung groß,
und stärke unsre Liebe.

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Nun schreiben wir im Konfa erstmal diesen Satz und hängen ihn mit großen Buchstaben in die Kirche. Und singen dies Lied.
Mal sehen, was sich tut.
Und Ihnen – eine herzliche Einladung in die Gottesdienste am morgigen Sonntag!

Wolfgang Beier, Pastor an der Kirche Zum Guten Hirten in Münkeboe-Moorhusen

8. Oktober 2011: Auch der Herbst hat schöne Tage

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

Selbst die eifrigsten Verwender des Satzes: „auch der Herbst kann noch schöne Tage ha­ben…“ können sich dieser Tage nicht mehr ver­trösten. Blätter fallen, Regen und Nebel legen sich über das Land. Man kann durchaus die Schönheit der Land­schaft bewundern – weil knorrige Äste die Phantasie anregen, wenn Sie sich durch das Gemisch aus Regen und Nebel strecken. Das gibt so schaurig schöne Landschaftsbilder…
Auch wenn sich Kühe oder Pferde vom abendli­chen Bodennebel halb verschluckt vor unterge­hender Sonne abzeichnen – dann ist das allemal ein schönes Bild.
Andere sehen dem Herbst mit Bangen entgegen. Denn: viele Menschen empfinden in den Tagen des Herbstes einen tiefen Schmerz. Schwermut breitet sich in ihnen aus. Und sie empfinden eine Verlorenheit, die Kraft und Mut zum gelingen­den Leben nimmt.
„Red´ dir doch nichts ein!“ hört man gutmei­nende Ratgeber dann sagen und „Reiß´ dich mal zusammen!“.
Und irgendjemandem fällt dann bestimmt der unvermeidliche Spruch ein: „Auch der Herbst hat schöne Tage. Allein schon die klare Luft und wenn alles so frisch nach Erde riecht.
Mach Dir eine Tasse Tee, setz Dich auf Dein Sofa und deck Dich warm zu! Genieß das doch einfach! Und denk an etwas Schönes!“
Das Problem ist: diejenigen, die die Schwermut nicht kennen, diese Melancholie der Seele, de­nen fällt es schwer, Menschen mit Schwermut angemessen zu begegnen. Zu sehr sind wir alle gewohnt, dass dann eine Fassade errichtet wird.
Zu gern nehmen wir seelisch Schweres nicht ernst. „Alles ist leicht, nimm´s nicht zu schwer!“
Freundlich-fröhliche Menschen überall – aber wie sieht es innen aus, in den Gedanken, in der Seele?
Es ist schon ein großer Schritt für diejenigen, die an Depressionen leiden, die Fassade fallen zu lassen und die eigene Schwermütigkeit anzu­nehmen, um etwas dagegen zu tun. Und be­stimmt hilft es, sich dann der modernen Medizin anzuvertrauen.
Aber: Schon in den 50er Jahren schreibt der Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini: „Die Schwermut ist etwas zu Schmerzliches, und sie reicht zu tief in die Wur­zeln unseres menschlichen Daseins
hinab, als dass wir sie der Medizin allein über­lassen dürften…“ Und er nennt Formen der Reli­gion, die Praxis des Glaubens als taugliches Mittel, mit der Erfahrung der Schwermut umzu­gehen.
Menschen aller Zeiten kennen das Phänomen der Schwermut. Es gibt einige Berichte (gerade von tief gläubigen Menschen) in denen be­schrieben wird, wie sie immer wieder hart mit sich ringen mussten, weil die Schwermut auf ihnen lastete.
Was unsere Väter und Mütter im Glauben dage­gen taten, war gar nicht so weit entfernt von dem oben genannten Rat entfernt: „Denk an et­was Schönes!“
Sie haben sich bewusst Zeit genommen, um in der Bibel zu lesen. Sie haben gebetet. Sie haben Choräle gesungen – immer und immer wieder in den Momenten, in denen sie die Schwere ihrer Seele gespürt haben. Denn ihnen war bewusst, das die Lebensschwere nicht unserer eigentli­chen Bestimmung entspricht.
Nicht im Sinne eines „Reiß dich zusammen“ sind sie den dunklen Zeiten begegnet. Sie haben ihre Situation ernst genommen und haben dem das Helle entgegengestellt, das Gott durch Jesus Christus in unsere Welt hineingetragen hat.
Mache dich auf und werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“ (Jesaja 60,1) lautet die Losung für diesen Sonntag und als Wochenspruch be­gleitet uns: „Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Licht und ein unver­gängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Timotheusbrief 1,10b).
Zwei „Licht-Texte“, die das Dunkel dieser Zeit und das Dunkel unserer Seele durchdringen, damit es uns leicht wird, wenn die Schwere drückt.

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn  und Tim­mel

1. Oktober 2011: Der Tisch – Gastgeber, Pädagoge und ein Gleichnis für den Himmel

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in der Friedensgemeinde Wiesmoor

Freunde erzählten uns neulich, wie schwer es sei unter der Woche die ganze Familie an einen Tisch zu bekommen. Die Arbeitszeiten der Eltern, die Kinder mit langen Schultagen oder noch das Sportprogramm am Abend, machen es nicht einfach, dass immer alle da sein können und dass Zeit da ist in Ruhe am Tisch zu essen und zu erzählen, was jeder erlebt hat und ins Gespräch zu kommen. Ja, manchmal muss sich die Familie schon richtig verabreden, um zusammen zu kommen.
Der Tisch ist für mich dabei viel mehr als ein funktionales Möbelstück.
Was wäre das Leben ohne einen Tisch, an dem wir unseren festen Platz haben?
Wie schön ist es, sich an einen einladenden gedeckten Tisch zu setzen und willkommen zu sein. Ich weiß noch, dass wir als Kinder gerne unter dem Tisch in der Küche saßen, dort ungestört spielen konnten und den Erwachsenen zuhörten.
Geprägt durch die landwirtschaftliche Arbeit und den Tagesrhythmus gab es feste Mahlzeiten, wo die Familie am Tisch zusammen kam, das Tischgebet Mittags wurde von der Großmutter gesprochen, für uns als Kinder selbstverständlich. Die gemeinsame Mahlzeit, um zur Ruhe zu kommen, sich zu besprechen, Ärger los zu werden, aber auch das Essen und die Gemeinschaft zu genießen und zu lachen.
Und im Laufe des Lebens sind noch viele andere Tische dazu gekommen. Das Pult in der Schule, der Tisch eines Freundes und die zahllosen anderen Tische, an denen wir feierten oder bis in die Nacht redeten.
Und dann irgendwann der Gang zu zweit in ein Möbelgeschäft: Was für ein Gefühl, den ersten eigenen Tisch zu kaufen. Dann daran die ersten Mahlzeiten, die ersten Gäste, das erste Kind…
Der Tisch ist Gastgeber, Pädagoge und ein Gleichnis für den Himmel.
Am gemeinsamen Tisch wird das Leben geteilt; diskutiert und im Gespräch nach Lösungen gesucht, Werte vermittelt.
Jesus hat einmal gesagt: “Es werden kommen vom Osten und Westen, vom Süden und vom Norden und zu Tische sitzen.“ So beschreibt Jesus das Reich Gottes. Es ist ein großer Tisch, an dem wir einen Platz haben. Wo wir aus allen Himmelrichtungen erwartet werden. Gespannt bin ich schon jetzt auf die Tischordnung. Denn die wird anders sein als an den Tischen unserer Welt. Ich stelle sie mir so vor: Das Essen reicht für alle. Einer hört dem anderen zu. Und für diese Mahlzeit am Tisch Gottes haben wir alle Zeit der Welt.
Am Sonntag wird in unseren Kirchen das Erntedankfest gefeiert. In unserer Gemeinde gibt es nach dem Gottesdienst ein gemeinsames Essen, kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, alte und junge.
Für mich ist das auch schon ein Gleichnis für den Himmel, ein Vorgeschmack.
Und in der nächsten Woche will ich versuchen, bewusster, die Familie an einen Tisch zu bekommen….

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in der Friedensgemeinde Wiesmoor

24. September 2011: Burnout

Heinfried König, Pastor in Aurich-Lamberti

Wir Menschen leben mit einer großen Sehnsucht anerkannt und geliebt zu werden. Und wie viel tun wir dafür, dass es so wird? Wir unterwerfen uns einem Leistungsstress im Beruf, wollen es „zu-etwas-bringen“, Karriere-machen, Reich-werden. Oder wir versuchen mit übermenschlichen Leistungen im Buch der Rekorde unsere Sehnsucht erfüllt zu finden. Gehen ins Urwaldcamp. Menschen lassen sich in Castingshows schikanieren und demütigen. Wiederum andere spenden und engagieren sich für karitative Projekte, manchmal in der mutmaßlichen Vorstellung, der liebe Gott könnte ja ein Buchhalter sein und ein Payback-Konto führen. Alles mit dem Ziel, bei ihm gut „angeschrieben“ zu sein.
Wiederum, wer von uns will nicht alles recht machen? Wer möchte nicht ein rechter Vater, eine rechte Mutter, ein rechter Ehemann, eine rechte Ehefrau sein? Wer möchte nicht „gut“ sein in seinem Beruf und auch in seinem Hobby? Wer möchte nicht, wenn er aus dem Arbeitsleben ausscheidet, etwas Tüchtiges geleistet haben? Nur: Wer bewertet das? Wer kann wirklich sagen, ob wir gut sind? Im Übrigen, wem ist das überhaupt wichtig – außer uns selbst? Wer fragt danach, wie wir in unserem Leben zurechtkommen? Wem sind wir wirklich wichtig? Müssen wir nicht alles viel zu sehr mit uns allein ausmachen? Wie sehr sehnen wir uns nach einer guten Meinung über uns und sind doch zutiefst unsicher. Mit wie vielen Ängsten gehen Menschen durch die Welt, die eben darin ihre Ursache haben?
Burnout – „ausbrennen“ nennt die Medizin diesen Zustand, in den Menschen hineingeraten können. In den letzten Jahren haben wir immer mehr davon gehört. In dieser Woche trat Ralf Rangnick als Schalke-Trainer zurück, weil ihn der Stress und der Leistungsdruck an Grenzen gebracht hat. Wir haben von Markus Miller, Torwart von Hannover 96, gehört, auch er outete sich, dass er Opfer von Streß und Leistungsdruck geworden ist. Viele Ärzte sind der Meinung, dass diese Krankheit schon wesentlich verbreiterter ist, als wir gemeinhin annehmen. Was kann der Glaube da tun? Zum einen hat unsere Sehnsucht nach Anerkennung im Glauben ein Ziel gefunden. Und das andere ist, sich Jesus anzuschauen. Er war einer der zuversichtlichsten Menschen aller Zeiten. Er strotzte vor Selbstvertrauen. Er glaubte an sich selbst. Stand in ständigem Kontakt mit seinem Vater und hatte, wenn man so will, einen inneren Anker: „Warum liebt ihr die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott?“ (Johannes 12, 43)
Wer an Gott glaubt, braucht nicht Gott zu sein und Gott zu spielen. Er muss nicht der Gesündeste, der Stärkste, der Schönste, der Erfolgreichste sein. Der Glaube befreit von diesem Zwang. Er schenkt uns ein Leben, das den Tod im Rücken hat und die stete Gemeinschaft mit Gott als Zukunft vor sich sieht. Ja, und dann können wir befreit von der Sorge um uns selbst, Karriere machen, Leistungen erbringen, mit dem Wissen, wir sind mehr als unsere Leistung. Wir sind beschenkt mit dem Christus in uns.

Heinfried König, Pastor in Aurich-Lamberti

17. September 2011: Brot und Milch

Georg Janssen, Pastor in Ihlow

„Trinkt ihr so viel Milch?“ Flavia schaute uns ganz erstaunt an. Flavia ist Ende 50 und kommt aus Peru. Sie ist Bäuerin. Der kleine Hof, den sie bewirtschaftet, liegt hoch in den Anden. Seit gut einer Woche ist sie zu Gast in Deutschland. Von ihrem Hof in den Bergen bis nach Hannover war sie eineinhalb Tage unterwegs. Es ist die erste Reise ins Ausland für sie. Sie ist in diesen Tagen mit einer Gruppe von „Brot für die Welt“ in Ostfriesland unterwegs, um in verschiedenen Kirchengemeinden aus ihrer Heimat zu berichten. Am Donnerstag war die Gruppe bei uns in der Kirchengemeinde zu Gast. 50 Konfirmanden hörten gespannt zu, wie sie von ihrem Leben erzählte. Sie beschrieb ihren kleinen Acker, von dem ihre Familie satt werden musste. Er war voller Steine, aber in guten Jahren konnte sie dem Boden so viel Mais und Kartoffeln abringen, dass sie sogar etwas verkaufen konnte. In schlechten Jahren gab es nur wenig zu essen. Was ihr denn bei uns besonders aufgefallen sei, wurde sie gefragt. „Ihr habt so viele Kühe auf dem Land. Trinkt ihr so viel Milch? Ihr habt auch so große Felder mit Mais und Kartoffeln. Braucht ihr das alles selber?“

Zwischen den Konfirmanden und den Mitarbeitern von Brot für die Welt entwickelte sich eine spannende Diskussion, ausgelöst durch die Fragen: Braucht ihr eigentlich all das, was ihr verbraucht? Ist es gerecht, dass ein kleiner Teil der Weltbevölkerung – und wir gehören dazu – solch einen großen Teil der Rohstoffe und Nahrungsmittel für sich beansprucht? Ist es akzeptabel, dass von diesen Lebensmitteln ein Drittel im Müll landet? „In Wien wird so viel Brot in den Müll geworfen, wie in der nächstgrößeren Stadt Graz verbraucht wird!“ wusste einer. „Das wird bei uns nicht anders sein! Wir werfen Lebensmittel weg und anderswo hungern die Menschen, weil das Getreide aus vielen Ländern zu uns kommt und nicht zu ihnen,“ meinte ein anderer. Eines war am Ende des Nachmittags allen deutlich geworden: „Es ist genügend Getreide auf der Welt vorhanden, um alle Menschen satt zu machen – es ist nur ungerecht verteilt.“

Als wir draußen noch mit einigen Konfirmanden zusammen standen, sagte eine Konfirmandin nachdenklich: „Was mag die Frau wohl in Peru über uns erzählen?“

Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

11. September 2011

Andreas Scheppre, Pastor in Westerende

An den 11. September vor zehn Jahren erinnere ich mich sehr genau. Ich habe an einer Fortbildung in Oldenburg teilgenommen. Wir waren in einem Gebäude der Uni, ganz für uns, und niemand verfolgte die Nachrichten mit. Die Handys waren alle ausgeschaltet.

Mein Autoradio funktionierte nicht, so dass ich auch auf der Rückfahrt am Abend keine Nachrichten hörte. Am 11. September habe ich Geburtstag. Ich freute mich auf die Freunde, die nachher kommen würden, und hielt den Geburtstag von Franz Beckenbauer für das bedeutsamste historische Ereignis an einem 11. September.

Zuhause angekommen wunderte ich mich, dass einfach so der Fernseher im Wohnzimmer lief. Meine Frau macht tagsüber nie den Fernseher an, vor allem lässt sie ihn nicht laufen und geht dann weg. Ich sah die Bilder von den Flugzeugen, die in die Türme des World Trade Centers flogen und hielt das für einen der üblichen amerikanischen Katastrophenfilme, bis meine Frau kam und ich erfuhr, was los war.

Für mich haben die Ereignisse des 11. September etwas Unwirkliches. Das geht vielen so. Und das war ja auch ein Ziel der Anschläge, die Selbstsicherheit unserer westlichen Zivilisation zu erschüttern und zu verstören. Diese Wirkung haben die Attentate auch nach zehn Jahren.

Einfache Antworten gibt es nicht. Man kann nicht die Opfer der Terroranschläge gegen die Opfer der westlichen Wirtschafts- und Außenpolitik verrechnen. Wir müssen kritisch und selbstkritisch werden gegen das Gewaltpotential, das in vielen Religionen steckt – genauso wie in nichtreligiösen Ideologien. Dieses Gewaltpotential liegt immer in der Selbstanmaßung und Selbstüberschätzung von Menschen, die die eigene Wahrheit als Anspruch gegen andere richten und damit Gewalt legitimieren. Das gibt es in der Geschichte des Christentums und des Islam genauso wie in anderen Religionen und in nichtreligiösen Weltanschauungen.

Glauben an Gott heißt für mich: zweifeln. Zweifeln an den Absolutheitsansprüchen, die Menschen gegeneinander richten. Zweifel an der Selbstanmaßung, mit der die eigene Überzeugung Menschen dazu führt, andere abzuwerten und abzulehnen. Glauben heißt für mich auch: zweifeln an den einfachen Erklärungsversuchen. Die Frage nach den Ursachen des Terrors und dem Ausweg aus dem Terror müssen differenziert und vielschichtig bedacht werden. Vielleicht ist die Skepsis hier hilfreicher als die Patentrezepte. Und Fragen bringen mehr als pauschale Antworten.

Landesbischof Meister hat in einem Brief an alle Kirchengemeinden dazu aufgerufen, dass die drei Religionen Abrahams – Judentum, Christentum, Islam – für sich ihren Friedensauftrag formulieren. Er schreibt: „Als Christinnen und Christen bleiben wir an den Friedensauftrag Jesu gebunden und hören ihn immer wieder als aktuelle Herausforderung für das Leben in einer gewalttätigen Welt. Das verbindet uns mit der Gemeinschaft aller, die sich durch ihren Glauben zum Frieden beauftragt wissen.“

Ein Beitrag zu diesem Frieden ist, dass wir am Sonntag zur Wahl gehen und Männer und Frauen wählen, die für eine demokratische Partei einstehen. Ein Beitrag für den Frieden ist, dass wir dort, wo wir mit anderen Menschen zusammen leben und arbeiten, uns für Toleranz, Offenheit und faire Konfliktlösungen einsetzen, dass wir verbinden und Brücken bauen, anstatt abzugrenzen. Alles, was in unserem Alltag und in Entscheidungen von Politik und Wirtschaft geschieht, hat Folgen für Menschen bei uns und in anderen Ländern. Dafür sensibel sein, Verantwortung für das eigene Tun übernehmen und trotz eigener Fehlerhaftigkeit das Richtige zu tun versuchen, damit wäre schon viel gewonnen.

Pastor Andreas Scheepker, Westerende

4. September 2011: Zeit für mich, Zeit mit anderen

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

Was würden Sie an einem freien Nachmittag lieber machen, wenn Sie die Wahl hätten? Einen Wellness-Nachmittag ganz für Sie alleine oder eine Fahrradtour mit Freunden?

Schwierige Frage, oder? Die Antwort hängt für mich sehr von der Situation und der Tagesform ab. Manchmal muss ich einfach alleine sein, um abschalten zu können. Aber immer nur allein, das wäre schrecklich!

Neulich hat mir jemand eine Karte geschenkt, auf der der Spruch stand: „Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Das sehe ich genauso.

Vielleicht kennen Sie das auch: Man ist morgens noch etwas müde, nicht so gut drauf und dann trifft man jemanden auf der Straße, sagt sich „Moin“, wechselt ein paar Worte – und schon sieht die Welt wieder anders aus. Ja, es sind wirklich die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.

An diesem Wochenende feiern wir in Wiesmoor das 60. Blütenfest. Ich freue mich schon auf viele Begegnungen!

So schön es aber auch ist, andere zu treffen oder etwas mit ihnen gemeinsam zu unternehmen: Irgendwann muss man aber auch wieder allein sein.

Die Lebenskunst besteht darin, das Gleichgewicht zwischen der Zeit, die ich für mich alleine brauche, und der Zeit, die ich mit anderen verbringen möchte, zu finden. Wenn ich nur alleine bin, vereinsame ich. Und wenn ich gar nicht mehr alleine bin, komme ich nicht zur Ruhe. Den guten Mittelweg zu finden, ist oft gar nicht so einfach.

Für mich ist Jesus dabei ein gutes Vorbild. Immer wieder wird in den Evangelien erzählt, dass Jesus für sich alleine sein wollte, um zu beten. Auf der anderen Seite suchte er sich Menschen, die sich mit ihm gemeinsam auf den Weg machten. Er hat auch gerne mit anderen zusammen gesessen und mit ihnen gegessen und getrunken.

Im Glaubensleben ist auch beides wichtig: Zeit für sich alleine haben und Zeit mit anderen verbringen. Ich brauche Zeit für mich, um zur Ruhe zu kommen, um zu beten oder um für mich in der Bibel zu lesen. Auf der anderen Seite brauche ich den Austausch mit anderen über die Bibel und den Glauben. Und ich brauche den Gottesdienst, der mir wieder neue Kraft gibt und neue Gedanken bringt.

Jesus hat einmal gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20) Das ist der Bibelspruch für den Monat September.

Ich bin mir sicher: Jesus ist auch dann da für uns da, wenn wir für uns alleine sind. Mit diesem Satz warnt er uns aber davor, unseren Glauben ganz und gar alleine zu leben. Der Glaube verkümmert, wenn er überhaupt nicht gelebt wird. Er verkümmert aber auch, wenn er nicht mit anderen gelebt wird.

Am Sonntag feiern wir in Wiesmoor Gottesdienst auf der Freilichtbühne. Da werden sicher mehr als zwei oder drei in Gottes Namen versammelt sein. Das wird bestimmt ein ganz besonderes Erlebnis! Aber auch ein Gottesdienst, zu dem viel weniger Menschen kommen, kann mir neue Kraft schenken. Und auch, wenn ich nur mit einem anderen Menschen über den Glauben spreche, ist Jesus dabei.

Ich wünsche Ihnen an diesem Wochenende Zeit für gute Begegnungen und Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Nehmen Sie sich auch Zeit für Gott, damit er Sie neu mit seiner Kraft erfüllen kann.

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

27. August 2011: Wie im Himmel

Diese Gefühl vergisst man(n) nicht:  Zum ersten Mal war ich verliebt. Alles um mich herum war wunderbar und schön und mit einer rosaroten Brille auf der Nase wähnte ich mich wie im (siebten) Himmel! Sobald ich meine Liebste auch nur ansah, fühlte ich mich dieser Welt enthoben, auf Wolke sieben! Aber. Gibt es so etwas auch dauerhaft: Sich wie im Himmel zu fühlen?

Kasten Beekmann, Pastor in Walle

Kasten Beekmann, Pastor in Walle

Wenn ich mir selber den Himmel vorstelle, dann denke ich zum einen an Wolken, Weite und grenzenlose Freiheit. Und: Ich denk an Geborgenheit und Liebe. Woran das wohl liegt? Nicht umsonst unterscheidet die englische Sprache bei dem Wort Himmel zwischen „Sky“, das den blauen Wolkenhimmel bezeichnet und „Heaven“ das unsere Sehnsucht nach einer anderen angst- und  „wolkenlosen“ Welt zu beschreiben versucht. In einer Bitte des berühmten Vaterunsers heißt es dazu: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Und wenn dies nicht nur eine undefinierbare Sehnsucht, sondern auch ein festes Vertrauen auf Gott ausdrückt, dann könnte von IHM her tatsächlich der Himmel auf diese Erde kommen. Ich persönlich glaube, dass Jesus diesen Satz nicht von ungefähr gesagt hat. Denn er meinte damit: Seid Wachsam: Der Himmel als ein ewiges Leben bei Gott  beginnt nicht erst in einer fernen Zukunft, die wir vielleicht herbeisehnen oder auch mit einem müden Lächeln von uns schieben! Nein: Der Himmel beginnt hier und jetzt, in unseren Beziehungen und Familien, bei der Arbeit und auch am Wochenende, wenn wir frei haben. Als Jesus einmal von einem reichen Mann gefragt wird: „Meister was muss ich tun,um das ewige Leben zu bekommen.?“, das sagt Jesus zu ihm: Verkaufe alles, was du hast, gib`s den Armen und folge mir nach.“ (Lk 18)  Und als der Mann diese Worte hört, da dreht er sich um und geht traurig davon . denn er hat gemerkt. Hier geht es nicht um ein Irgendwann, sondern um mein HIER und JETZT. Das bedeutet also: Der Himmel als Ort der Geborgenheit bei Gott beginnt nicht erst dann, wenn wir von dieser Welt Abschied nehmen, sondern HEUTE und HIER, wenn wir ein Leben in der Nähe zu Jesus Christus und zu anderen  hier und heute beginnen. Und wenn das wirklich stimmt, dann dürfen wir tatsächlich diese Welt jeden Tag mit mit GOTTES Augen der Liebe und Vergebung nicht nur sehen, sondern auch so verändern, dass  wir ein ganz kleines Bisschen von dem erleben, was uns auch am Ende der Bibel versprochen wird „Und siehe, ich sah einen neuen Himmel und eine neue  Erde“ (Offenbarung 21) Und dieser angst- und sorgenfreie Himmel bei Gott wird dann tatsächlich  tausendmal schöner sein als jeder noch so gefühlsselige  siebte Himmel  hier auf der Erde. Also, wenn DAS keine Perspektive ist…

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

20. August 2011: „… und seine Wahrheit für und für.“

Dr. Detlef Dieckmann, Pastor in Engerhafe

Normalerweise geht mein Schwiegervater nicht in Gottesdienste, in denen er sich selbst beteiligen soll. So meidet er grundsätzlich Familiengottesdienste. Doch diesmal hatten wir nicht auf den Plan geschaut, und so fand sich mein Schwiegervater unversehens mit uns in einem Familien-Taufgottesdienst wieder. Zum Glück war es halb so schlimm: Er musste nur auf einen Zettel schreiben, was er den Täuflingen wünscht. Nachher fragten wir einander: „Was hast du den Kindern gewünscht?“ –„Frieden, Gesundheit, Glück!“ wünschten viele. Doch mein Schwiegervater sagte: „Wahrhaftigkeit.“ Warum? „Weil das die Grundlage für unser gemeinsames Leben ist.“

Daran musste ich in dieser Woche denken, in der die Schulanfängergottesdienste anstehen, und ich mich fragte: Was möchten wir den Kindern mit auf ihren Weg geben? Was haben sie schon gelernt und nehmen sie nun mit in die Schule? Und was werden sie noch lernen?

Vor allem lernen unsere Kinder ja mit den Händen. Schon als Säuglinge beginnen sie, Dinge zu begreifen, im Kindergarten lernen sie dann, mit ihren Händen immer mehr zu gestalten, und nun in der Schule fangen die Kinder an, mit ihren Fingern über Buchstaben und Worte zu fahren und Zahlen zu schreiben.

Doch in den Schulstunden, auf dem Pausenhof und nach der Schule lernen Kinder noch viel mehr als „nur“ Buchstaben und Zahlen: Sie erfahren, dass Hände oft gemeinsame Sache machen, sich begegnen und helfen, aber auch einander drohen und sogar wehtun können. Kinder lernen, dass es auch Streit geben kann, der manche aus ihrer Gemeinschaft ausschließt. Und wenn es so ist, wie es sein sollte, dann lernen Kinder dabei, sich auseinanderzusetzen, ohne einander zu verletzen, sich wieder zu vertragen oder, wenn das nicht klappt, sich an Erwachsene zu wenden, die den Streit schlichten. Und schön ist es für Eltern zu sehen, wenn dabei Freundschaften wachsen. Nicht mit allen und nicht zu jeder Zeit. Denn selbst die dicksten Freundschaften ihre Tiefpunkte. Und Freundschaften können schnell wechseln. Aber sie können im Laufe der Monate und Jahre auch fester werden, die Kinder merken: mit der kann ich gut spielen, der geht mit mir durch dick und dünn, auf die kann ich mich verlassen, dem kann ich vertrauen.

Und so lernen sie das, was mein Schwiegervater damals den Täuflingen wünschte: dass es Verlässlichkeit zwischen Menschen gibt, dass mir jemand die Wahrheit sagt, dass es Wahrhaftigkeit gibt und dass dies die wahre Grundlage für unser Miteinander ist. Am besten lernen die Kinder das natürlich, wenn wir Erwachsene ehrlich und wahrhaftig zu ihnen und zueinander sind.

Doch da hapert’s eben oft. Nicht selten sind wir Erwachsene der Ansicht, man müsse auch mal Fünfe gerade sein lassen – zum Beispiel, wenn es ja alle machen, oder andere noch viel schlimmer sind, oder wenn angeblich niemand einen wirklichen Schaden erleidet, oder einfach nur aus Freude, sich beim „Schummeln“ nicht erwischen zu lassen. Wie können wir ehrlich werden oder bleiben? Wie können wir wahrhaftig leben? Wie können wir unseren Kindern gute Vorbilder werden?

Einen möglichen Weg zeichnet die Bibel vor. Sie verbindet die Wahrhaftigkeit, die Verlässlichkeit ganz eng mit Gott und sagt sogar: Gott ist Wahrheit (Ps. 31,6). „Wahrheit“ heißt auf Hebräisch ämät. Das Tätigkeitswort dazu ist aman, wir kennen es von der Bekräftigung „Amen“, die so viel bedeutet wie: „Wahrhaftig!“ Oder: „So sei es!“ Das Verb aman wird übersetzt mit „glauben, vertrauen, etwas als verlässlich nehmen.“ Wenn ich also an Gott glaube, dann bekenne ich mich nicht einfach nur zu der Ansicht, dass es ein höheres Wesen gibt. Wenn ich an Gott glaube, dann verlasse ich mich wirklich, dann vertraue ich tatsächlich auf einen, der die Wahrhaftigkeit schlechthin ist.

Und das verändert mein Leben: Ich lerne die Wahrhaftigkeit kennen, ich habe jemandem, dem ich immer ehrlich sagen kann, was mich bedrückt oder was ich falsch gemacht habe, weil ich auf seine Gnade bauen kann: „Denn der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für“ (Ps 100,5). Und so kann ich dann auch ehrlich zu mir selbst sein, zu meinen Kindern und zu anderen Menschen. Wahrhaftigkeit! Das wünsche ich mir, Ihnen und in diesen Tagen ganz besonders allen Kindern mit ihren Familien, für die die Schule beginnt.

Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in Engerhafe

13. August 2011: Glaubwürdig bleiben

Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn

Fahren auch Bauern mal in den Urlaub? Besorgt fragte ein Hörer telefonisch nach, als es vor kurzem in einer Radiosendung um die Chancen der ökologischen Landwirtschaft ging. Im Studiogespräch berichteten junge Landwirte davon, mit wieviel Arbeit das nachhaltige Bewirtschaften ihrer Höfe verbunden sei, Tag für Tag. Und dann dieser Stoßseufzer eines mitfühlenden Hörers am Telefon: Macht ihr denn niemals Urlaub? Die Antwort fiel zwiespältig aus. Natürlich müsse auch mal eine Reise drin liegen, so schwer das auch zu organisieren sei, sagte einer der Betroffenen, schon wegen der Kinder. Denn die hätten schließlich auch das Recht, ihre Eltern wenigstens einmal im Jahr nicht immer nur bei der Arbeit zu erleben. Auf Urlaub könne er gut verzichten, hielt ein anderer Gesprächspartner selbstbewußt dagegen. Schließlich wohne er mit seiner Familie in einer Gegend, wo im Sommer genügend Gäste anreisten, um bei ihm auf dem Hof ihre schönsten Wochen des Jahres zu verbringen. Gleich vor der Haustür habe man doch alles, was das Herz begehrt: eine herrliche Landschaft und prächtiges Wetter. Kein Wunder, ist er doch in Oberbayern zuhause, der beliebtesten Urlaubslandschaft Deutschlands. Hier in Ostfriesland sehen wir das genauso. Trotz des mäßigen Sommers kamen in diesen Wochen auch zu uns wieder zahlreiche Gäste aus genau dem gleichen Grund: die Ruhe und die schöne Gegend zu genießen, den hohen Himmel darüber und die gute Luft. Was sollen wir da noch selber wegfahren? Dennoch zieht es so manchen wieder in die Ferne, sobald sich die Ferien nahen. Einmal richtig rauskommen und Abstand gewinnen vom Alltagstrott. Nicht nur, aber auch der Kinder wegen. Raus in die Natur und andere Gegenden kennen lernen. Möglichst unberührt soll unsere Urlaubslandschaft sein. Das erwarten auch unsere Gäste an der Küste und im Hinterland. Vor gut hundert Jahren hat das Fernweh begonnen. Wer es sich damals schon leisten konnte, der packte im Sommer seine Koffer und verreiste an die See. Oder in die Berge. Zur Sommerfrische, wie es damals hieß. Und die Kirche reist mittlerweile hinterher mit ihren Angeboten für Urlauber, zu uns an die Küste, aber auch durch ganz Europa. Auf den hiesigen Campingplätzen betreut die evangelische Urlauberseelsorge die Reisenden. Damit der Urlaub gelingen möge und die Gäste allenthalben die Seele baumeln lassen können. Und neue Kraft schöpfen, nicht nur dank der guten Luft. Seit einigen Jahren verbinde ich unsere Familien-Sommerfrische im Hochgebirge in Kärnten mit diesem so wichtigen Dienst als Kurseelsorger. Es bereitet stets besondere Freude, mit einer bunten, internationalen Schar von Feriengästen evangelische Gottesdienste in einer beeindruckenden, aber ganz überwiegend katholischen Urlaubsgegend zu feiern, manchmal auch an ungewöhnlichem Ort. Den wenigen Protestanten in Kärnten ist in diesem Jahr eine aufwendige Landesausstellung dort gewidmet. „Glaubwürdig bleiben“ – unter dieses Motto stellen die evangelischen Kärntner die Dokumentation ihres bald fünfhundertjährigen „protestantischen Abenteuers“, wie es im Prospekt heißt. Glaubwürdig bleiben: Als Kurseelsorger über diesen Anspruch an uns evangelische Christen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, mit Gästen wie mit Einheimischen, hat den Dienst in diesem Jahr allein schon gelohnt. Und das, obwohl ich selbst noch im Urlaub neben dem Wandern in einer herrlichen Gegend als Pastor arbeite – und eigentlich zuhause bleiben könnte. Denn auch unsere Landschaft kann sich sehen lassen.

Dr. Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn

6. August 2011: Die Flügel der Seele

Ute Beyer-Henneberger, Pastorin und Geschäftsführerin der Arbeitsstelle für Religionspädagogik in Ostfriesland.

„Vergiss nicht, dass deine Seele Flügel hat“ – so lautet ein Buchtitel von Meinhold Kraus. Bilder und Texte laden ein zur Meditation und Besinnung. Ein Bild zeigt einen Kahn im Schilf. Die Sonne scheint, der See liegt still in der Abendstimmung. Einladende Ruhe geht von dem Bild aus. Hier kann man entspannen, abschalten von der Unrast des Tages. Hier kann der Blick nach innen wandern, träumen, die Seele sich aufschwingen und fliegen. Mich hat dieses Foto angesprochen, weil ich ab und an solche Oasen der Ruhe und Entspannung brauche, weil ich Zeit zum Träumen und zur Rückschau brauche auf das, was sich gewandelt hat, was mich verändert hat und die Menschen, die ich gern habe. Viele genießen die Ferienzeit, die schönsten Wochen im Jahr, wie es immer heißt. Und hoffentlich haben viele die Möglichkeit, nicht nur auf Bildern, sondern ganz real solche Plätze zum Träumen und Entspannen zu entdecken und zu genießen. Und hoffentlich wird Ihnen viel Erfreuliches und Gutes durch den Sinn gehen bei der Rückschau auf das, was war. Aber besonders in den ersten Urlaubstagen geht einem auch ab und an das durch den Sinn, was belastend und ungelöst liegengeblieben ist und sich doch still und heimlich in das Reisegepäck der Seele eingeschlichen hat, obwohl man es auf keinen Fall mitnehmen wollte. Mancher versucht durch besondere Fröhlichkeit den unerwünschten Erinnerungen zu entfliehen; andere besichtigen eine Sehenswürdigkeit nach der anderen und suchen in der Aktivität das Vergessen. Jeder und jede kennt die eigenen Strategien, um sich selbst zu erlösen. „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan!“ (Mt 7,7) Dazu lädt der Monatsspruch für den August ein. Diese Einladung Jesu eröffnet eine andere Dimension von Erholung und Entspannung als die, die Freizeitindustrie bieten kann. Bei ihm kann unser Suchen zum Ziel kommen; wir können Ballast abwerfen. Unsere Bitten wird er hören, er hilft tragen, gibt neue Lebenschancen, eröffnet Perspektiven, wo wir keine mehr sehen. Räume öffnen sich – innere und äußere – , in denen wir so sein können, wie wir sind – ohne Fassaden, ohne Leistungsdruck oder Verdrängung von unerwünschten Erinnerungen. In der Stille wird er sich hören lassen. Gönnen Sie sich doch in den schönsten Tagen des Jahres eine Begegnung mit Gott. Erleben Sie einmal wieder, dass Ihre Suche zum Ziel kommt, Bitten erhört werden, gute Orte gefunden werden und Ihre Seele Flügel hat.

Ute Beyer-Henneberger, Pastorin und Geschäftsführerin der Arbeitsstelle für Religionspädagogik in Ostfriesland.

30. Juli 2011: Lieber Gott !?

Hans Hentschel, Pastor in Riepe, mit seiner Frau Hille

‚Also, für mich hat sich der ‚liebe Gott’ erledigt,’ sagt mir die junge Frau, die mir auf meiner langen Bahnfahrt gegenübersitzt. Wir sind ins Gespräch gekommen, weil ich ein Buch lese, auf dessen Umschlagseite mit großen Buchstaben ‚GOTT’ steht. Ich habe im Grunde keine Lust auf ein Gespräch mit der mir fremden Mitreisenden, sage nur: ‚Ach so …’ und lese weiter. ‚Lieber Gott …’, sagt die Frau trotzdem zu mir mit so einem enttäuschten Lachgeräusch in der Stimme. ‚Das habe ich früher gebetet. ‚Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Was für’n Quatsch man als Kind so macht.’ Redet sie wirklich mit mir oder führt sie Selbstgespräche. Ich weiß es nicht so genau. Dann fragt sie mich: ‚Beten Sie ‚Lieber Gott …’ und so?’ ‚Manchmal …’ antworte ich. Sagt sie: ‚Wenn der Gott tatsächlich was zu sagen hat über die Welt und so, dann habe ich mehr Lust ihn mit ‚schlimmer Gott’ anzureden. Man braucht doch nur ein bisschen die Augen aufzumachen und schon sieht man lauter schlimme Sachen in der Welt. Denken Sie doch nur mal an diese Sache in Norwegen. Gut, die Jugendlichen waren vielleicht nicht fromm, aber ich frage mich, ob sie früher nicht auch gebetet haben: ‚Lieber Gott mach mich fromm …’ und dieser Killer da, der war angeblich ein ganz Frommer.’ Jetzt klappe ich mein Buch doch zu und nehme diese Lesebrille ab, die mir nur einen dreißig Zentimeter Scharfblick ermöglicht. ‚Beim Beten geht es nicht darum, ob Sie Gott lieb oder schlimm nennen,’ sage ich. ‚Es geht darum, dass Sie überhaupt mit Gott ins Gespräch kommen. Die schlimmen Sachen in der Welt erschrecken ihn sicher genauso wie Sie. Und dass der Killer von Oslo und Utöya sich als Christ bezeichnet, empfindet er sicher so wie Sie und ich als große Lästerung.’ Jetzt habe ich die junge Frau wohl mit meiner Gegenrede überfahren, denn sie steckt sich den Kopfhörer Ihres I-Pods wieder in die Ohren und schaut zum Fenster raus. ‚Was soll’s?’ denke ich. Im Grunde hatte ich auch kein Interesse an einem theologischen Gespräch in der Bahn mit einer Wildfremden, setze meine Brille wieder auf, nehme das Buch zur Hand. ‚Steht da auch drin, wie Gott so was zulassen kann. Ich meine erst war Fukushima und dann Utöya und wenn ich Ihnen erzähle, was mir schon alles passiert ist, dann fange ich noch an zu heulen …’. Brille wieder abgesetzt. Buch wieder zugeklappt. ‚Klar wird die Frage behandelt, warum Gott so viel Elend zulässt …’. ‚Und … Warum?’ ‚An vielem sind die Menschen selber Schuld. Man kann Gott nicht für Amokläufe oder Klimaveränderungen oder die unberechenbaren Risiken der Kernenergienutzung verantwortlich machen. Gott lässt den Menschen die Freiheit, das Gute zu tun oder sich fürs Gegenteil zu entscheiden.’ ‚Steht das in dem Buch?’ ‚Unter anderem… so ähnlich jedenfalls.’ ‚Beten Sie manchmal oder lesen Sie nur so ein Buch mit so einem Titel wo GOTT groß geschrieben ist?’ ‚Nee. Ich bete regelmäßig.’ ‚Lieber Gott?’ ‚Nee. Ich sage lieber ‚Großer Gott’ oder ‚Heiliger Gott’ oder manchmal auch nur ‚Vater’ …’. Die junge Frau guckt aus dem Fenster, spielt an ihrem I-Pod. Für sie ist das Gespräch wohl beendet. Sie wird sich ihren Teil denken. Brille auf, Buch auf. ‚Wissen Sie, was komisch ist,’ sagt die junge Frau nach einer ziemlichen Weil. ‚Abends wenn ich im Bett liege bete ich manchmal immer noch: Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Ist das nicht eigenartig … Wo ich ihn doch überhaupt nicht lieb finde.’ Ich zucke mit den Schultern. ‚Wichtig ist wohl überhaupt im Gespräch zu bleiben,’ sage ich. Ihnen allen ein gutes Wochenende wünscht

Hans Hentschel, Pastor Riepe

23. Juli 2011: „GRÜEZI MITENAND“ ZUM WOCHENENDE!

Reinhard Uthoff, Pastor der ev.-ref. Gemeinde Aurich

Warum in Schwizerdüütsch? Weil wir an diesen Tagen Gäste aus der reformierten Gemeinde Dinhard in der Schweiz unter uns haben! Am Sonntag feiern wir mit ihnen und mit der lutherischen Paulus-Gemeinde und der lutherischen St. Johannis-Gemeinde zusammen Gottesdienst in der Reformierten Kirche Aurich. Sie ist im Laufe der Jahre eine schöne Tradition geworden, die Auricher Sommerkirche. Reihum laden die beteiligten Gemeinden einander zum Gottesdienst ein Und hinterher geht`s in die Gemeindehäuser: eine gute Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und ein wenig kennen zu lernen. Bei den Reformierten gibt es traditionell Tee und Kuchen, und zum Mittagessen sind unsere Schweizer Gäste dann bei Gemeindegliedern eingeladen. Viele Auricher freuen sich auf die Sommerkirche. Da wird etwas deutlich von der „heiligen, allgemeinen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen“, die Christen im Glaubensbekenntnis bekennen. Schweizer und Deutsche, Menschen aller Zeiten und Völker gehören zur „familia dei“, der Familie Gottes dazu. Im gemeinsamen Gottesdienst und durch die Tischgemeinschaft wird das deutlich. Die Botschaft der Bibel ist, dass unser Gott ein Gott der Gemeinschaft ist. Die Theologie versucht, das mit der Rede von der Dreieinigkeit Gottes auszudrücken. Die Bibel erzählt von Anfang bis Ende Geschichten von dem Gott, der uns Menschen nachgeht, weil er Gemeinschaft sucht. Er fragt den Menschen – hebräisch: adam: „Wo bist Du“. Er steht als Vater vor dem Haus und wartet auf den „verlorenen“ Sohn, so erzählt es Jesus, und so hat Jesus auch seinen eigenen Weg und Auftrag verstanden. Morgen ist wieder ein Sonntag, und in den Kirchen in Stadt und Land wird zum Gottesdienst eingeladen, zur Gemeinschaft. Gott selbst ist der Gastgeber. Keiner wird ausgeschlossen, keine ist unerwünscht. Gut, wenn auch Sie kommen. Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihr

Reinhard Uthoff, Pastor der ev.-ref. Gemeinde Aurich

16. Juli 2011: Dat helpt di wieder!

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

Wat mi Fründ Hinni is, de hett alltied Last mit Knaaken. Mal knippt dat hier, mal knippt dat dor, he hett dor völ Gedoo mit. Nu hett he bi´d Dokter west un de hett hum wat upschreeben, wat he in sien Tubbe geeten kann, heet Water drup un denn sull hum dat mit sien seehre Knaaken düchdig wiederhelpen. Nu is dat ja wat heel Besünners, wenn Mannlüe na´d Dokter henmutten off wenn Mannlüe wat in innehmen un inschmeeren söllen – wo stuur fallt de Mannlüe dat un wat hollt dat smalls n Sett an, bit ´se dat Wark ut Aptheek an hör Lebend laaten. Hinni hollt dat Wark leever in´t Schkapp un hett nu ja wat in Huus, wenn dat noch mehr kniepen of noch maller worden sull. Fragst du hum: „Hinni, wo hett di dat gefallen mit dat Goodje för´d Badwanne?“ Denn seggt he mit n´Schmüsterlaggen: „Dat Wark is so good, dat helpt sachs ook to´d Schkapp ut.“ Mien Frau meent alltied, so leep mach dat mit Hinnis Knaakenpien wall noch neet wesen, wenn dat mit Hülpe to´d Schkapp ut noch daan is. Weest du, wat ik löv? Mennig en deiht nett as Hinni wenn dat um Gotts Woord deiht. Mi dünkt in de meeste Hushollen in uns Kuntrei is n´Bibel to finnen. Gotts Woort, de to´d Kunfemation, to´d Hochtied off van Opa un Oma off van annerswor her in´t Hus komen is. Un wor is de Bibel? Heel faak steiht he in´d Schkapp. Hen un her sogor mit Gold an´d Sied of mit mooien Bild drup, neet offstött un fein up Stee. Man: in´d Schkapp steiht un he kann d´r neet ut. Off ook wall Lüe geben deiht, de denken so as Hinni: Gotts Woort, dor sitt sovöll in, dat is so goot, de helpt sogor to´d Schkapp ut? Gotts Woort kann wir´s n´heel Bült, dat löv man! Mehr as wi beid mitnanner uns vörstellen könen! Man am besten helpt di dat, wenn du`t to´d Schkapp utkriegen deihst un schleihst hum open un fangst an´d lesen. Jüst in disse Maanten nu in´d Sömmer hett menig een n´bietje mehr Tied as anners un will ook wat doon för Liev un Seel. Dorum: maak di mal ran un haal dien Bibel to´d Schkapp ut. Du sallt di wunnern, wat dor insitten deiht! Wenn du neet weest, wor du mit anfangen wullt, nehm di de Pessalms vör. De hebben Minsken alltied weer lesen un beed,Mannlüe un Fraulüe, Kinner, ja heel Gemeenden un hemm sück dor Stöhn un Mood ut haalt, Un se hemm de Heer dor in funnen, de seggen deiht: wenn´t ook noch so düster um di to is un du weest neet recht, wo`d wiedergahn sall: hier sallt du marken: Gotts Woord helpt di wieder. He will di wiesen: du büst neet alleen up Stapp, du hest dien Heer bi di, de overall mit di achterto geiht. Up blied un mooie Dagen nett so as up maal un düster Dagen. Dat helpt di wieder! Gotts Woort is wat heel anners as Minskenwoord! Gotts Woort – dor sitt n´Bült mehr Kettoon achter as achter all, wat wi annerswor hören könen. In Pessalm 119 hett dat een unnerfunnen: „Dien Woord, Heer, is n´mooien Lücht för mien Footen un maakt mi ook de düster Paaden lecht!“ (Pessalm 119,105). Dat helpt di wieder, dor kannst di to verlaaten. Amen.

Jürgen Hoogstraat, Pestor in Vittebur

9. Juli 2011: Suchen und Finden

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich

„Ihr könnt nur suchen, aber nicht finden!“ Ich habe den vorwurfsvollen Ton meiner Mutter noch in den Ohren, wenn wir Kinder ihr wieder einmal so lange in den Ohren gelegen hatten, bis sie sich selbst auf den Weg machte und das Gesuchte für uns fand. Richtig suchen will gelernt sein. Auch heute noch. Suchmaschinen erleichtern zwar die Arbeit, können aber auch dazu verleiten, den eigenen Verstand abzuschalten. „Wie war noch mal der Vorname von Boris Becker? Wart’ mal, ich google das schnell…“ Eine Frau, so erzählt die Bibel, zündet ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, weil sie ein Silberstück verloren hat. Für sie ist das viel Geld. Und so sucht sie und sucht, bis sie das Geldstück gefunden hat, und dann ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. (Lukas-Evangelium, Kapitel 15, Vers 8-10). Wonach suche ich in meinem Leben? Wonach suche ich so sehr wie diese Frau? Wonach suchen Sie? Ich kenne Menschen, die sind auf der Suche. Suchen intensiv – nach dem richtigen Weg im Leben, nach dem richtigen Menschen, nach dem richtigen nächsten Schritt, nach einem Ausweg, nach einer neuen Herausforderung, nach Ruhe, nach Trost… Es ist gut, so auf der Suche zu sein. Richtig suchen, intensiv suchen, nach dem Richtigen suchen – das kommt von Gott. Gott selbst ist auf der Suche! Das Gleichnis aus dem Lukasevangelium meint Gott: Wie diese Frau ihr Silberstück sucht, so sucht Gott den Menschen! Suchen lernen heißt: von Gott lernen. Wikipedia weiß vielleicht auf alle Fragen eine Antwort. Der Weise aber weiß auf jede Antwort zehn Fragen. Die richtigen Fragen stellen lernen – darum geht es im Leben und im Glauben. Und so gut es ist, etwas zu finden – einen richtigen Weg, einen richtigen Menschen, einen richtigen nächsten Schritt, einen Ausweg, eine Herausforderung… – so gut ist es, im Leben auf der Suche zu bleiben. Auf der Suche nach Gott. Schon in der Suche ist etwas von Gott. Etwas von Gottes Sehnsucht, die auf der Suche ist nach uns Menschen.

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich

2. Juli 2011: Ferienzeit

Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

In der kommenden Woche beginnen sie endlich, die Ferien. Nach einem langen Schuljahr und dem Zeugnisstress am Ende können Lernende und Lehrende aufatmen, die Eltern hoffentlich auch. Aber auch viele andere freuen sich auf zwei, drei oder gar vier freie Wochen ohne Wecker, ohne jene Zeit- und Arbeitszwänge, die sonst den Alltag bestimmen. Nach der konzentrierten Anspannung die Entspannung. Wie bei einem Bogen, dessen Sehne erschlafft. Sonne und vielleicht auch eine andere Umgebung voller Anregungen tun ein Übriges, um die Ferien für viele Menschen zu den schönsten Tagen des Jahres zu machen. Wir brauchen solche Zeiten. Denn wie der Bogen nicht immer gespannt sein darf, ohne Schaden zu nehmen, so braucht auch unsere Seele Entspannung und Erholung von den Anstrengungen des Alltags. Sie braucht Zeit und Raum und Muße. Muße, um sich selbst neu zu entdecken. Freiräume, um zu begreifen, dass und wie wir uns in der vergangenen Zeit verändert haben. Zeit zum Träumen von dem, was das Leben alles noch sein kann. Von einer psychologischen Zeitschrift wurden Menschen befragt, warum sie so gerne in den Ferien wegfahren und was gerade diese Zeit für sie bedeutet. Ein Grundtenor in den Antworten war der: Ich kann mich einmal ganz anders erleben, kann Seiten und Fähigkeiten an mir entdecken, die sonst verschüttet sind. Ich traue mich, meine Träume ein wenig Wirklichkeit werden zu lassen. Auch ich hätte einer der Befragten sein können. Wenn ich an die Ferien denke, freue ich mich auf die Zeit, mich treiben zu lassen, mich neu zu entdecken und die Welt um mich herum. Und so wünsche ich allen, die jetzt Ferien bekommen, dass sie in diesen Ferienwochen ihrer Seele etwas Gutes tun können. Dazu braucht man gar nicht in die Ferne zu reisen. Dazu braucht es nur die innere Einstellung, die der Schriftstellers Meinold Krauss in einer kleinen Meditation so beschreibt: „Einfach vor sich hingehen, kein Ziel vor Augen, den ebenen Weg verlassen, sich treiben lassen, dem Zufall trauen, dass irgendwo so etwas wie Glück sich findet. Dort an dem Stein die Distel blüht. Unscheinbar ist ihr Gewand. Doch dem liebenden Blick erschließt sich das Unscheinbare. Er entdeckt das Wunder, das in allem ist, was lebt.“

Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

25. Juni 2011: Ökumene der Märtyrer

Johannes Ehrenbrink, katholische Gemeinde St. Ludgerus, Aurich

Am 9. November 1943 sind vier Lübecker Geistliche von den Nationalsozialisten hingerichtet worden, weil sie sich immer wieder eindeutig gegen deren menschenverachtendes Regime geäußert hatten .Heute, am 25.6.2011, werden die drei katholischen Kapläne Hermann Lange, Johannes Prassek und Eduard Müller in Lübeck selig gesprochen und der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink in ökumenischer Verbundenheit angemessen gewürdigt. Kardinal Walter Kasper, von 2001 bis 2010 Präsident des Rates zur Förderung der Einheit der Christen, hat einen Artikel zur Ökumene der Märtyrer verfasst, aus dem ich einige Gedanken wiedergeben möchte. Die Enthauptung der drei Kapläne und des lutherischen Pfarrers ist ein Beispiel von vielen Verfolgungen und Tötungen in der langen Geschichte des Christentums. Da sie aber so kurz hinter einander enthauptet wurden, so dass ihr Blut ineinander floss, ist es ein besonders sprechendes Beispiel, das zeigt, dass man wirklich von einer Ökumene der Märtyrer sprechen kann. Man kann sagen, dass die Ökumene der Märtyrer eine der wuchtigsten Wurzeln der ökumenischen Bewegung des 20. Jahrhunderts ist. In den Konzentrationslagern des dritten Reiches begegneten sich Christen unterschiedlicher Konfession im gemeinsamen Widerstand gegen ein menschenverachtendes System und entdeckten, dass sie viel mehr Gemeinsames hatten als Trennendes. Die ökumenische Öffnung des II. Vatikanischen Konzils ist eine Frucht dieser Erfahrung. Manchmal besteht der Eindruck, das Gedächtnis der Märtyrer sei nur ein katholisches Anliegen. Doch alle Kirchen bekennen sich im Apostolischen Glaubensbekenntnis zur Gemeinschaft der Heiligen. Martin Luther wandte sich gegen Übertreibungen und Fehlentwicklungen, aber er sprach mit großer Hochachtung von den großen Zeugen der Vergangenheit und stellte sie als Vorbild und Beispiel des Glaubens hin. Heute steht in den evangelischen Kirchen und weit darüber hinaus in der gesamten Ökumene der hingerichtete lutherische Theologe Dietrich Bonheffer in höchstem Ansehen. >br> Besonders in unserer Zeit kommt dem Gedächtnis der Zeugen des Glaubens große ökumenische Bedeutung zu. Viele beklagen das Auseinanderfallen von Glauben und Leben, die mangelnde Glaubwürdigkeit der Christen und das allmähliche Verdunsten des Glaubens in unserer westlichen Welt. Mehr als alles andere tragen die Märtyrer zur Glaubwürdigkeit des Christentum bei. Sie erinnern an den Ernst und an den Ernstfall des Christseins. Ihr Gedächtnis muss darum gemeinsames Anliegen aller Christen und Kirchen sein. Es ist eine heilsame Erinnerung und dringend notwendige Provokation.

Johannes Ehrenbrink, katholische Gemeinde St. Ludgerus, Aurich

18. Juni 2011: Feurige Serafim

Pastorin Silke Kampen, Wallinghausen

Bei dem Quiz „Wer wird Millionär“ wäre es vielleicht die 16.000 Euro-Frage: Wer oder was sind Serafim? Und einloggen könnte man bei A) Elfenwesen aus „Tintenherz“, B) Engelwesen aus dem Alten Testament, C) Edelsteine oder D) Inselkette im Pazifik. Ohne dass an dieser Stelle ein Werbeblock folgte, ist die Antwort B richtig. Serafim sind Engel, die bei der Beauftragung des Propheten Jesaja eine Rolle spielen. Jesaja sieht sie vor sich über dem Thron Gottes schweben. Sie sind sechsflügelig: Mit je einem Paar Flügeln bedecken sie ihr Gesicht und ihr Füße, mit einem Paar halten sie sich in der Luft. Sie übernehmen keinen Botendienst, sondern rufen und singen zur Ehre Gottes. Soweit scheinen sie den üblichen Vorstellungen von Engeln zu entsprechen. Aber in der alttestamentlichen Geschichte berühren diese Flügelwesen mit glühenden Kohlen den Mund des Propheten. Würde diese Geschichte nicht in der Bibel stehen, müsste man sie in den Bereich von Fantasy oder sogar Thriller einordnen. Man würde sie dort auch gerne belassen. Aber unsere feurigen Engel stehen am Anfang des Weges eines großen Prophetens des Alten Testaments und bereiten ihn auf seinen Dienst vor. Ihre glühenden Kohlen reinigen: Keine Schuld klebt mehr an Jesaja, seine Sünden werden so gesühnt und er kann neu anfangen. Tatsächlich, mit den Altlasten im Gepäck wird jeder Weg anstrengend. So manch einer trägt schwer, hat sich aber hartnäckig vorgenommen, diese Last nicht zur Kenntnis zur nehmen. Was nicht bei Namen benannt wird, existiert einfach nicht. Jesaja dagegen ist berührt durch heiße Kohlen, die ihm Schmerzen bereiten. Die Wahrheit tut weh, passt selten ins Konzept und schon gar nicht ins Bild von sich selbst. Die Erkenntnis, letztlich jeden Morgen mit leeren Händen vor Gott zu stehen, bleibt ein solch heißes Eisen, an dem man sich die Finger – oder den Mund – verbrennt. Die Vision des Jesaja, seine Begegnung mit Gott ändert sein Leben, stellt es auf den Kopf. Denn aus dem jungen Mann aus der Oberschicht wird der wichtigste Prophet des Alten Testaments . Er wird die Lebensweise der Reichen heftig kritisieren und den ängstlichen König trösten. Er wird drei Jahre in der Verkleidung eines Kriegsgefangenen herumlaufen, um vor kriegerischer Politik zu warnen. Zusammen mit einem anderen Propheten seiner Zeit wird er das kommende Friedensreich auf Erden verkünden, in dem alle Völker nach Gottes Willen leben, ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und nicht mehr lernen werden, Krieg zu führen. Er sieht den künftigen Friedefürsten voraus, in dessen Reich die Wölfe bei den Lämmern wohnen, Kühe und Bären zusammen weiden und Löwen Stroh fressen wie die Rinder. Jesaja und die Serafim, die heute nicht wie verlorene Puzzleteile in Unterhaltungsshows oder wie Sprachfetzen an Weihnachten auftauchen sollten, stellen doch den Beginn einer bewegenden Vision dar, die immer wieder Mut macht und uns dem lebendigen Gott, dem Vater Jesu Christi und seinem Heiligen Geist näher bringt.

Pastorin Silke Kampen, Wallinghausen

11. Juni 2011: Dem Himmel so nah

Pfingsten feiern wir seit Jahren Gottesdienst im Wald, im Meerhusener Forst, in der Nähe des Forsthauses. Dazu kommen auch viele Menschen, die sonst nicht so oft in der Kirche sind. Es ist ja auch eine besondere Atmosphäre: wenn die Vögel gleich nach dem Posaunenchor loslegen als wollten sie sagen: das hier ist unser Gebiet, hier machen wir die Musik; wenn der Wind durch die Baumwipfel rauscht, während wir die Erzählung aus Apostelgeschichte 2 hören; oder auch wenn die eine oder andere Mücke einen guten Landeplatz am Hals oder Ohr suchen. Mir geht es wie wohl vielen: hier draußen erscheint es mir richtiger, vom Geist Gottes zu reden und Pfingstlieder zu singen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, dass Gottes Geist wirklich überall wehen kann: bei einer Tasse Tee und einem guten Gespräch im Wohnzimmer, oder wenn Konfirmanden spüren, dass das, was wir da besprechen, wohl doch auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Trotzdem hat der Gottesdienst im Wald für mich noch eine andere Dimension – vielleicht, weil wir sonst in einer sehr technisch geprägten Welt leben. Die Ruach, die Brise Gottes, so wird Gottes Geist im Alten Testament genannt, und das scheint da draußen fast greifbar. Wenn ich unter den hohen Bäumen sitze und wahrnehme, wie lebendig die Natur ist, dann öffnen sich auch andere Türen in mir. Mir scheint fast, als könnte ich spüren, dass Gottes Geist uns im Innersten berührt und uns in Einklang bringen will, mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen, und auch mit Gott. Durch den Profeten Hesekiel verspricht Gott: Ich will euch ein neues, ein lebendiges Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und zu solchen Menschen machen, die auf meine Weisungen achten. Ein lebendiges Herz also, das empfindsam ist, das an der Sorge des Nächsten nicht achtlos vorbei geht, das mitfühlen, mitleben, mitleiden, mitlachen kann. Und einen neuen Geist, der uns das Gespür dafür (zurück) gibt, was richtig und was falsch ist, und dass wir danach leben. Diese Verheißung gibt mir Hoffnung für mehr als nur einen schönen Gottesdienst unter Bäumen. Ich will sie mitnehmen, wenn ich aus dem Wald wieder in die Betriebsamkeit des Alltags zurückkehre. Ich will mich daran halten, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen, oder wenn mir mal wieder eine Laus über die Leber gelaufen ist. Ich will darauf vertrauen, ob die Sonne scheint oder ob ein Unwetter aufzieht.

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen-Georgsfeld

1. Juni 2011 Himmelfahrt: Rechnen

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Joh. 12,32; Wochenspruch zu Himmelfahrt)

Am 21. Mai war’s. Da hätte es passieren sollen. Alle wahrhaft Gläubigen hätten erhöht und entrückt werden sollen in den Himmel, dahin, wo Jesus ist. So die Prophe¬zeiung eines bekannten amerikanischen Radiopredigers. Das Datum ist verstrichen, wir sind alle noch hier (der Prediger übrigens auch), und es können einem jetzt nur noch die Leichtgläubigen leid tun, die Haus und Hof verkauft haben im Vertrauen darauf, dass sie all das ja nach dem 21. Mai nicht mehr benötigen würden. Wir lächeln darüber und schütteln den Kopf. Oder bestenfalls tun uns diese Leute leid. Nein, wir sind bestimmt nicht in der Gefahr, einem solchen Scharlatan aufzusitzen, der meint, das Ende der Welt genau berechnen zu können! Aber vielleicht sind wir in einer anderen Gefahr? Gerade habe ich gelesen: Nur noch 13% der Briten hoffen auf ein Leben nach dem Tod. Was ist mit den anderen 87%? Ist ihnen das Diesseits genug? Mir wäre es nicht genug. Ich möchte mich nicht damit abfinden, alle die nie wiederzu-sehen, die ich liebgehabt habe. Ich möchte mich nicht damit abfinden, dass viele Menschen im Diesseits kein erfülltes und langes Leben haben. Ich möchte mich nicht damit abfinden, dass Menschen Unrecht erleiden und vergeblich auf Gerechtigkeit warten. Als Christen haben wir die Aufgabe, uns für die Menschen einzusetzen, und zwar schon hier, schon jetzt, im Diesseits: Leidenden zu helfen, Traurige zu trösten, Hungrige satt zu machen, uns tatkräftig dafür einzusetzen, dass anderen Gerechtigkeit widerfährt. Aber für uns Christen gehört immer noch etwas mehr dazu: Die Hoffnung, dass das hier nicht alles ist. Diese Zusage macht Jesus seinen Jüngern, als er sich von ihnen verabschiedet. Er wird sie nicht alleine zurücklassen. Er hat noch mehr mit ihnen vor. Das war noch nicht alles. Rechnen? Nein. Wir sollen nicht anfangen zu rechnen, wann Jesus wiederkommen wird oder wann wir zu ihm entrückt werden. Rechnen? Ja. Wir sollen damit rechnen, dass Jesus uns nicht alleinlässt. Dass er da ist für uns. Und dass er noch mehr für uns bereit hat.

Viola Chrzanowski, Pastorin in Holtrop

28. Mai 2011: Kurznachrichtendienst

Uwe Tatjes, Pastor in der Paulusgemeinde in Aurich

Die Leute haben sich nichts mehr zu sagen. Hat unser neuer Landesbischof Ralf Meister beim Generalkonvent der ostfriesischen Pastorinnen und Pastoren am Mittwoch in Emden gesagt. Im Kommunikationszeitalter zwischen Handy und Twitter, Internet und Livetickern, im Wörtermeer verrohe die Sprache, so Meister. Und die Summe zufällig mitgehörter Handygesprächsfetzen während einer Fahrt in der Berliner S-Bahn sei die versammelte Bedeutungslosigkeit. Mag sein. Muss aber nicht. Auf Facebook, einem der großen sozialen Netzwerke, erreichte mich vor einiger Zeit eine Nachricht von Ellen. „Bete für Arno!“ Arno ist mit Gehirnbluten ins Krankenhaus gekommen. Er liegt im Koma. Es sieht schlecht aus. Ich kenne Ellen nicht persönlich. Wir sind uns nur auf Facebook begegnet. Ihr Vertrauen rührt mich. Fortan ist Arno in meinen Gebeten. Ellen tröstet das, schreibt sie mir. Menschen beten. Für sich. Für andere. Am morgigen Sonntag, der Rogate – „Betet“! heißt, werden wir ein Taufkind und sechs Trauerfamilien in unserer Gemeinde zu Gast haben. Wir werden beten: für das Kind, für die Trauernden, für die Verstorbenen. Zwei der Trauerfamilien hatten ihre Trauerfeier gar nicht bei uns. Aber sie haben mich angerufen und gebeten: Beten Sie für uns! Wenn man so will, ist das Gebet längst vor unseren modernen Kommunikationsmitteln das unmittelbarste Medium für eine schnelle Kommunikation. Im Gebet nehmen wir Kontakt mit Gott auf. Ohne Umwege. Instant messaging. Livekommunikation. Und das Gebet, das Menschen verbindet, verknüpft, ist mit Sicherheit das älteste soziale Netzwerk der Welt. Ich bin überzeugt: Beten hilft. Wenn ich bete, bleibe ich nicht bei mir. Ich bekomme einen anderen Blick auf mich und die Welt. Die Ruhe beim Beten tut mir gut. Es erleichtert, etwas beim Gebet abzugeben. Ich nehme meine Sorgen und die Sorgen anderer mit ins Gebet. Meine Dankbarkeit für Gelungenes hat auch ihren Platz. Ich muss nicht an den Worten feilen. Ob Stoßseufzer oder unsortierte Gedanken: ich kann so kommen, wie ich bin und rede. Wichtig ist, dass wir die Welt ins Gebet nehmen. Dass wir das, was uns beschäftigt, vor Gott bringen. Dann geht die Welt wortwörtlich nicht zum Teufel. Dann kann sich etwas ändern. In uns. In unserer Welt. Vor einigen Tagen erreichte mich eine Nachricht von Ellen. „Arno ist aufgewacht. Es geht ihm gut, seine Reflexe sind da. Ich bin so froh. Ich danke euch für eure Gebete!“ Im Predigttext für den morgigen Sonntag heißt es: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Probieren Sie es aus!

Uwe Tatjes, Pastor der Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

21. Mai 2011: Singet!

Das ist die schönste Zeit am Tag, wenn ich endlich durch meinen Garten spazieren kann! Meistens erst nach der Arbeit, manchmal aber, am Wochenende, ganz früh am Morgen: Wollpullover an, Polster auf die Gartenbank und bei der ersten Tasse Kaffee auf die Familie und auf die Sonne warten. Was gibt es Schöneres! Die Vögel zwitschern und tirilieren, besonders unsere Amsel legt sich ins Zeug. Im Schlehdorn sitzt ein kleiner gefiederter Miesepeter, der unablässig schimpft. Der Buntspecht scheint etwas durcheinander, er bearbeitet den Ast, auf dem er sitzt. Die Nachbarkatze kommt vorbei und streicht mir um die Beine. Herrlich! Besonders im Frühjahr, nachdem die langen Wintermonate alles so grau aussehen ließen, der Garten so verlassen wirkte. „Geh aus mein Herz und suche Freud“… Allerdings brauche ich gar nicht zu suchen, die Freude springt mich an, wenn ich das frische Mai-Grün sehe, den Flieder rieche und sehnsüchtig auf das Blühen des Jasmins warte. Die Freude ist zu riechen, zu fühlen, zu sehen, zu spüren. Zum Leben sind wir gerufen, zum Leben hat Gott uns geschaffen, zum Leben hat er uns befreit. Zu dem Leben, das sich vor uns ausbreitet, viel mehr aber zu dem Leben, das verheißen und versprochen ist, das wir nur glauben können, nur erahnen, von dem wir noch nicht wissen, wie es sein wird. Die Osterzeit liegt mitten im Frühjahr und das ist gut so. Denn die aus dem Winterschlaf wiedererwachende Natur ist ein wunderbares Symbol für das, was uns versprochen ist: Leben trotz unserer Vergänglichkeit, leben, obwohl wir sterben müssen. Morgen feiern die christlichen Gemeinden den Sonntag „Kantate“ mit viel Kirchenmusik, der seinen lateinischen Namen vom Beginn des Wochenpsalms 98 hat: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“. Das größte Wunder des Lebens ist es, wenn wir trotz unserer Vergänglichkeit glauben dürfen, dass es ein unvergängliches Leben gibt. Wenn wir mitten in Leid und Krankheit erfahren dürfen, dass Gott uns Kraft schenkt, die von außen kommt und trägt. Ein Wunder ist es, wenn wir angesichts des Leides und der Not menschlichen Lebens auf den hoffen dürfen, der sagt: Siehe, ich mache alles neu. So wie im Frühjahr die Erde neu wird, so wie wir selbst zum Leben erwachen, so soll es dann sein, wenn unser Herr uns erlösen wird. Das Wunder des Lebens! Hätten wir diesen Glauben nicht, brauchten wir gar nichts zu glauben. Hätten wir diese Hoffnung nicht, dann wären wir arm. Würde uns die Liebe Gottes nicht immer wieder ins Leben rufen, dann bliebe wenig. „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Wenn ich das Wunder des Lebens spüre, dann singt es ganz von selbst in mir: „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“ Möge der Sonnenschein die tiefe Freude über das neue Leben in Ihr Herz legen und Ihnen ein neues Lied schenken.

Pastorin Heike Musolf arbeitet seit August 2010 als Schulseelsorgerin an der Conerus- Schule (BBS) in Norden.

14. Mai 2011: Der „Erfinder“ der Konfirmation …

Andreas Scheepker, Pastor in Westerende

Martin Luther hat nicht konfirmiert. Er hat zwar Lehrbücher für den evangelischen Glauben geschrieben, von denen der „Kleine Katechismus“ mit seinen „Was ist das?“-Fragen viele Generationen von Jugendlichen im Konfirmandenunterricht begleitet hat – aber selbst hat Luther keine Konfirmanden unterrichtet und eingesegnet. Als „Erfinder“ der Konfirmation gilt ein Mann, dessen Name ist heute weitgehend vergessen ist: Martin Bucer. Er hat den Brauch der Konfirmation in der evangelischen Kirche maßgeblich gefördert, darum will ich kurz an ihn erinnern. Martin Bucer wird 1491 geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Als die Eltern wegen besserer Verdienstmöglichkeiten nach Straßburg ziehen, lassen sie den kleinen Martin beim Großvater zurück. Martin ist ein lernbegieriger Schüler. Um weiter zur Schule gehen und studieren zu können, wird er Mönch. Er lernt Martin Luther kennen und er fängt an, sich für die Reformation zu interessieren. 1522 heiratet er Elisabeth Silbereisen, er wird einer der ersten verheirateten Priester, und das ist auch sein endgültiger Bruch mit der Papstkirche. Schließlich kommt er nach Straßburg, in seine Heimatregion, zurück. Er arbeitet am Aufbau der evangelischen Kirche mit und  bemüht sich um die Einführung der Konfirmation. Auch in Hessen berät er bei der Organisation des kirchlichen Lebens und führt die Praxis der Konfirmation ein. Schließlich muss er auf Druck des Kaisers Straßburg verlassen. Er wird von Erzbischof Thomas Cranmer nach England berufen, wo er als Theologe und Berater in der entstehenden anglikanischen Kirche tätig ist. Auch hier setzt Martin Bucer sich für die Einführung der Konfirmation ein. Doch die ungewohnte Lebensweise und schwere Krankheit beschweren seine letzten Lebensjahre. Obwohl seine Freunde und Angehörigen sich sehr um ihn kümmern, stirbt Martin Bucer 1551 in Cambridge und wird dort auch beigesetzt. Die Konfirmation ist für Martin Bucer ein „Händeauflegen, damit man die Kinder, nachdem sie im christlichen Glauben so weit gelehret, auf ihr selbst Bekenntnis und Ergeben an Christum hin zu der christlichen Gemeinde bestätigt“ werden. Nach Bucer sollen die Kinder in den Grundkenntnissen der christlichen Religionslehre befragt werden, und sie sollen ihren Willen ausdrücken, im christlichen Bekenntnis und in der Gemeinschaft der Kirche bleiben zu wollen. Dann soll die Gemeinde für die Kinder beten, und unter Auflegen der Hände werden sie mit dem folgenden Spruch eingesegnet: „Nimm hin den Heiligen Geist, Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, von der gnädigen Hand Gottes des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes.“ Dann folgt nach Bucers Konfirmationsordnung das Abendmahl der Konfirmanden mit Eltern und Paten. Für Bucer ist es wichtig, dass den Jugendlichen auf diese Weise geholfen wird, selbst ein Ja zum christlichen Glauben und ein Zuhause in der christlichen Kirche zu finden. So soll eine Brücke von der Taufe bis zum Abendmahl und zum Leben in der christlichen Gemeinde geschlagen werden. Martin Bucers Konfirmationspraxis ist Vorbild für unsere Konfirmation geworden. Die Art des Unterrichtes hat sich natürlich sehr verändert, und das ist auch gut.  Aber das Ziel ist das gleiche geblieben: Konfirmationsunterricht und Konfirmation sollen den Jugendlichen helfen, den christlichen Glauben „von innen“ kennenzulernen und selbst eine Position zu finden. Den vielen Jugendlichen, die in diesen Wochen konfirmiert werden, wünsche ich, dass sie mit Gottes segen ihren Weg gehen. Uns Erwachsenen wünsche ich, dass wir mit Gottes Hilfe gute Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter für Kinder und Jugendliche in unseren Kirchengemeinden sind und dass sie durch uns etwas von Gottes Liebe erfahren können

Pastor Andreas Scheepker, Westerende

7. Mai 2011: Der Erste ist schon hindurch

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

Im vergangenen Herbst geschah ein dramatisches Unglück in der Bergwerksmine San JOSE in Chile, das auch viele von uns auch in Deutschland berührt hat. 33 Bergleute saßen dort fest. Über zwei Monate lang in 620 Metern Tiefe! Tag und Nacht schufteten nun die Bergungsmannschaften unter den Augen der Weltöffentlichkeit, um einen Rettungsschacht zu den Verschütteten zu bohren! Ganz genau hatten sie die vermissten Bergleute zunächst geortet um sie danach anhand eines dosenbreites Rohres mit Lebensmitteln und vor allem mit allerlei hoffnungsvollen Worten zu versorgen: „Wir holen euch aus der Dunkelheit zurück ins Licht“ Und dann am 12. Oktober 2010 war es soweit! Mithilfe einer selbstkonstruierten Stahlkapsel sollten die Männer – Einer nach dem anderen- durch mehr als einen halben Kilometer Dunkelheit zurück ins Licht befördert werden Und tatsächlich: Das Wunder geschah Unter ohrenbetäubendem Jubel und unzähligen Tränen kehrte Florecio Avalos als Erster von allen 33 Bergleuten an die Erdoberfläche und damit ins Leben zurück! Von diesem Zeitpunkt an war den anderen 32 in der Tiefe verharrenden Kumpels klar: BALD ist der in Stein gemeißetelte SPUK des Todes ist vorbei! Denn der ERSTE ist schon HINDURCH. In unseren Kirchengemeinden haben wir genau das am vergangenen Osterfest gemeinsam gefeiert! Die Dunkelheit hat ihre Kraft verloren. Das Licht des Ostermorgens stellt unser dunkles Herz in ein neues Licht „Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel (1.Kor 15,55) ? Denn: Der ERSTE schon HINDURCH! Der HERR ist auferstanden, er ist WAHRHAFTIG auferstanden! Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen heute und besonders morgen am „Tag des HERRN“. Denn mit Jesus Christus wird nicht nur dieser eine Ostermorgen, sondern jeder Sonntag zu einem Auferstehungstag, an dem wir frisch und froh aufstehen und uns ganz bewusst auf den Weg in eine unserer schönen Kirchen machen. Denn dort treffen sich Menschen, die – auch mit Fragen und Zweifeln im Gepäck dennoch zuversichlich und fröhlich GOTTES Liebe und seine kleinen und großen Wunder an uns feiern! Darum; Werfen Sie gern einen Blick hinter die (geöffneten) Kirchentüren unserer Gemeinden und machen sie gemeinsam mit anderen diese unvergleichliche Erfahrung: ER, der ERSTE ist schon hindurch! Und wenn das wirklich stimmt, dann ist eines sonnenklar: Auf geht`s, hinterher!!

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

23. April 2011: Ostern – Lachen und Jubel und Freude

Liebe Leserin und lieber Leser, vor einiger Zeit hatten wir in Victorbur einen Fall von akuter Ostereiervergiftung. Wie in jedem Jahr hatten wir am Ostermorgen für die Kindergottesdienstkinder im Garten beim Gemeindehaus Eier versteckt. Fröhlich machten sich die Kleinen auf die Suche. Aber die Mienen verdüsterten sich von Minute zu Minute. Obwohl alle systematisch hinter jeden Busch und jede Blume blickten, und auch die Hecke genau durchforstet wurde, fand sich kaum ein Ei. Das machte die Mitarbeiterinnen stutzig. Sie wussten ja, wie viele bunte Osterboten sie im Gras und auf den Beeten verteilt hatten. Sie erinnerten sich sogar genau an die einzelnen Verstecke. Aber auch die Erwachsenen konnten absolut nichts finden. Allgemeine Ratlosigkeit machte sich breit. Gott sei Dank gab es zumindest eine einigermaßen befriedigende Notlösung: In der Küche standen mehrere Paletten Schokoladeneier, die die Kinder über die Enttäuschung hinweg trösteten. Ein paar Tage später wurde das Rätsel gelöst. Eine Nachbarin berichtete sorgenvoll von der schweren Erkrankung ihres kleinen Hundes, der nichts mehr fressen wollte. Er war ganz teilnahmslos, und die Verdauung war total gestört. Das Frauchen befürchtete schon, den treuen Hausgenossen einschläfern lassen zu müssen. Da wurden wir misstrauisch. Eine genauere Betrachtung der tierischen „Hinterlassenschaften“ brachte es dann an ´s Licht. Der kleine Hund hatte die Kindergottesdiensteier stibitzt und fröhlich mitsamt der Schale aufgefuttert… Und siehe da: schon am Ostermontag ging es dem diebischen Vierbeiner deutlich besser. Das ist eine merkwürdige, ein bisschen schräge Ostergeschichte. Und doch bringt sie Ostern genau auf den Punkt. Ostern geht es nämlich um Auferstehung und deshalb auch um Lachen und Jubel und Freude. Wer Ostern nicht zur Kirche geht, verpasst etwas und ist auch noch selber schuld. Lange frühstücken, auf Fahrradtour gehen und Tante Olga besuchen – das kann man den ganzen Tag noch und morgen und nächste Woche wieder. Aber Ostern gibt ´s in der Kirche etwas großartiges für die Seele, etwas entscheidendes für das Leben, etwas superhilf-reiches für den Alltag. Da hörst Du genau das, was Du hören musst und brauchst, genau das, was Du dir selbst nicht sagen kannst und Dir sonst viel zu selten gesagt wird. Jesus ist auferstanden! Sein Grab ist leer! Nicht mehr der Tod lacht sich in ´s Fäustchen, sondern Du kannst dem Tod in ´s Gesicht lachen, wenn Du Dich an Jesus hältst! Du darfst wieder aufstehen, Du darfst wieder hoffen, Du hast wieder Zukunft – mit Jesus. Genau das wird Ostern gefeiert, das pure Evangelium in ganzer Konzentration. Ostern muss man einfach dabei sein. Warum? Na, weil wir doch alle Auferstehung immer wieder dringend nötig haben. Jede und jeder von uns weiß für sich selbst am besten, in welcher dunklen Grabeshöhle er oder sie sich momentan befindet. Jede und jeder hat das eigene Klagelied stets auf der Zunge oder zumindest abrufbereit im Kopf. Wie viele Sorgensteine liegen uns auf der Brust und drücken uns die Luft ab. Wie manches Mal fragen wir uns, wie wir nun wieder aus dieser verfahrenen Situation und jener persönlichen Katastrophe herauskommen sollen. Und oft sehen wir uns selbst keinen Rat, oft müssen wir erkennen, dass wir mit unserem Latein am Ende sind. Das gilt ganz verschärft immer dann, wenn Krankheit und Sterben in unser Leben treten, wenn wir Abschied nehmen müssen von unseren Lieben und mit dem Verlust so schwer zu kämpfen haben. Dann gehen wir gebeugt und krumm unter unseren Lebenslasten und können nur noch den Staub vor unseren Füssen, aber nicht mehr den Himmel sehen. Dann ist es wichtig, dass wir die Osterbotschaft im Ohr, im Kopf, im Herzen tragen: Jesus lebt; der Tod ist tot. Darauf dürfen wir uns nämlich berufen. Und der Auferstandene will, dass wir mit ihm leben – in Zeit und Ewigkeit. Seit Ostern müssen wir nicht mehr schwarz sehen. Auch unter widrigsten Bedingungen setzt sich nun das Leben durch. Wo wir eigentlich nichts Gutes erwarten, ist plötzlich wieder alles möglich. Jesus streckt uns die Hand entgegen, damit er uns unseren Grabeshöhlen, ja, dem Tod persönlich entreißen kann. Er will uns in ´s Freie führen, aus der Gefangenschaft, aus der Dunkelheit, aus dem Verlorensein in das helle Licht des Auferstehungsmorgens. Er will uns aufrichten und unsere Füße wieder auf weiten Raum stellen. Dann kehren Lachen und Jubel und Freude zurück, und aufrecht gehen wir weiter unsere Wege. Dass es für Sie und bei Ihnen zu Hause so richtig herrlich Ostern wird, das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen! Ihre

Andrea Düring-Hoogstraat,Pastorin in Victorbur

21. April 2011: Karfreitag

„Am Karlfreitag fahren wir zu meiner Oma“, erzählt mir freudig der sechsjährige Tim. Ich muss schmunzeln und denke: „Nein, mit einem Karl hat dieser hohe christliche Feiertag nun wirklich nichts zu tun. Aber das Wort „Kar“ ist auch schwierig zu verstehen, es kommt vom althochdeutschen Wort „kara“ und bedeutet Kummer, Klage und Trauer. Am Karfreitag denken wir Christen an das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz. Von Anfang an hat die christliche Gemeinde das als ganz wichtig empfunden, auch vom Leiden und Sterben des Auferstandenen Christus zu erzählen. Von seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus, dass er verspottet und geschlagen und schließlich – vor den Toren der Stadt Jerusalem – an ein Kreuz genagelt wurde und dort qualvoll starb. Das gehört zur Lebensgeschichte Jesu hinzu. Wenngleich daran schon die Menschen zur Zeit Jesu Anstoß genommen haben. Gottes Sohn stirbt am Kreuz – das ist die provozierende Geschichte von Karfreitag. Immer wieder lassen sich Menschen vom Leiden und Sterben Jesu berühren und werden dadurch Hilfe in eigenen Erfahrungen von Leid und Tod gestärkt und singen etwa mit dem Liederdichter Paul Gerhardt: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot…“ Der christliche Glaube weiß sich durch Jesu Leidensgeschichte verpflichtet, das menschliche Leid in dieser Welt nicht auszublenden, oder gar zu ignorieren. Vielmehr bringt er menschliche Leiderfahrungen mit dem Leid Gottes in Verbindung. In Christus hat sich Gott mit dem Leid der Menschen solidarisiert. Eine solche Sicht nimmt menschliches Leiden ernst, ohne sich damit abzufinden. Denn nichts ist demütigender für Leidende, als wenn ihr Leid auch noch ignoriert wird und das geschieht viel zu oft in unsrer Welt. Der Blick auf den leidenden und sterbenden Christus kann uns sensibel machen für das Leid im eigenen Leben und im Leben anderer. Damit bleibt der Karfreitag aber auch eine Provokation in unserer Erlebnis- und Spaßgesellschaft, weil er der einzige Feiertag ist, der Leiden, Sterben und Tod mit Blick auf Jesus Christus so ausdrücklich thematisiert. Kein Wunder, wenn Menschen kritisieren, dass an diesem Tag Tanz und laute Musik in der Öffentlichkeit gesetzlich untersagt sind. Mit mir aber sind viele Christinnen und Christen in diesem Land dankbar, dass auch Zeit und Ruhe bleibt für Besinnung, für angemessene Trauer über Jesu Leid und das Leid der Menschen in dieser Welt. Ostern, Auferstehung und neues Leben kann nur wirklich feiern, wer das Dunkle und Schwere des Lebens nicht ausklammert. Tims Oma wird um beides wissen, um Leid und Abschied und auch um Freude und Neubeginn. Und sicher auch, das es nicht um Karl, sondern um Jesus geht.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent im Sprengel Ostfriesland

16. April 2011: Abschiede

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor

Manchmal wird es uns erst bewusst, wenn jemand weg ist: „Jetzt habe ich mich gar nicht verabschiedet. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich ihm das noch eben gesagt.“ Wie selbstverständlich gehören sie jeden Tag zu unserm Alltag dazu, die Kinder zur Schule verabschieden, das Tschüß beim Zusammensein mit Freunden, das bis zum nächsten Mal bei den Eltern. „Machs gut, pass auf dich auf!“ Manche Abschiede erleben wir intensiver als sonst. Wenn ich weiß am Bahnsteig, ich sehe die Freundin erstmal wieder eine Weile nicht, wenn ich im Krankenhaus schon an der Tür noch einen Blick ins Zimmer werfe und noch mal den Kontakt zu dem gerade besuchten Menschen suche, noch ein Augenzwinkern; ja, hoffentlich bis zum nächsten Mal. Beim Abschied merken wir, was wir aneinander haben. Was sonst so selbstverständlich ist, wird in der Situation des Abschieds kostbar. Worte, die wir uns beim Weggehen dalassen, vergessen wir nicht so schnell. Es gibt Abschiede von einem Ort, von einer Lebensphase, von einer Gewohnheit. Und immer wieder Abschiede von Menschen, die für eine Zeit oder für immer von uns gehen. Am morgigen Sonntag beginnt mit dem Sonntag Palmarum die Karwoche, die stille Woche vor Ostern, wo Menschen die Gefangennahme und die Kreuzigung Jesu erinnern. Jesus hat mit seinen Jüngern und Jüngerinnen ein Abschiedsessen gemacht. Sie haben sich an einen Tisch gesetzt und gemeinsam Passamahl gehalten. Sie haben noch mal über wichtige Dinge gesprochen. Die Zeit ist kostbar, weil sie begrenzt ist. Es sind besondere Worte, weil es Abschiedsworte sind. Die Worte, die Jesus bei seinem letzten Mahl gesagt hat, wurden nicht vergessen. Seine Jüngerinnen und Jünger haben sie sich immer wieder ins Gedächtnis gerufen und sie uns überliefert. Bis heute sind uns diese Worte kostbar. Wir sprechen sie bis heute nach, bei jedem Abendmahl, das wir miteinander feiern. Worte, die uns Kraft geben auf unseren Wegen und uns helfen abschiedlich zu leben.

Pastorin Anne Ulferts-Tatjes, Wiesmoor

9. April 2011: Heute noch Mission?

Reinhard Uthoff, Pastor der ev.-ref. Gemeinde Aurich

An diesem Sonntag begeht die Evangelisch-reformierte Kirche in der „Johannes a Lasco-Bibliothek Große Kirche Emden“ mit einem Festgottesdienst die 175-Jahr-Feier der „Norddeutschen Mission“. In ihr sind verbunden die „Evangelical-presbyterian Church of Ghana“, die „Eglise evangelique du Togo“ – unsere afrikanischen Partnerkirchen – und in Norddeutschland die „Bremische ev. Kirche, die „Ev.-ref. Kirche“, die „Ev. Kirche in Oldenburg“ und die „LippischeLandeskirche“: Fünf Kirchen, die nun seit Jahrzehnten gleichberechtigt zusammenarbeiten, verbunden durch eine lange, wechselvolle Geschichte. Und diese Geschichte ist nicht vergessen. Zu ihr gehört die Kolonialzeit mit Ausbeutung und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung, bei der manchmal auch die Mission geschwiegen oder gar mitgemacht hat; aber auch der mutige Einsatz von Missionaren und Missionsschwestern für die Rechte der dort lebenden Bevölkerung, oft bis zum Tod. Die westafrikanischen Gemeinden pflegen liebevoll bis heute viele ihrer Gräber. Längst ist Mission keine Einbahnstraße mehr: zwar sind die norddeutschen Kirchen (trotz großer eigener Finanzprobleme) gemessen an Afrika immer noch die „reichen“ Kirchen, aber im Blick auf das geistliche Leben der Gemeinden, auf begeisternde Gottesdienste können wir von der Glaubensfreude der westafrikanischen Schwestern und Brüder eine Menge lernen! Mission, das ist ja zuerst und zuletzt die Verkündigung des Evangeliums, der frohen Botschaft, der guten Nachricht, dass Gott diese Welt liebt und darum seinen Sohn Jesus Christus gesandt hat, damit Menschen Leben in Fülle und ewiges Leben finden. Mission heißt „Sendung“. Und in diese Sendung Gottes sind Christen mit hinein gerufen: Jesus nachfolgen! Und dafür steht heute das Wort „Mission“ auch: für geschwisterliches Geben und Nehmen zwischen Christen in Ost und West und Nord und Süd. Das ist vielleicht wichtiger denn je: die Folgen der oft gnadenlosen Globalisierung treffen Ghana und Togo weit stärker als Deutschland. Hier als Christen mit wachem Verstand und offenen Herzen einander wahrzunehmen, miteinander Lösungen zu suchen und auch gemeinsam gegen Banken- und Wirtschaftsstrukturen zu kämpfen, die Menschen ihrer Würde berauben und sie in Armut versinken lassen, das ist eine Aufgabe, an der mitzuwirken Christen gefordert sind. Auch das ist Nachfolge Christi. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Reinhard Uthoff, Pastor der ev.-ref. Gemeinde Aurich

2. April 2011: Vom Werden und Vergehen

Dr. Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn

Die Luft ist frisch hier oben. Noch in der Kühle des Morgens stehen wir am Rande eines Hochtals. Zu einer geführten Wanderung durch ein geschütztes Tal im Nationalpark Hohe Tauern sind wir gekommen, wie viele andere Interessierte auch. Was mag sich dort oben in den Alpen noch finden an weitgehend unberührt gebliebener Natur? Nun macht sich die Wandergruppe auf den Weg und marschiert tapfer bergan. Vorneweg unser Leiter: ein ehemaliger Biologie-Professor von der Universität Salzburg, ein drahtiger Mann schon um die achtzig. Er kennt sich in der Gegend aus wie kein zweiter. Immer wieder bleibt er stehen, zeigt uns eine seltene Blume oder eine Flechte am Wegesrand und erklärt uns deren Lebensbedingungen. Eine Blindschleiche ringelt über den Weg und sucht bereits den Schatten. Er hebt sie auf. Die mitwandernden Kinder dürfen das harmlose Reptil auch in die Hand nehmen, begeistertes Strahlen in den Gesichtern. An der Waldgrenze hält der Professor inne und weist auf eine Bergflanke. Am nackten Gestein könne man deutlich sehen, wie solche Gebirge in Millionen von Jahren aus dem Urmeer aufstiegen, erklärt er. Schicht um Schicht haben sich Kalkablagerungen am Meeresgrund festgesetzt und wurden ganz allmählich durch unvorstellbare Kräfte zum Gebirge aufgefaltet – wie eine ausgebreitete Tischdecke, die man zusammenschiebt. Dann zeigt er auf eine Schuttrinne, die sich vom Gebirgskamm herabzieht. Durch sie rieselt Wasser zu Tal. Vor uns wird es zum Bach, der sich durch die Wiesen seinen Weg sucht. Das Wasser zerstöre ganz langsam das Gebirge, hören wir. Es sickert durch den Stein und sprengt ihn auf. Gestein platzt ab und wird allmählich zu Tal befördert, besonders wenn es porös ist. Die Gebirgsbäche spülen es aus und nehmen es zu Körnchen zermahlen mit sich. Weiter unten vereinigt sich dieser Bach mit einem Fluß, der schon bald in die Drau fließt. Erst in Kroatien mündet dieser Strom in die Donau. Was unvorstellbar langsam, aber stetig aus den Bergen vom Wasser ausgewaschen wird, das transportiert die Donau bis ins Schwarze Meer. Und damit kommen die Gebirge nach weiteren Millionen von Jahren da wieder an, von wo aus sie einmal entstanden sind: als Körnchen im Meereswasser, das zu zwei Dritteln unseren Erdball bedeckt. Die Sommerhitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich komme ins Grübeln: Nichts hält ewig. Nicht mal die mächtigen Berge zu unseren Häuptern, die doch gerade erst unter Naturschutz gestellt worden sind. Geht es der Welt als ganzer am Ende genauso wie jedem einzelnen von uns? Ich werde geboren, wachse auf, werde erwachsen. Ich finde meinen Platz in der Welt und genieße, wenn´s gut geht, die Zeit, die mir hier auf Erden beschieden ist. Doch dann werde ich alt. Meine Kräfte schwinden, und der Tod wartet schon. Eines Tages muß ich Platz machen für die nächste Generation. Das war´s. War´s das? Kommt die Welt am Ende da wieder an, wo einst alles begann: beim Urknall oder beim Tohuwabohu (1. Mose 1,2)? Oder steht selbst dahinter noch Gott, der sich nichts und niemanden aus seiner Hand reißen läßt (Johannes 10,28)? Nicht mal von einem gewaltigen Erdbeben wie jetzt in Japan mit all seinen vernichtenden Folgen? Fragen wie diese begleiten mich durch die Geschichte vom Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth jetzt in der Passionszeit. Die Antwort gibt´s am Ostermorgen. Pastor

Andreas Lüder, Kirchengemeinde Ostgroßefehn27. März 2011: Am Scheideweg

„Wohin wollen sie eigentlich?“, wurde vor Jahren auf einem Plakat der Evangelischen Kirche in Deutschland gefragt und da hatte man noch keine Ahnung davon, zu was für einer globalen Krise es kommen könnte. Wohin wollen sie eigentlich? Kann es in dieser Zeit nicht einmal wieder gut sein, die Maßstäbe nach denen wir leben zu überprüfen und sie eventuell zu ändern? Im Augenblick versuchen wir, mehr zu reparieren, als neue Maßstäbe zu finden. Jesus überprüfte die Maßstäbe seiner Zeit und änderte sie, wenn es notwendig war. Er sagte: „Es steht geschrieben … aber ich sage euch …“ Er änderte zum Beispiel die Maßstäbe – der Heiligkeit, der Erfordernisse, um vor Gott treten zu dürfen. Es ist nicht nötig, stundenlang zu beten – wichtig ist der Ernst der Gebete. Es kommt nicht darauf an, ob man gut aussieht oder nicht, sondern drauf, ob man selbst den Blumen am Wegesrand Beachtung schenkt und wie man sie behandelt. Wir alle sind Sklaven unserer Wünsche. Unsere Vorstellung von Erfolg ist der Motor, der uns antreibt. Als Menschen, die aus dem Paradies vertrieben worden sind, sehnen wir uns nach paradiesischen Verhältnissen. Die menschlichen Versuche ein Paradies zu bauen, enden häufig in der Hölle. Tschernobyl vor 25 Jahren und jetzt Fukushima stehen als anderes Wort für diese Bestrebungen. Und auch in unserem Land gibt es viele Tore zur Hölle. „Wohin wollen sie eigentlich?“ Was soll mein Leben bestimmen? Der Weg ist noch weit, bis wir fähig sind, in unseren Kindern zum Beispiel einen Sinn für wahre Werte heranzubilden. Welche Botschaft vermitteln wir Kindern beiderlei Geschlecht zum Beispiel mit den dauernden Wettbewerben der unterschiedlichsten Art? Es kann doch nicht angehen, dass zum Beispiel Schönheit ein Verhältnis von Gewicht und Größe ist? Das junge Mädchen hungern, um diesem Ideal zu entsprechen? Was für ein Klischee sitzt in unserem Kopf, wenn wir die Bedeutung eines Menschen nach der Höhe seines Vermögens bemessen? Und dennoch werden in den entsprechenden Zeitschriften in regelmäßiger Folge die 50 oder 100 Reichsten (meistens sind es) Männer aufgelistet. Es kann doch nicht sein, dass eine Person, die Millionen auf dem Konto hat, mehr wert ist als ein Kind mit 50 Cent in der Tasche! Aber beobachten Sie einmal, wie Leute mit Geld zum Unterschied von „armen Schluckern“ behandelt werden. Unsere kulturellen Maßstäbe sind dafür allein verantwortlich. Die Situation in der Wirtschafts- und der Finanzwelt hatte dem Maßstab des Geldes einen mächtigen Dämpfer aufgesetzt. Haben wir noch Zeit aus der Krise mehr zu lernen, als nur, wie man sie schnell behebt und repariert? Kann das Geld einen anderen Maßstab bekommen? Auch Jesus beschäftigte sich mit diesem Thema. Er meinte: Das Geld als den einzigen Maßstab zu nehmen, ist die Wurzel Hllen Übels … Es ist Zeit für uns – für uns alle – den Maßstab zu ändern, den Maßstab für Erfolg, für Fortschritt und für uns selbst. Oder – wohin wollen sie eigentlich?

Pastor Heinfried König, Aurich-Lamberti

20. März 2011: „Für alles gibt es eine Zeit“

Die Flut der Bilder aus Japan und Libyen, die Fülle der Informationen über das, was wir doch nicht begreifen können, all das macht uns sprachlos. Das erlebe ich immer wieder in diesen Tagen. „Für alles gibt es eine Zeit“, heißt es im Buch Prediger im 3. Kapitel, „Zeit zu schweigen und Zeit, Worte zu machen.“ Viele Menschen haben gerade jetzt das Bedürfnis, über das Geschehene nicht noch mehr zu reden, sondern still zu werden und zu schweigen. Das kann ich gut verstehen. Vor gut fünf Jahren, nach dem ersten großen Tsunami, haben sich viele Menschen in Gottesdiensten versammelt, um still zu werden vor Gott und um auf seine Worte zu hören. Im Berliner Dom wurde ebenjener Text aus dem Buch Prediger gelesen: „Für alles gibt es Zeit –Zeit für jedes Vorhaben unter dem Himmel: Zeit zu gebären und Zeit zu sterben, Zeit zu pflanzen und Zeit, Gepflanztes auszureißen, Zeit zu töten und Zeit zu heilen, Zeit einzureißen und Zeit zu bauen, Zeit zu weinen und Zeit zu lachen, Zeit zu trauern und Zeit zu tanzen, Zeit, Steine zu werfen und Zeit, Steine zu sammeln, Zeit zu suchen und Zeit, verloren zu geben, Zeit für den Krieg und Zeit für den Frieden.“ Seit damals lässt mich dieser Text nicht mehr los. Das hat damit zu tun, dass dieser Text auf mich tröstlich wirkt – und zugleich von einer geradezu schonungslosen Klarheit ist. Schonungslos, weil er mich nicht mit der Wahrheit verschont, sondern zur Sprache bringt, was ich mir gar nicht vorstellen mag: Dass für Zehntausende plötzlich die Zeit des Sterbens gekommen ist, dass für andere die Zeit gekommen ist oder kommen wird, Verwandte und Freunde verloren zu geben, dass für Menschen in Libyen die Zeit des Krieges gekommen ist – während wir nur zuschauen. Tröstlich, weil er auf der anderen Seite über das spricht, was uns verheißen ist: Dass wieder Menschen geboren werden, dass Hoffnung wachsen kann, Wunden heilen, Häuser wieder aufgebaut werden und Friede werden kann, Menschen wieder auf der Straße lachen und tanzen werden. Und gerade weil der Prediger den Tod und die Trauer nicht kleinredet, ist dieser Trost für mich glaubwürdig. Glaub-würdig, weil ich glaube, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, sondern Gott mein Leben will, sogar über mein jetziges Leben hinaus. Ich fand es damals mutig, diesen Text in einem Trauergottesdienst zu lesen. Denn man könnte ihn ja auch so verstehen: Wenn alles seine Zeit hat, dann kommt ja wohl alles, wie es kommen soll, ob Erdbeben, Atomkatastrophe oder Krieg. Nützt ja nichts. Und tatsächlich haben wir auf vieles keinen Einfluss. Und können dann nur Gott anklagen. Doch in Prediger 3,1 steht nicht, dass es für jedes Geschehen Zeit unter dem Himmel gibt, sondern für jedes „Vorhaben“. Und dadurch ist der Ball wieder bei uns, und wir müssen uns fragen: Was haben wir vor mit unserem Leben auf der Erde? Wie wollen wir leben? Wann wollen wir lernen, das, was wir beeinflussen können, von dem zu unterscheiden, was nur Gott in der Hand hat? Wann wollen wir verstehen, dass der Zustand unserer Welt damit zu tun hat, wie wir jeden Tag leben? Auch das haben die Katastrophen gezeigt: Dass es nicht nur eine Zeit zu schweigen gibt, sondern auch eine Zeit, genau über diese Fragen zu reden.

Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Aurich

13. März 2011: „Ich war’s“ – Sieben Wochen ohne Ausreden

Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor und Wiesmoor

Karneval und Fasching sind vorbei. Es ist wieder Fastenzeit! Weniger essen, verzichten, abnehmen. „Ein paar Pfunde zu viel auf der Waage?“ – „Die lassen sich abtrainieren!“ Fastenzeit meint mehr. Da ist doch dieses Gefühl: „Irgendetwas bei mir stimmt nicht!“; da ist doch dieser Wunsch: „Mensch, mach was aus deinem Leben!“ Für Christen ist das Fasten nicht nur ein Beitrag zur eigenen Gesundheit. Im Vordergrund steht vielmehr, dass das innere Leben fit gemacht werden soll – besonders in diesen Wochen vor Ostern. Also, nicht nur Speck weg und Frühjahrsmüdigkeit ade, sondern auch fort mit den anderen Dingen, die einen kaputtmachen: Darum hat die evangelische Fastenaktion 2011 das Leitmotiv „Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.“ Nicht erst der Rücktritt des letzten Verteidigungsministers hat gezeigt: Der Ehrliche ist der Dumme. Wer nicht schummelt und trickst, zieht oft den Kürzeren. Und wer Fehler oder Versäumnisse vertuschen kann, kommt auf der Erfolgsleiter oft weit nach oben. Doch unser Leben aus Halbwahrheiten hat einen Preis. Vor uns selbst und vor Gott nehmen wir unsere Verantwortung und Würde nicht wahr. Am Ende verstricken wir uns und verlieren unsere Freiheit. Die Tage der Fastenzeit sind eine Chance, mich ehrlich zu stellen und nicht auszuweichen. So wie Jesus von Nazareth in diesen Wochen sich gestellt hat, dem Leiden nicht ausgewichen ist und der Sorge um das eigene Leben getrotzt hat. Fasten- und Passionszeit ist nicht nur Anlass, um die Ernährungsweise umzustellen, sondern den ganzen Menschen umzubauen, vor allem sein inneres Leben! Ich möchte eine Stärke finden, die mir als Gottes Ebenbild entspricht. Und die nicht auf Tricks und Täuschung beruht. Ich möchte ein Leben, das in Kontakt mit anderen nicht von Neid und oberflächlichen Ausreden bestimmt wird. Damit die belastende Schuld dafür aus dem Weg geräumt wird, hat Jesus den Weg des Leidens bis zum Schluss für uns ausgehalten. Die Tage der Fastenzeit sind wie eine Entdeckungsreise, während der ich mit Gott, meinen Mitmenschen und mir wieder ins Reine kommen kann. Jeder von uns kann sie nutzen – mit Gottes Hilfe. Denn Gott steht für den Ehrlichen ein – in Jesus hat er sich selber für diesen Weg entschieden. Dann feiern wir fit und frei in vierzig Tagen Ostern, das Fest der Auferstehung von Jesus.

Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor und Wiesmoor

6. März 2011: Warum läuten die Glocken?

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

„Warum läuten die Glocken?“ fragt einer der Konfirmanden. „Weil jetzt die Stunde zuende ist“, scherzt ein anderer Konfirmand. „Das ist gar nicht mal so falsch“, sage ich zu seiner Überraschung. „Die Glocken erinnern daran, dass der Tag jetzt zuende ist und dass Gott uns auch an diesem Abend begleitet.“ „Wann läuten die Glocken denn überhaupt?“ will jetzt wiederum ein anderer Konfirmand wissen. „Bei uns ist das so“, erwidere ich, „dass sie morgens um acht, mittags um zwölf und schließlich abends um sechs erklingen. Dreimal wird der Tag unterbrochen.“ „Aber viele hören doch gar nicht hin“, bekomme ich jetzt zur Antwort. „Da hast Du Recht“, stimme ich zu. Später denke ich über das Gespräch noch einmal nach. Ich finde es schön, dass ich morgens, mittags und abends zum Innehalten aufgerufen werde. Wenn ich in meinem Büro sitze und die Glocken höre, lasse ich die Arbeit oft für einen Moment ruhen und höre einfach zu. Manchmal nehme ich das Läuten auch nicht wahr. Ich habe aber festgestellt, dass ich kurze Pausen am Tag brauche. Das ist morgens ein Gebet und ein Vaterunser. Ich brauche diesen Moment der Besinnung und der Ruhe, bevor die Arbeit beginnt. Auch im Bibelspruch für den Monat März geht es um diese Erfahrung: „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung.“ (Psalm 62,8) Ein Bild taucht vor meinem inneren Auge auf: das Meer; ganz ruhig liegt es da. Das Sonnenlicht tanzt auf dem Wasser. Das Leben ist oft anders: Oft ist das Wasser in Bewegung. Und manchmal scheinen die Wellen riesengroß zu sein. Das Leben ist oft unruhig. Ein Termin jagt den nächsten. „Es ist so, als ob man einen großen Sandberg Schubkarre für Schubkarre abarbeitet“, sagte einmal ein Freund zu mir, „und kurz, bevor man fertig ist, wird wieder Sand aufgeladen.“ Das kenne ich auch. Dann wird mir alles viel zu viel. Deshalb brauche ich diese Momente des Innehaltens – morgens, mittags und abends. Ich will nicht gedankenverloren in den Tag taumeln, sondern mich auf das besinnen, was jetzt wichtig ist: An wen möchte ich denken? Wofür will ich Gott danken? Und wofür bitte ich ihn? Danach gehe ich ruhiger und zuversichtlicher in den Tag. Versuchen Sie es doch auch einmal. Beim nächsten Glockenläuten. Oder auch einfach so. Die Hände falten oder einfach die Augen schließen und an das Meer denken, das ganz ruhig daliegt. So ruhig wie meine Seele bei Gott.

Stefan Wolf, Pastor an der Friedenskirche in Wiesmoor

26. Februar 2011: Bibel – mal ganz praktisch

Eine Bibel kann unwahrscheinlich praktisch sein.

Hans Hentschel, Pastor in Riepe

Ich war als Pastor neulich bei einem Brautpaar, um über die bevorstehende kirchliche Hochzeit zu sprechen. ‚Die Predigt möchte ich gern über ein biblisches Motto halten,’ sagte ich. Die Braut lächelte mich an: ‚Ich weiß eins. Das hatten wir im vergangenen Jahr bei der Hochzeit meiner Kusine Gabi. Aber ich kriege es aus dem Kopf einfach nicht mehr zusammen …’. ‚Kriegst du es zusammen …?’ fragt die junge Frau ihren zukünftigen Ehemann, der neben ihr auf dem brandneuen Ledersofa sitzt, das die beiden sich in die gerade neu bezogene und eingerichtete Wohnung gestellt haben. Der Bräutigam schüttelt mit dem Kopf. ‚Nee … Keine Ahnung! Ehrlich! Beim besten Willen nicht’.  Die junge Frau fasst sich nachdenklich an das Kinn. ‚Weißte was,’ fällt ihr etwas mit einem Fingerschnippen ein. ‚Ich habe in meine Konfirmandenbibel das Gottesdienstprogramm von Gabis Hochzeit reingelegt. Diese Gute Nachricht. Neulich haben wir sie doch noch beim Umzug gehabt. Weißt du, wo die Bibel ist, Schatz?’  Er schüttelt heftig mit dem Kopf. ‚Nee! Keine Ahnung …’ ‚Die muss doch irgendwo sein … Weißt du noch wie ich sie dir gezeigt habe, da hatte ich damals doch diese Aufkleber aus der HÖR ZU draufgeklebt …’. ‚Lass doch den Pastor was aussuchen …’, scheint das Interesse der Braut an der Bibel dem Bräutigam egal zu sein. ‚Nee! Die Bibel muss doch irgendwo sein.’ Also begann die Bibelsuche. Die Bibel lag schließlich unter einem alten Eichenbüffet der Oma des Bräutigams, das in der ansonsten modern eingerichteten Wohnung stand. Beim Einzug war hinten an der Wandseite einer der dunklen, gedrechselten Füße abgebrochen und die Bibel hatte genau die richtige Dicke, dass das herrlich geschnitzte Möbel auf nur noch drei Beinen nicht mehr wackelte. Lag bombenfest unter dem mit aller Wäsche, Porzellan und Büchern voll bepackten Ding. Tja, die Bibel kann einem in allerlei Lebenssituationen helfen,’ lachte ich. Gemeinsam zogen wir sie unter dem Büffet hervor und fanden den Trauspruch. Eine Bibel kann unwahrscheinlich praktisch sein … Übrigens auch zum Lesen … aber das ist natürlich eine andere Geschichte, die wir in unseren Gemeinden in dieser Zeit auch während der Bibelwochen erzählen, die gerade landauf landab stattfinden. Ich grüße alle herzlich und wünsche ein gutes Wochenende, vielleicht mit einem Text aus der Bibel.

Pastor Hans Hentschel, Kirchengemeinde Riepe

19. Februar 2011: Miteinander Reden

„Herr Pastor! Hem se dat all sehn? Bi uns in de Boom hangt een Fahrrad.“ Ganz aufgeregt kam mir an diesem Morgen unsere Küsterin entgegen. In meiner früheren Gemeinde stand zwischen der Kirche und dem Gemeindehaus eine mächtige Kastanie. Mitten in diesem Baum hing ein knallrotes Mädchenfahrrad. Am Abend hatten wir unsere Kirchenvorstandssitzung. Das Fahrrad im Baum war natürlich bei allen ein Gesprächsthema. Einige schmunzelten, andere waren verärgert. „Ich bin mir sicher, das waren wieder die Jugendlichen!“ schimpfte einer der Kirchenvorsteher. Andere nickten zustimmend. Wir alle wussten, welche Jugendlichen er meinte. Neben der Kirche standen zwei Bänke. Dort traf sich jeden Abend eine kleine Gruppe von Jugendlichen. Sie waren schon interessant anzuschauen. Einige hatten sich die Haare schwarz gefärbt, manche hatten ihre Haare mit Gel in spannende Formen gebracht und einige hatten sich ganz in Schwarz gekleidet. Fast immer hatten sie eine Dose Bier in der Hand. Bis spät in die Nacht saßen sie dort zusammen. „Lasst uns doch die Bänke da weg nehmen,“ meinte ein Kirchenvorsteher. „Wir müssen bei der Polizei anrufen,“ meinte ein anderer. „Habt ihr schon mal mit den jungen Leuten gesprochen?“ fragte eine ältere Kirchenvorsteherin. Wir schauten uns an. Bis jetzt waren wir den Jugendlichen lieber aus dem Weg gegangen. „Dann wisst ihr ja gar nicht, über wen ihr redet!“ Etwas kleinlaut schwiegen wir. „Ich gehe morgen Abend mal zu ihnen. Und dann sehn wir weiter,“ meinte die Kirchenvorsteherin. „Bist du schon hingewesen?“ fragte ich, als ich sie ein paar Tage später beim Einkaufen traf. „Ja, ich war bei ihnen,“ sagte sie. Und dann erzählte sie, dass sie mit ziemlichem Herzklopfen zu den jungen Leuten gegangen war. Aber die jungen Leute hatten sich gefreut, dass sie kam. „Die meisten Leute schimpfen immer nur mit uns!“ hatte einer von ihnen gesagt. Sie waren etwas zur Seite gerückt und hatten ihr auf der Bank einen Platz angeboten. Danach hatten sie erzählt. Bei dem einen gab es nur Ärger zuhause. „Ich kann meinen Eltern nie etwas recht machen.“ Einer hatte immer noch keine Lehrstelle gefunden. Alle hatten sie ihre Sorgen. Hier auf der Bank beieinander zu sitzen, das gab ihnen Halt. Hier konnten sie erzählen, hier wurden sie angenommen. Die Kirchenvorsteherin schaute mich an. „Das sind doch die Menschen, zu denen Jesus uns geschickt hat. Aber wie schnell wir doch bereit sind, sie zu verurteilen und abzuschieben. Wir reden so oft über die Menschen und so selten mit ihnen.“ Das mit dem Fahrrad im Baum hat sich einige Tage später übrigens auch aufgeklärt. Einige Konfirmanden hatten ein Mädchen aus ihrer Gruppe einfach nur necken wollen.

Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

12. Februar 2011: „Wenn alles bricht…“

Es gibt sie, Zeiten, manchmal nur ganz kurze Momente in unserem Leben, da stürzt alles zusammen wie ein Kartenhaus. Vom einen zum anderen Moment ist alles anders, gehört das eben noch gelebte Leben der Vergangenheit an, sind wir geworfen in eine neue traurige Wirklichkeit. Das erleiden Angehörige von Unfallopfern wie jüngst in Hordorf: ein Anruf, eine Mitteilung – das Katapult in eine neue Wirklichkeit. Das verfolgen wir Auricher gerade im Prozess um Jasmin S. und ihren getöteten Exfreund: ein Moment in einer Nacht hinterlässt zwei zerstörte Familien und Fassungslosigkeit. Das erleben wir in der Ubbo-Emmius-Klinik oft, manchmal zu oft, sodass die eigenen Fähigkeiten auf Leid und Trauer noch angemessen zu reagieren, klein werden, zu schwinden drohen. In dieser Woche haben wir es besonders erlebt. Erleben müssen. Durchdringend und markerschütternd hat es auch die geschäftige und leidgewöhnte Wirklichkeit unseres Krankenhauses zerrissen. Auf dem Weg zurück von einem nächtlichen Einsatz und dem verzweifelten Versuch das Geschehene zu verstehen, geht mir dies Lied durch den Kopf: „Harre, meine Seele“. Ein Beerdigungslied. Ich mag es nicht besonders, weil es so dramatisch-melodische Verläufe und eine sehr aufwühlende Dynamik hat. Ein ruhiges „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“, das mich an eine sehr schöne Zeit meines Lebens in Amsterdam erinnert, fällt mir leichter zu singen. Auch bei Beerdigungen. Doch nun dies „Harre, meine Seele“. In der Frühe des Auricher Morgens, die Stadt erwacht gerade erst, sind es vor allem zwei Zeilen an denen ich hängenbleibe: Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht. Größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Das wünsche ich mir. Das erbitte ich im stillen Gebet von Gott. Das fordere ich ihm ab, ob ich das darf oder nicht: wenn Du es deinen Menschen so schwer machst, dann stütze sie auch. Halte sie bei deinem Wort, gib ihnen Kraft und Stärke. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht! Größer als der Helfer ist die Not ja nicht. So sei es!

Pastorin Marion Steinmeier, Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

5. Februar 2011: Wenn Verborgenes offenbar wird

Liebe Leserin, lieber Leser – wenn Sie Ihr Ideal-Gewicht haben, dann werden Sie das Folgende vielleicht nicht nachfühlen können. Aber ich vermute: viele Leserinnen und Leser kennen ein Ringen gegen überflüssige Pfunde in den Anfangsmonaten des neuen Jahres. „Sie sind einfach nur zu dick!“ Das war die ärztliche Diagnose, die ich zu gleichen Teilen befürchtet und erhofft hatte. Eigentlich war es nur die Kurzatmigkeit, die mich zur Arztpraxis getrieben hatte. Vielleicht kennen Sie das: so ein „Frühjahrs-Müdigkeits-Schlappsein-Gefühl“. An und für sich nichts Außergewöhnliches. Aber für mich war das neu. Vielleicht wird man (überraschend) doch älter? Vielleicht war ja aber auch eine ernstzunehmende Krankheit Grund dieser Beschwerden? In meiner Selbstwahrnehmung sah ich mich schon daniederliegen! Die Lunge, das Herz, der Kreislauf… Und dann sagt die Ärztin: „Sie sind einfach nur zu dick!“ Aufatmen! Auf der anderen Seite: das hatte ich auch befürchtet. Ich weiß natürlich sehr gut, dass ich gut über den Jahreswechsel gekommen bin. All die Leckereien und das herrliche Essen über die Feiertage. Das gehört ja dazu. Und das kleine Bäuchlein… Ich bitte Sie! Der Volksmund sagt dazu: es gibt ein Wohlfühlgewicht! Ich habe mir immer eingeredet, dass ich die Grenze des Wohlfühlgewichtes nicht überschritten hätte. Mit einem Sumo-Ringer hat mich schließlich noch niemand verwechselt! Und so habe ich mir immer vorgemacht: so schlimm ist es noch nicht! Und: ein bisschen füllig ist schließlich sympathisch! Ein dünner Hering willst Du gar nicht sein, und für eine Filmkarriere ist es ohnehin zu spät… Aber nun stockte manchmal der Atem. Es kam zutage, was ich selbst nicht wahrhaben wollte: es ist nicht der dicke Pulli, der einem den Blick in den Spiegel verleidet! Und dann lese ich folgenden Wochenspruch, der uns durch die neue Woche begleitet: „Der Herr wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.“ Ein Vers aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth im vierten Kapitel. Paulus hat ganz sicher nicht Gewichtsprobleme gedacht, die da „im Finstern verborgenen“ größer werden. Für mich ist das aber ein Anknüpfungspunkt, an dem der Wochenspruch für mein Leben fruchtbar werden kann. Paulus rät: mach Dir nichts vor! Gott fordert nicht mehr von Dir, als dass du treu bist. Treu / aufrecht / ehrlich gegenüber Gott, gegenüber den anderen Menschen und auch gegenüber dir selbst. Dabei musst Du weder auf andere zeigen, noch Dich vor jemandem rechtfertigen. Es gibt keinen Richter über die Umstände des eigenen Lebens außer Gott allein! Gott allerdings kennt Dein Herz. Liebevoll aber bestimmt wird er richten über das, was gelungen ist und das, was nicht gelungen ist. Er weiß, wo wir uns und anderen etwas vormachen, wo wir Dinge schleifen und uns gehen lassen. Er weiß ebenso um die Dinge, in denen wir aufrichtig sind, in denen wir uns zum Guten bewegen. Mit diesem Vers gehe ich in die neue Woche und lasse mich bewegen. Mit Blick auf das große Ganze meines Lebens als auch mit Blick auf diese ärztliche Aussage: „Sie sind einfach nur zu dick!“ Da lässt sich ja etwas ändern! Mit Trockenobst in der einen und Knäckebrot in der anderen Hand grüßt Sie

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

29. Januar 2011: Suchend lesen

„Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muss bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antworten von ihr erwarten, gibt sie sie uns. Das liegt daran, dass in der Bibel Gott zu uns redet. Und über Gott kann man eben nicht so einfach von sich aus nachdenken, sondern man muss ihn fragen. Nur wenn wir ihn suchen, antwortet er.“ Dietrich Bonhoeffer hat das geschrieben. Die Bibel so zu lesen, das versuchen wir auch an diesem Sonntag wieder im Gottesdienst. Wir lesen die Geschichte von Petrus, der aus dem Boot steigt, um auf dem tobenden Wasser zu gehen. Wir lesen, wie ihn der Mut verlässt, wie er untergeht. Und wie Jesus die Hand ausstreckt und ihn herauszieht (Matthäus-Evangelium 14, 22-33). Natürlich kann man die Bibel auch lesen wie jedes andere Buch. Dagegen ist gar nichts zu sagen. Dann lesen wir hier eine wunderhafte Geschichte, fragen uns mit Recht, ob so etwas möglich ist, und schütteln den Kopf. Wenn wir die Bibel so lesen, dann bleiben wir aber an ihrer Oberfläche. Das Wesen der Bibel erschließt sich uns, wenn wir Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens von ihr erwarten. Wenn wir die biblische Geschichte dieses Sonntags so lesen, dann erfahren wir von einem Menschen, der ausgestiegen ist aus seinem Boot. Diese kleine Nußschale auf den Wogen des Lebens, sie reicht ihm nicht mehr. Er wagt sich hinaus, sei es aus Neugier, sei es mit dem Mut der Verzweiflung. Und jetzt steht ihm das Wasser bis zum Hals. So viel stürzt auf ihn ein, er verliert den Halt, alles wächst ihm über den Kopf, er kriegt keine Luft mehr. Und dann rettet ihn der Glaube. Aber – und das ist vielleicht die Pointe dieser Geschichte – nicht etwa sein eigener Glaube. Nein, Jesus ist es: Jesus glaubt an ihn. Er reicht ihm seine Hand, er hilft ihm heraus. Weil ein anderer an ihn glaubt, geht er nicht unter. Weil Gott zu ihm hält, findet er Halt im Leben. Antworten auf die Fragen des Lebens suchen, nach Gott fragen: Lassen Sie uns das gemeinsam tun – warum nicht an diesem Sonntag?

Peter Schröder-Ellies, Pastor in der Lambertigemeinde in Aurich

22. Januar 2011: Worte

Langsam werde ich alt. Eben wußte ich noch, was ich sagen wollte, jetzt ist es mir entfallen. Ich beginne zu stocken. Aber ich habe den Faden verloren. Es ist, als ob meinen Worten das Leben entwichen ist. „Was wollten Sie denn sagen?“, schreckt mich mein Gegenüber auf. Keine gute Erfahrung, so dazustehen. Wortlos. Und darin auch ziemlich hilflos. Ich denke an eine andere Situation. Ich muß zu Menschen reden. Aber ich bin mit dem Herzen und auch mit den Gedanken nicht dabei. Ich rede und rede. Und merke, wie ich doch mehr und mehr die Zuhörer verliere. Ich kann es den Gesichtern der Zuhörer ablesen. Kraftlos wirken meine eigenen Worte auf mich. Sprache ist Hoffnung, gehört zu werden. Wenn uns die Worte fehlen, wenn unsere Worte den anderen nicht erreichen, ist das bedrückend. Wer wirklich etwas zu sagen hat, wem etwas auf dem Herzen liegt, den treibt die Hoffnung an, sich mitteilen zu können. Im Gespräch etwas abzulegen von der Last. Im Austausch mit anderen neue Impulse und Anregungen zu bekommen. Wie viele leere Worte verlieren wir jeden Tag. In banalen Gesprächen. In sinnfreien Mitteilungen. Wir reden und simsen und chatten. Aber nicht über das Wesentliche. Kommunikation auf allen Kanälen. Aber selten auf der Frequenz, wo wir ehrlich sind. Wo unser Herz zu spüren ist. Und wenn ich wirklich wichtiges loswerden muss? Wird mich dann jemand überhaupt hören? Oder geht meine Äußerung unter im Meer der Worthülsen und leeren Floskeln? Wenn es darauf ankommt, Klartext zu reden und ehrlich zu sein: Werde ich dann die richtigen Worte finden? Ich besuche eine demente Frau im Altenheim. Ein Gespräch mit ihr ist schwierig. Sie müht sich um die Worte. Ich spüre, wie sie versucht eine Verbindung aufzubauen. Aber ihre Krankheit lässt sie immer wieder Worte und Gesprächsfaden verlieren. In ihren Augen steht die Traurigkeit, etwas sagen zu wollen, es aber nicht mehr richtig zu können. Ich versuche ihr das Gefühl zu vermitteln, daß ich bei ihr bin. Auch wenn uns eher im Zick-Zack bewegen. Am Ende meines Besuches lege ich der Frau die Hände auf und segne sie. Ich spreche die alten Worte eines Segens. Es ist der Zuspruch, daß Gott bei uns ist und uns hört. Sie spürt die Berührung und lauscht sich in die Worte hinein. Sie strahlt und ihre Lippen formen das Wort „Danke“. Sprache ist Hoffnung, gehört zu werden. Ich wünsche mir, daß wir einander im Wörtermeer mit ehrlichen Worten und offenen Worten begegnen. Daß wir als Christen von der Hoffnung erzählen können, die in uns ist. Daß wir gute Worte füreinander finden. Daß wir unsere Stimme für die erheben, die keine eigene Stimme haben. In einem meiner Lieblingslieder heißt es: „Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton. Worte, die deutlich von dir reden, gib mir genug davon. Worte, die klären, Worte, die stören, wo man vorbeilebt an dir. Wunden zu finden und sie zu verbinden, gib mir die Worte dafür.“

Pastor Uwe Tatjes, Aurich-Kirchdorf

15. Januar 2011: Ausradiert

An manchen Tagen ist unser Tisch mit so kleinen Krümeln übersät und ich erkenne: Hier hat sich gerade eines unserer Kinder mit Hausaufgaben ausgetobt und viel ausradiert. Wie praktisch dieser Radierer doch ist: Er schafft es, dass wir das gute Gefühl haben, wieder ganz neu beginnen zu können. Das, was misslang und daneben ging, wird ausradiert. Nun soll es bald das „digitale Radiergummi“ geben, das Bilder im Internet auf sozialen Plattformen auslöscht, sie also nach einer gewissen Zeit unsichtbar macht. Bislang konnten Bilder und Informationen, die in diese Welt der digitalen Kommunikation gestellt werden – freiwillig oder unfreiwillig – nicht mehr „zurückgenommen“ werden. Noch bleiben sie im digitalen Gedächtnis dieser Zwischenwelt und damit „ewig“. Das Internet als Gedächtnismacht, die nichts vergisst. Damit wird es bedrohlich für uns leichtfertige Menschen. Jeder „Ausrutscher“ bleibt und kann missbraucht werden. Das ist unmenschlich, und zwar im Wortsinn: Denn menschlich ist, dass wir uns nicht jeden Vorgang, nicht jedes Detail, nicht jedes Wort merken können. Wir vergessen. Nicht altersbedingt, sondern grundsätzlich. Die Fülle des Lebens überflutet uns. Und – GottseiDank! – müssen wir uns nicht alles merken. Wir dürfen, wir müssen vergessen. Das ist gut und schlecht gleichzeitig: Schwierig wird es, wenn aus Vergessen Verdrängen wird. Gut wird es, wenn wir die schuldbeladenen Situationen, unser Versagen anderen gegenüber benennen und gestehen können. Gut wird es, wenn unser Gegenüber sagt: „Vergeben und vergessen!“ Die Schuld dahingestellt und ausradiert. Man kann es noch einmal versuchen. Bei Gott geht es menschlich zu. So lautet die Weihnachtsbotschaft. Der, der unsere Haare auf dem Haupte gezählt hat und uns nicht vergisst, wie uns Matthäus vor Augen stellt, radiert aus, was sich an Fehlern und Schuld bei uns laufend anhäuft. Er radiert aus, was wir in unserem Alltag nur streichen, nicht aber zurücknehmen können. Und viele Menschen leiden daran, dass sich selbst nicht vergeben können oder dass sie unfähig sind, andern das zu vergeben, wodurch sie verletzt wurden. Der kommende 2. Sonntag nach Epiphanias ist ein Sonntag der Freude und des großen Gotteslobes: Als Christinnen und Christen freuen wir uns an dem Lebendigen, loben seine Macht, nicht die kalte, mechanische Gedächtnismacht (Gott sieht und weiß alles), sondern die, die sich in Jesus so menschlich zeigt, so barmherzig und zugewandt wie in dem Evangelium von der Hochzeit zu Kana (Joh. 2). Dort wandelt Jesus bekanntlich Wasser zu Wein. In Kana kommt das Beste zum Schluss: Brautleute und Gäste werden sich des guten Weins erinnern, den alten können sie getrost vergessen. Mit Jeus fängt im Grunde das Lebensfest noch einmal neu an, das alte – fast wie ausradiert.

Pastorin Silke Kampen, Wallinghausen

8. Januar 2011: Well seggt uns, wo´d wiedergeiht?

Up Padd in dat Johr 2011

Wat was dat vör´n Wanörder in de Dagen för Wiehnachten, as Iis un Schneej tomal dat Seggen harren. Sovöl Minsken satten fast, de mit Zug na Huus hen wullen. Wat kunnen een de Blooden begrooten, de up Kuffer satten to klömen un neet van Stee kweemen. Mennig een van jo of van jo Femiljen hett dat süllmst unnerfunnen, de so geern to Wiehnachten na Huus hen wull. Dat gung dr´ smaals her as unnern in´d Gulf un ook van de Bahntjers wuss nümms mehr to seggen, welke Zug wennher un worhen fohren dee. Neet mal de Helpers van uns Bahnhofsmission harren noch Wulldeekens un Thermosbuddels – se kunnen d´r ook neet mehr tegen an. Nett so gung dat ´n Bült Minsken, de to´d Fierdagen na Hus hen fleegen wullen un so geern to Wiehnachten bi´d Ollen of bi`d Kinner wesen wullen. Wi hebben hört van junge Lüe ut Athen, de süllmst noch in Hus ankomen sünt, man hör Kuffers hungen dagenlang irgendwor in´d Lücht un so mussen se up Unnerste up Moder un Vader an. Wi hebben hört van n´ jungen Wicht, de erst in Paris neet wiederfleegen kunn un unnerrats twee Dagen wachten muss, de an´d darde Dag na´d Bahnhof henloopen is un dor mit Halswark noch n´Zug na Holland kreeg. Nu satt se Heiligabend in Holland, Kuffer in Paris un Moder in Huus to wachten. Nettekraht as bi´d Zug wullen ook de Lüe, de fleegen wullen, so geern een hebben to fraagen, wo´d wiedergeiht. Man dor was nümms. Lange Gesichten, tells ook wall wat Frockerej, Nood un Verdreet, mennig Traantje is rullt – man dat hulp nix, dor was nümms to finnen, de seggen kunn, wo´d wiedergahn sull. Mennig Mal hebben wi dorvan hört un lesen un de Schkepsels kunnen een begrooten, de neet wieder kunnen un neet wussen, wo´d wiedergahn sull. Weest wat? Mi dünkt, n´bietje stahn wi beid in disse Dagen ook so vör dat neeje Johr. „Wi stahn d´r vör, wi mutten d´r dör“ – seggen wi uns wall, man mit all uns Kuffers un Taschken ut dat olle Johr stahn wi nu in de erste Week van dat neeje Johr un twalf lange Maanten liggen vör uns. Wi denken ook: Wor mutt ik lang? Kann ik wall so wiederloopen off hebb ik nix as Tegenstöten? Is mien Padd dör 2011 open un freej off sitt de vull Is un Schneej? Un sitt ik mal fast un geiht neeit wieder: is dor wall een, de ik fragen kann, de mi de Padd anwiesen deiht, wo ik na Hus henkoom? Off geiht mit dat nett as de Minsken dree Dag vör Wiehnachten, de mit Zug na Hus wullen off fleegen un se kunnen nüms finnen, de hör seggen kunn: hier kummst du na Hus? Na Hus – dat mutt keen Huus van Steen un Holt un Glas wesen, na Huus heet ook: wor koom ik to Ruh? Wor hör ik hen? Well hollt mien Leben`d in Gang? Wor kann ik rüsten bi all dat Gedau in de Welt? Van uns ut könen wi de Pad neet finnen, de sitt unner Iis un Schneej. Man dor steiht een an de Drüppel van dat neeje Johr, de will de Schneej, de di de Lebenspadd dichtsett hett, wegschuben. Dor steiht een an de Drüppel van dat neeje Johr un seggt: „Hebb man ken Nood! Ik breng di na Huus! Verfehr di man neet! Löv an Gott un Löv an mi“ , seggt Jesus. „In mien Vaders Huus is heel völ Bott un dor is ook n`Kamerke för di.“ (Johannes 14 – driest eem nalesen!) Hol di an mi un ik dooi di dat Iis van dien Leben´d weer up, ik schkuuv di de Schneej van´t Stee und du hest n´gaaelken Pad, wor du loopen kannst. Büst du ook noch so verdwolen un noch só van´t Padd off, ik segg di dat to: du sall n´Stee hebben, wor du henhörst, bi mi. Seggt Jesus. Ik will di seggen, worhen un worher. Ik will di bí´d Hand to packen hebben dat to good dör dat neeje Johr kummst. Mi dürst du alltied fragen, ik stah klor för di. Holl di an mi un du büst burgen. Elke Söndag hebben se ook bi di in´t Kark weer´n Wulldeeken un n´Thermosbuddel ut mien Woord för di – gah driest d´r achterto un hal di dat. Bliev up sien Padd un holl di an hum, denn mach komen, wat will un keen Iis un keen Schneej kann di van Huus offholen.

Jürgen Hoogstraat, Pestoor in Vittebuur

31. Dezember 2010: Up de Drüppel

Nu is dat bold sowiet. Wi hebbt de Greep van neie Johr all in Hand. Noch is de Döör dicht, man blot n poor Stünnen noch. Dat is’n sünnerboren Nacht,wenn dat ole Johr so sacht utklingt. De Minschen sünd unrüstig in de Tied tüschen de Johren und dat geiht de luud her. Und jüst in de Oogenblick wor de Wiesers van all de Klocken up Twalven springt,denn worrdt de schooten und knallert as mal und van meenigeen Klocktoorn worrdt de lütt. So begrööten wi dat neie Johr. Noch is dat nich sowiet. Wi stohnt de noch vör. Und dat is ook de Tied wor Bilanz trukken worrdt. Wat is west? Wat mag komen? Well sück an Anfang van Johr wat vörnohmen hett, de kann dat nu överkieken. Hebb ik dat inholln off hebb ik dat in Been saaken laaten? Wat hebb ik verwacht för mi,mien Familie, Stadt und Land? Dat is gor nich so eenfach Bilanz tö trekken, denn in een Johr geböhrt so vööl. Du vergeets ook woll wat. Sekker is: Dat, wat west is,kannst nich törügg hollen. Villicht harrst du dit off dat anners mooken wullt. Tö laat! Kann ook wesn, dat dat as’n Steen up dien Hart liggt. Tied kannst nich törüggholen. Tied löppt immer wieder. Und wi gohnt mit, so worrdt de up meenig Geburtstag seggt. Dat is ja ook wohr. Man,wo wi de Tied beleeven,dat is bi elk und een verscheden. Wenn du vull Bliedskupp sittst, denn verflüggt de Tied man so. Dat du sückse Stünnen hatt hest, wünsch ik di. Dor kannst doch dankbor för wesn. Gliekevööl gifft dat ook de Stünnen, de man so kruupen. Krankheit, Nood und Sörgen. sünd de Stünnen so toie as’n oll Stück Leer. Ik hoop in disse Stünnen is Gott di Stöhnpohl west. Wat vör Tieden wachten nu up us in’t neie Johr? Dat kann nüms weeten. Dor will ik gor nich up spekuleeren. Wenn een in Sömmerurlaub fohrt, packt he Badeklamotten in und wenn een in Winterurlaub will, denn nimmt he Pullovers und Handschen mit. Wenn du dör de Tied geihst, denn kummt dat ook drup an wat du mitnimmst. Wi stohnt up Drüppel van’t neie Johr und ik much dat Tövertraun up Gott nich missen. Dor is een,de geiht mit uns. De Apostel Paulus hett mol seggt, dat steiht balkenfast, dat Gott bi uns is. Sückse Tövertraun wünsch ik di för 2011.

Walter Uphoff, Pastor in Middels

18. Dezember 2010: Muttersprache

Erinnern Sie sich noch an die ersten Worte, die Sie gesprochen haben? Die ersten Worte, die Sie gehört haben haben? Die ersten Worte, die Ihr Mund geformt hat? An die ersten Worte erinnern sich vielleicht die Eltern. Wir selber können das kaum. Und doch bleibt die Muttersprache etwas prägendes. Sie hat einen warmen, vertrauten Klang. Sie ist die Sprache in der wir träumen. In der wir sicher umhergehen, uns in die vertrauten Folgen und Laute fallen lassen können. Wir schön, in einem fremden Land vertraute Töne zu hören! Ein paar Worte in der eigenen Muttersprache wechseln zu können. Fulbert Steffensky hat einmal gesagt, die Musik und die Lieder sind die Muttersprache des christlichen Glaubens. Und es ist eine internationale Muttersprache. Musik überwindet spielend Sprachbarrieren, bringt Menschen in Bewegung, weckt Gefühle und begeistert. Musik gibt den verborgenen Gefühlen eine Stimme. Sie läßt einstimmen in Lob und Klage. Was noch ersehnt wird, wird herbei gesungen. Was schon gut und schön ist, wird besungen. Manches Lied läßt uns die Schönheit ahnen, die tief verborgen im Bauplan dieser Welt ruht. Musik und Lieder sind Ausdruck dafür, was Worte alleine nicht sagen können. Sie sind der angemessenste Umgangston im Gespräch mit Gott. Ob mit den melancholischen Klängen eines Blues oder im trällernden Bogen eines Lobliedes. Ohne Musik und Lieder ist ein christlicher Gottesdienst undenkbar. Und auch die Advents- und Weihnachtszeit wäre ohne die Lieder gar nicht zu denken. Sie wecken Erinnerungen, sie schaffen Atmosphäre. Nicht so gut, wenn sie aus der Konserve auf dem Weihnachtsmarkt oder im Einkaufsparadies heruntergedudelt werden. Am besten, wenn sie selbst gesungen werden. Unter dem Weihnachtsbaum singen nur noch 39% der Deutschen selbst. 47% überlassen dem CD-Spieler die Arbeit, 14% singen gar nicht. Wie schade! Dabei tut Singen so gut. Eine Frau kommt mir nach der Chorprobe strahlend entgegen: „Das war richtig gut! Ich fühle mich wie neugeboren.“, sagt sie mir. Singen ist gesund. Es stärkt die Abwehrkräfte und steigert das Wohlbefinden. Es kräftigt die Muskeln und trainiert sogar die Seele. Singen kann wie ein Anti-Depressivum wirken, sagen Forscher. Wir enthalten uns aber nicht nur in dieser Hinsicht Wertvolles, wenn wir immer weniger singen. Denn gerade unsere geistlichen Lieder, alte Choräle und moderne Weisen, sind zuverlässige Führer zum Glauben. „Seit ich im Gospelchor mitsinge, fällt mir das mit dem Glauben viel leichter.“, sagt eine junge Frau. „Erst habe ich nur die Lieder mitgesungen, aber dann habe ich angefangen darüber nachzudenken. Und dann habe ich entdeckt, daß da für mich ganz viel Wertvolles drinsteckt.“ Musik und Lieder sind die Muttersprache unseres Glaubens. Wenn wir das Singen einstellen, wenn wir die Lieder verlernen, schneiden wir uns von dieser Muttersprache ab. Den Reichtum der Choräle, der Musik möchte ich nicht missen. In mancher eigenen Glaubenskärglichkeit sind sie wie ein belebender Schluck Wasser. „Das soll und will ich mir zu Nutz/ Zu allen Zeiten machen,/ Im Streite soll es sein mein Schutz,/ In Traurigkeit mein Lachen,/ In Fröhlichkeit mein Saitenspiel,/ Und, wann mir nichts mehr schmecken will,/ Soll mich dies Manna speisen;/ Im Durst solls sein mein Wasserquell,/ In Einsamkeit mein Sprachgesell/ Zu Haus und auch auf Reisen.“, hat Paul Gerhardt in einem seiner Choräle unnachahmlich gedichtet. Ohne Musik und Lieder fehlen unserem Glauben Worte und Klang, Tiefe und Leichtigkeit. Darum: vergessen Sie Ihre Glaubens-Muttersprache nicht. Und geben Sie dem Gesang nicht nur unter dem Tannenbaum eine Chance.

Pastorin Anne Ulferts-Tatjes, Wiesmoor

11. Dezember 2010: Winterrose

Frierend drängen sich die Jugendlichen in das kleine Häuschen. Die Menschen huschen an diesem eisigen Tag achtlos vorbei. Jeder sieht zu, daß er schnell ins Warme kommt. Und wer doch mal kurz stehenbleibt strebt schnell zu Bratwürsten und Glühweinbuden weiter. Da will man was für den guten Zweck tun und keinen interessiert´s. Die Jugendlichen sind unverdrossen, auch wenn nur wenige Menschen sich in den Hirtenstall verirren. Immerhin, am Ende des Tages kommt doch noch ein bisschen was für behinderte Kinder in Rumänien zusammen. Als ich über den Weihnachtsmarkt nach Hause gehe, dudelt vom Kinderkarussell das alte Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ herüber. Ein Hoffnungslied, das anknüpft an das, was der Prophet Jesaja einst seinem Volk als Hoffnung verkündet hat. „Ein Spross wächst aus dem Baumstumpf Isai, ein neuer Trieb schießt hervor aus seinen Wurzeln.“ (Jes 11,1) Könnte man hier auch brauchen, denke ich. Irgendwie ist das hier ja jedes Jahr dasselbe. Die Buden, das Gedränge, der Glühweindunst, das Riesenrad. Nichts Überraschendes. Vielleicht suchen die Leute das hier auch gar nicht. Aber ein „Ros entsprungen … mitten im kalten Winter“, das würde ich mir wünschen. Ein bisschen mehr Hoffnung. Ein bisschen mehr Sehnsucht. Ein bisschen mehr fragen nach dem was sein kann und nicht nur nach dem, was schon immer so war. Darum geht es doch eigentlich. Bringt das was?, hat einer der Passanten gefragt. Das passt hier doch gar nicht her. Advent ist noch mehr als das, was ich schon kenne. Schade, wenn das untergeht. Schade, wenn Kirche auf dem Weihnachtsmarkt nicht mehr passt. Gehen wir eigentlich auch unter, wenn wir den Ursprung unserer christlichen Feste, unserer Kultur, mehr und mehr vergessen? Jesaja musste das in seiner Zeit erleben. Die Gleichgültigkeit der Menschen führte in den Untergang. Der Baumstumpf, von dem Jesaja spricht, ist das Volk Israel, das eigene Wege ging und seine Freiheit verlor. Und doch war das nicht das Ende. Ein neuer Schoss, ein Trieb ist da. Ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist. Er kann wieder ausschlagen. Das ist ein schönes Hoffnungszeichen. Wie eine Rose mitten im Winter. Das gibt neuen Mut. Das reizt zur Hoffnung. Gott will es so. Ein Gedicht von Bertold Brecht kommt mir in den Sinn: Ach, wie sollen wir die kleine Rose buchen? Plötzlich dunkelrot und jung und nah? ach, wir kamen nicht sie zu besuchen Aber als wir kamen, war sie da. Ehe sie da war, ward sie nicht erwartet. Als sie da war, ward sie kaum geglaubt. Ach zum Ziele kam, was nie gestartet. Aber war es so nicht überhaupt? Ich weiß nicht ob Brecht damit an das alte Weihnachtslied oder Jesaja gedacht hat. Aber seine Zeilen passen wunderbar zu diesem Bild. „Ehe sie da war, ward sie nicht erwartet. Als sie da war, ward sie kaum geglaubt.“ So ist das wohl mit dem Glauben und mit der Hoffnung. Es dürfte sie gar nicht geben, aber nun gibt es sie. Und das ist gut so. Wir brauchen sie. Die Rosen im Winter. Und heute sind mir unsere Konfirmanden zu einer kleinen Rose „mitten im kalten Winter“ geworden.

Pastor Uwe Tatjes, Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

4. Dezember 2010: Würde Jesus bei IKEA einkaufen?

Genau diesen Titel hat das Buch von Tobias Faix, das meiner Frau neulich in die Hände fiel. Sie hat es sofort gekauft. Das wollte sie doch zu gern wissen: würde Jesus bei IKEA einkaufen? Womöglich mitten im Advent? Wer meine Frau kennt, weiß, dass sie an keinem IKEA vorbei fahren kann. Sie kennt (fast) alle Filialen, von Nord- über Mittel- bis Süddeutschland. Selbst beim Urlaub in Italien bog unser Auto wie von selbst bei IKEA in Florenz ein. Keine Filiale ist vor meiner Frau sicher. Morgens holt sie sich ein lecke-res Frühstück ab. Mittags verbringt sie die Zeit mit einem Teller Köttbullar. Und in der Markthalle findet sich immer etwas, das sie mitnehmen kann. Und nun diese Frage: „Würde Jesus bei IKEA einkaufen?“ Meine Frau hoffte beim Lesen des Buches auf ein klares: „Ja, hätt er – sein Tisch wäre auch mit den unvermeidlichen Gläsern, Teelichten und Servietten ausgestattet gewesen.“ Aber sie bekam auch nicht zu hören: „Nein, das hätte er auf gar keinen Fall.“ Stattdessen erhielt sie reichlich Stoff zum Nachdenken. Nachdenken darüber, ob mein Leben als Christ auch mit meinem (Einkaufs)Alltag zu tun hat. Nach-denken über Armut und Reichtum in der Welt. Wie be wusst lebe ich als Christ? Wie verantwortlich bin ich? Und vor allem: wofür habe ich Verantwortung? Worauf kommt es mir beim Einkaufen an? Hauptsache billig? Meine Frau haben diese Fragen nachdenklich gemacht. Mein Leben als Christ sollte Auswirkungen auf meinen Alltag haben. Mein soziales Gewissen schärfen. Was kaufe ich? Wofür gebe ich mein Geld aus? Wen unterstütze ich mit meiner Kaufkraft? Fragen über Fragen. Fertige Antworten gibt es wohl nicht. Meine Frau wird vermutlich auch bei der nächsten Autobahnfahrt wieder bei IKEA ihren Kaffee trinken. Aber die innere Unruhe bleibt ihr nach diesem Buch wohl erhalten: muss ich wirklich alles haben, was ich sehe? Konsum um jeden Preis? Je billiger, desto besser – egal, welche Arbeitsbedingungen im Herstellungsland herrschen? Unser Kaufverhalten sollte uns hin und wieder einen gehörigen Schrecken einjagen. Womöglich mitten im Advent.

Bernhard Haffke, Pastor in Victorbur

27. November 2010: Advent

„Was verbindet Ihr mit Advent ? „, so habe ich am letzten Mittwoch die Vorkonfirmandinnen und Vorkonfirmanden gefragt. Ich wollte gern wissen, was sie unter Advent verstehen oder was sie sich von dieser Zeit erwünschen und erhoffen. Ich habe die Antworten erst mal gesammelt und merke jetzt, wieviel Wahrheit diese jungen Menschen da ausgesprochen haben. „Zeit haben füreinander“, war eine Antwort, und ich mußte unwillkürlich denken: Ja, das ist gut, sich Zeit füreinander zu nehmen in der Familie- aber warum eigentlich nur im Advent? Wäre das nicht immer gut und wichtig? „Vorfreude auf Weihnachten“, sagten andere. Mein Theologenverstand wollte damit nicht so recht einverstanden sein: Weihnachten ist doch ein anderes, ganz eigenes Thema, und Advent ist eben nicht „Vorweihnachtszeit“, sondern will mit großem Ernst die Gedanken an die Wiederkunft Christi wachhalten. Das haben wir ja meist vergessen, und die Weihnachtsfeiern in Betrieben und Vereinen finden alle in der Adventszeit statt. Dabei ist die Adventszeit eigentlich eine ernste Buß- und Fastenzeit. Eigentlich. Und doch… ich merke, wie ich diese jungen unbefangenen Menschen voller Lebensenergie beneide. Sie freuen sich einfach auf Weihnachten. Und wie sollen wir uns denn an Weihnachten so richtig freuen, wenn wir keine Vorfreude auf das große Fest haben? Vielen Erwachsenen ist die Vorfreude auf Weihnachten abhanden gekommen vor lauter Planen und Vorbereiten, untergegangen in Hektik und Betriebsamkeit… „Kerzen anzünden“, sagte ein Konfirmand, und dann fuhr er fort: „Zur Zeit passieren so viele schlimme Dinge. Es wird ein Licht angezündet, damit es hell wird. Es soll zeigen: Gott ist da. Damit wir wieder Hoffnung haben.“ Es durchfuhr mich förmlich. Er hatte es mir aus der Seele gesprochen und zugleich den tiefen Sinn von Advent in seine Worte gefaßt. Wieviele Menschen in Ostfriesland, Kinder und Erwachsene, sind betroffen und erschüttert von schlimmen Ereignissen. Sind bedrückt von dunklen Gedanken und unlösbaren Fragen. Gegen dieses Dunkel ein Hoffnungslicht setzen, daran denken, wenn wir die Adventskerze anzünden: Das ist der Kern von Advent. Im Kirchenlied von Jochen Klepper (Ev.Gesangbuch, Nr.16) finde ich das wieder: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein. … Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ Zeit füreinander, Vorfreude auf Weihnachten, und ein Licht der Hoffnung, daß Gott auch unsere Dunkelheiten wieder hell macht- all das wünsche ich Ihnen für den Advent.

Michael Stanke, Pastor in Wiesens und Koordinator für Notfallseelsorge im Landkreis Aurich

20. November 2010: Umzug

Ich lese eine Traueranzeige. Da ist jemand gestorben, den ich ganz gut kannte. Ich hatte es schon befürchtet, als ich den Postkasten aufschloss und diesen besonders festen Briefumschlag mit dem schwarzen Rand drum herum sah. Da rief ich meiner Frau schon zu: ‚Ich glaube jetzt sie gestorben.’ Und in der Tat, es war die Todesnachricht. Auf der Karte in dem Umschlag – ebenfalls mit schwarzem Rand versehen – ist ein Kreuz. Neben dem oberen vertikalen Balken, direkt über dem rechten horizontalen steht ein Bibelvers: ‚Jesus Christus spricht: In meines Vaters Haus sind viele Wohungen …’ Ich muss lächeln, denn dass passt gut zu der Verstorbenen. Das letzte Mal als wir telefonierten, hat sie auf die Frage, wie es ihr denn gehe, geantwortet: ‚Ich gucke immer schon mal in den Himmel und neulich habe ich jemanden mein Namensschild an eine Tür im Haus Gottes anschrauben sehen.’ Ich erinnere mich, dass ich dieses Bild auch nach dem Telefonat noch eine Weile im Kopf hatte. Das Bild vom eigenen Türschild im großen Haus Gottes, in das wir nach dem Sterben umziehen. Ich lese die Traueranzeige. ‚Unsere geliebte Mutter, Oma und Tante ist umgezogen …’ steht da. ‚Sie starb in den frühen Morgenstunden. Wir sind gewiss, dass sie ihr Zimmer in Gottes Himmelshaus bezogen hat.’ Ich freue mich über diesen Glauben der Angehörigen und ich bezweifele es auch nicht, dass die Verstorbene einen Platz im Himmel haben wird. Warum auch …? Ich lese weiter. ‚Die Beerdigung ist am kommenden Mittwoch,’ rufe ich meiner Frau zu und dann muss ich es zwei Mal lesen, was da steht: ‚Von Trauerkleidung bitten wir auf Wunsch der Verstorbenen abzusehen.’ Also kein schwarzer Anzug, kein schwarzes Kostüm. Diesen Satz finde ich ungewöhnlich. So habe ich ihn noch nicht gelesen. Mutig … Am Mittwoch bei der Beerdigungsfeier haben sich fast alle daran gehalten. Nicht gerade bunt, aber vielfarbig gekleidet sitzen wir in der Kirche. Singen ‚In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesus Christ’. Alle sind traurig. Beerdigungsstimmung eben … aber als die Pastorin in der Predigt von den vielen Zimmern erzählt, den Wohnungen, die im Haus Gottes sind, und als sie erzählt, dass die Verstorbene ihr kurz vor dem Sterben noch davon berichtet habe, dass sie da bereits ein Zimmer mit Türschild hätte … als die Pastorin das erzählt, geht so ein Lächeln durch die Bankreihen. Nein, kein Lachen, das passt nicht zur Traurigkeit, die auch da ist, aber ein Lächeln. Ein Auferstehungslächeln … Wir singen ‚Wir sind von Gott von umgeben, auch hier in Raum und Zeit und werden bei ihm leben und sein in Ewigkeit’. Mein Kirchenbanknachbar korrigiert meinen Gesang. Es heißt ‚… und werden in ihm leben …’. Ich finde ‚bei ihm’ schöner. Wenn viele morgen in die Kirchen und auf die Friedhöfe gehen, um an ihre Gestorbenen zu denken, wünsche ich ihnen, dass sie daran glauben können, dass Gottes Haus mit den vielen Wohnungen auch Platz für ihre Toten hat.

Hans Hentschel, Pastor in Riepe und Beauftragter für das Kirchenkreismagazin

13. November 2010: Euer Herz erschrecke nicht!

Das Ende des Kirchenjahres bringt uns eine stille Woche mit ernsten Gedenktagen. Morgen – am vorletzten Sonntag – wird in vielen Gottesdiensten der Toten und der Opfer der Kriege gedacht. Kränze werden an den Ehrenmälern niedergelegt. Auch wenn sie weniger geworden sind, diejenigen, die noch von den Weltkriegen direkt betroffen sind, Vater, Bruder oder Verlobten verloren haben, so sind die Schicksale doch gegenwärtig. Die Betroffenheit ist auch nach Jahrzehnten spürbar. Dabei bleibt es für Alt und Jung ein Tag, um für den Frieden zu beten im Kleinen, wie im Großen. Die Mitte der Woche bringt uns den Buß- und Bettag. Die Erinnerung an einen freien Tag ist inzwischen verblasst. Die Kirchentüren aber sind geöffnet, Gottesdienste werden überall gefeiert. Das Nachdenken über den eigenen Lebensweg steht im Mittelpunkt. Lebensziele können überdacht werden. Es geht um die Möglichkeit, sich Fehler und Schuld einzugestehen und vor Gott zu bringen. In der Feier des Abendmahles will Gott in der Beichte mit uns einen neuen Anfangspunkt setzen. Am Ende steht der Ewigkeitssonntag. Wir gedenken der Verstorbenen der letzten Monate, die Namen werden im Gottesdienst verlesen. Abschiede, die schon länger zurück liegen, sind wieder ganz nahe. Die Wege führen noch einmal an die Gräber. Wir suchen Trost in den Worten der Bibel. In den vertrauten Gesängen, dem Gebet und der gottesdienstlichen Gemeinschaft. können wir Kraft finden. Die Gedanken sind in die Vergangenheit gerichtet und doch kann dieser Tag auch helfen, sich wieder mehr dem Leben und der Zukunft zu öffnen. Trauer braucht ihre Zeit. Trauer lässt sich nicht einfach begrenzen, dennoch kann sie sich wandeln. Trauer kann sich aus dem Gottvertrauen verwandeln in neuen Lebensmut. Der I. Advent ist am Ende der Woche dann nicht mehr weit entfernt. Davor aber kreisen die Gedanken um das Leben und das Sterben. Gehen wir in diese Tage mit der Losung des Jahres. Jesus sagt uns: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Pastor Kurt Booms, Kirchengemeinde Weene

6. November 2010: Selig die Friedenstifter!

Das ruft Jesus, der Friedefürst, in der Bergpredigt den um ihn versammelten Menschen zu, und er fügt an: denn ihrer ist das Himmelreich! Klar und deutlich klingt seine Botschaft durch die Zeit. Und sie gilt heute erst recht. Landauf landab hat sich wieder das alte Denken, das nach zwei Weltkriegen überwunden schien, in den Köpfen etabliert: vor allem mit Waffen sei Frieden zu schaffen. Im Herbst 1980, vor 30 Jahren, fand zum ersten Mal – mitten im „Kalten Krieg“ – die „Ökumenische FriedensDekade“ in den beiden deutschen Staaten statt. Kirchen und viele in der Friedensarbeit engagierte Gruppen einigten sich damals in einer waffenstarrenden Welt auf das Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“. Seitdem werden in jedem Jahr im November Christenmenschen an ihren Auftrag erinnert, in der Nachfolge Jesu Christi sich nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten für den Frieden zu Hause und in der Welt einzusetzen. In diesem Jahr beginnt die „FriedensDekade“ an diesem Sonntag und endet am Buß- und Bettag. In vielen Gottesdiensten wird daran gedacht werden. Das Motto lautet: „Es ist Krieg. Entrüstet euch!“ Sachlich wird festgestellt, was kaum noch jemand bestreitet: auch in Afghanistan ist Krieg und deutsche Soldaten und Entwicklungshelfer, auch Frauen, sind hineingezogen. Ent-Rüstung ist angesagt über die Auf-Rüstungsbestrebungen in vielen Ländern der Welt und ganz besonders auch über die Tatsache, dass Deutschland im internationalen Rüstungsexportgeschäft inzwischen schon den dritten Platz erklommen hat. Was können wir schon tun?, werden Sie vielleicht fragen. Eines können Sie und ich gewiß tun. Peter Spangenberg hat es 1989 in einem Choral so gesagt: „Wir beten für den Frieden, wir beten für die Welt, wir beten für die Müden, die keine Hoffnung hält, wir beten für die Leisen, für die kein Wort sich regt, die Wahrheit wird erweisen, dass Gottes Hand sie trägt.“ Friedensstifter haben die wunderbare Verheißung Jesu: ihrer ist das Himmelreich. Da braucht es keine „Reichsparteitage“. Schalom – der Friede Gottes geleite Sie durch die kommende Woche.

Reinhard Uthoff, Evangelisch-Reformierte Gemeinde Aurich

31. Oktober 2010: Protestanten

Menschen gehen auf die Straße und protestieren. Für Veränderungen oder gegen Veränderungen. Und das nicht erst seit gestern, sondern immer schon. Die Nachfahren derjenigen, die Martin Luther auf die Straße gebracht hat, heißen Protestanten. Sie feiern morgen sozusagen den Geburtstag ihrer Kirche, den Reformationstag. Sie feiern, dass damals Menschen gegen eine Kirche demonstriert haben, die sie bevormundet hat, die Ablassbriefe und die Leute für dumm verkauft hat. Oft geht es um äußere Verhältnisse, wenn protestiert wird. Aber Luther ging es gleichzeitig um eine neue Weise, von Gott und dem Menschen zu denken. Luther hat sich getraut, die Bibel anders zu lesen als seine Lehrer und hat in den Psalmen und im Römerbrief neue Entdeckungen gemacht. Er hat sich mit der Gerechtigkeit Gottes beschäftigt, ein altes Thema. Neulich haben wir uns im Konfirmandenunterricht darüber unterhalten, wie jemand sein muss, vor dem man Respekt hat. „Cool und streng“, fanden die Jungen. „Gerecht“, fanden alle, auch die Mädchen. Am Schluss stellten wir fest: So, wie wir uns eine Respektsperson vorstellen, so wird in der Bibel Gott beschrieben. Der, den ich ehren und achten kann. Als Luther aber in seiner Studierstube saß und seine Vorlesungen vorbereitet hat, da hat er gesehen: Diese Gerechtigkeit Gottes besagt nicht nur, dass Gott gerecht ist. Die Gerechtigkeit Gottes ist auch eine Gerechtigkeit, die Gott uns zuspricht. Er hält uns, er macht uns gerecht. Auch wenn wir so vieles falsch machen. Luther vergleicht das mit der Tätigkeit eines Arztes: Er sieht, dass wir krank sind, so wie Gott sieht, dass wir sündigen. Aber er sieht uns als den, der gesund werden wird, er hat uns schon als Gesunden vor Augen – so wie Gott uns schon als Gerechten betrachtet. Klingt vielleicht kompliziert. Aber was heißt das konkret? Ich hoffe, es gibt in Ihrem Leben jemanden, der Sie so liebt, wie Sie sind. Mutterliebe ist oft so. Da ist jemand, dessen Liebe Sie sich nicht erarbeiten müssen. Der auch zu Ihnen gestanden hat, als Sie mal Mist gebaut haben. So ist Gott. Er fragt nicht nach Leistung, Macht, Ruhm. Seine Liebe muss man sich nicht erst verdienen. Für ihn hat jeder Mensch dieselbe Würde, denn jeden hat er nach seinem Ebenbild gestaltet. Was aber auch heißt: Mit meiner Leistung kann ich vor Gott nicht angeben. Diese Liebe, diese Würde ist die Basis,um auch selbst Gutes zu tun. Eigentlich steht das alles so in der Bibel. Und trotzdem war es damals revolutionär, so zu denken. Diese Gedanken haben nicht nur dieses Land verändert. Und wenn Sie morgen nicht auf die Straße gehen wollen – vielleicht findet sich in Ihrer Nähe ein Reformationsgottesdienst.

Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in der Kirchengemeinde St. Johannis der Täufer in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Aurich

23. Oktober 2010: Goldener Oktober

In diesen Tagen schauen Menschen sehnsuchtsvoll bis verzückt zum Himmel hinauf, die nicht unbedingt reiligiös ansprechbar sind. Es ist auch weniger die himmlische Sphäre, deren Anschauung sie sich öffnen – es ist die klare Luft über unseren Köpfen, die dem Oktober seine besondere Gestalt verleiht. Inmitten der sich wunderbar allfarbig verwandelnden Blätter und Baumwipfel sehe ich die klare Luft und höre ihre Stille. Wenn meine mit Lärm sich umgebenden Kinder plötzlich innehalten, der Bauer, wenn er bei mir anhält und seinen Trecker ausmacht, da hört man es auf einmal: Nichts! Diese stille klare Luft an sonnigen Oktobertagen und in den sternklaren Nächten, die schon die Verheißung von Frost und Reif in sich trägt. Und eines Morgens ist die Welt wie verzuckert. Alles Einladungen an uns Menschen, selbst auch innezuhalten und dankbar zu werden. Uns zu öffnen und die Stille zu tanken. Und die Früchte des Jahres auch an uns zu spüren. In uns selbst, wo es auch ruhig wird und still. Woher sonst kommt jener unbändige Trieb, im Laub zu rascheln und sich zu bücken, sich die Taschen mit Kastanien vollzustopfen, sie vom Deichspaziergang in Taschen und Kapuze mitzubringen und in das Glas auf dem Esstisch zu dekorieren – diese prallen Früchte, genießbar wohl allein für Rehwild, doch schon manchen hat eine Kastanie in der Manteltasche vom Rheuma befreit. Sie sind wohl der Inbegriff praller Dankbarkeit, wir sehen es an den Kindern, mit denen wir dick eingemummelt durch die Straßen streifen. Die keine Kastanie lassen können, bis alle in der Tüte sind und nach Hause geschleppt werden. Und dieser Anblick der prallen, braunen Früchte, eingemummelt in ihre dicken Schalen, und obwohl der Frost morgens regiert und ansagt, der Winter stehe vor der Tür, öffnen sie sich, und halten die Kastanien in die blinzelnde Sonne. Zeigen ihnen die warmen Strahlen der goldenen Oktobersonne, die in die Weintrauben die letzte Süße treiben. Alles eine Einladung an uns, auch uns zu öffnen, und die Wärme und die Stille zu tanken. Und den Gedanken an Winter an uns heranzulassen. Ist das alles, was es zu erleben gibt? Was ist mit denen, die zum Himmel hinaufschauen? Stehenbleiben und sich den Hals verrenken auf der Suche nach der Ursache all der Rufe, die schon von weit her zu hören sind. Und in klaren Nächten ist es, als flögen sie über unser Bett. Die Linien der Wildgänse, diese V-Figuren, wie von Schöpfers Hand an den Himmel geworfen, und wie sie Artgenossen herbeirufen mit ihrem Geschrei. Mitunter würden wir gern ihrem Ruf folgen … Und die aufgeregten Kunstflug-Wolken der Jungstare, wie sie übermutig sich sammeln zu dicken Haufen, in wunderbaren Kunstflugfiguren sich üben, ganz lautlos. Wenn ich schaue zum Himmel, und sehe die Werke deiner Hände, mein Gott. Ich staune, auch über mich, wie die Ruhe mit der Anschauung einkehrt. Und wir nehmen die Früchte und die Bilder und Farben und die Stille mit hinein in unsere Häuser. Denn warrt dat Harvst op uns´ Fresenhoff. Dann wird die Geselligkeit groß unter uns. Mit Nabers, Kinners, Ollen un Frünnen.

Wolfgang Beier,Pastor in Münkeboe-Moorhusen

16. Oktober 2010: Vorbilder

„Wir brauchen wieder Vorbilder!“, höre ich die Leute sagen. Nach einer Zeit, in der auf Vorbilder gern verzichtet wurde, wird jetzt wieder nach ihnen gefragt. Doch wo soll man die Vorbilder für heute finden? Ja damals, wissen sie zu antworten, da gab es doch noch den Albert Schweitzer, die Mutter Theresa und andere. Und an ihren runden Geburtstagen werden sie wieder gewürdigt. Die heute 15jährigen Jugendlichen kennen diese beiden schon gar nicht mehr. Und selbst Boris Becker und Michael Schuhmacher sind ihnen sicher aus ganz anderen Gründen ein Vorbild, als es Albert Schweizer einmal für ihre Urgroßeltern gewesen ist. Hinter dem Wunsch nach Vorbildern versteckt sich vielmehr die Verweigerung sein Reden und Handeln auch zu verantworten. Es wäre verlogen auf ein Vorbild zu weisen und selbst hinter diesem Anspruch zurückzubleiben. Vielmehr ist es so, dass jeder Vater und jede Mutter ihren Kindern ein Vorbild sind. Ob sie es wollen oder nicht. Jede Lehrerin und jeder Lehrer ihren Schülern ein Vorbild sind. Ob sie es wollen oder nicht. Jede Pastorin jeder Pastor ihren Gemeindemitgliedern ein Vorbild sind. Ob sie es wollen oder nicht. Und Vorbild sein heißt leben und nicht reden. Heute wird zu viel verantwortungslos „geredet“ und zu wenig verantwortungsvoll gelebt. Wundern wir also nicht, wenn uns die Vorbilder, wenn uns die Menschen fehlen, die das leben, was sie sagen. Die für ihr Wort einstehen, auch wenn sie dabei sich außerhalb ihrer Gemeinschaft stellen. „Das ist doch auch nur ein Mensch“, heißt es dann entschuldigend, wenn Reden und Handeln enttäuschend auseinander fielen. Das Vorbild im alten Stil war sicher weit weg und hoch auf dem Sockel gehoben. Warum suchen wir nach Vorbildern? Wir sind das Vorbild. Jesus hat einmal gesagt: „Was immer ihr von den Mitmenschen an guten Taten erwartet, das tut ihnen. Das ist das ganze Gesetz Gottes und die Botschaft der Propheten.“ Kürzer kann man es nicht sagen.

Pastor Heinfried König, Lamberti

9. Oktober 2010: Dat een woord

Van en heel wichtig Woord vertellt en lüttje Geschicht: Achter’n hoge Müür bleihde en wunnerbare Tuun, mit Blömen un en Dobb mit Seerosen, mit Busken un Bomen, mit Vögels, de singen un mit all, wat man sük blot wünsken kann. In disse moje Tuun wullen vööl Minsken geern rin. Se versöchden, over de Müür to klautern. Aber immer wenn se boven ankwemen, wuss de Müür ’n Stückje hoger. Se versöchden ok, de Poort open to breken, aber keen Warktüch weer stark genoog, dat se ‘t schaffen kunnen. Daar kweem en lüttje Kind, stellde sük vör de Tuunpoort un see en Woord. Daar gung de Döör open, un dat Kind kweem rin. Hebben Se al raden, wo dat Woord heet, dat dat Kind seggt hett? Bitte! Dat lüttje Woord „Bitte“. Dat gifft Minsken, de könen annern nich um wat bidden. Dat gifft Minsken, de mögen annern nich um Hülp angahn. Dat gifft Minsken, de könen annern nich um Vergeven bidden. Se denken, dat se sük lüttjet maken, wenn se annern um wat bidden. Se willen nich, dat annern denken, dat se alleen nich torecht komen. Se willen van keeneen Hülp nödig hebben. Se willen sülvst all könen un weten. Minsken, de nich bidden könen, sünd arm Minsken. Un denn gifft dat Minsken, de kennen dat anner Woord nich, dat to „Bitte“ tosamen hört, as Jack un Büx un as Eidööl un Eiwitt: „Danke“. Dat gifft Minsken, de könen nich danken. Se menen, dat se nüms wat to verdanken hebben. Wat se hebben, dat steiht hör natürelk to. Of se sehn in hör egen Leven blot dat, wat slecht is und waarunner se lieden. För all dat Gode in hör Leven hebben se keen Sinn. Ok sükse Minsken sünd arm dran. Well nich danken kann, word untofree. Well nich danken kann, nimmt sük sülvst vööl Goods weg. Bitte un Danke – disse beid Woorden hören för vööl Kinner to de eerste Woorden, de se lehren. Gott wees Dank! Daarmit hebben se al vööl begrepen, wo Gott uns Minsken maakt hett un wat de Rhythmus van uns Leven is: Nehmen un Geven, kriegen un schenken, bidden un danken. Dat is so as Inamen un Utamen. Gott schenkt – daarmit fangt dat Leven an. Keeneen hett sien Leven sük sülvst to verdanken. Un van Anfang an sünd wi as lüttje Kinner up anner Minsken anwesen. Un ok, wenn wi groot sünd, bruken wi anner Minsken, de achter uns stahn und de för uns daar sünd. De uns tohören un verstahn, de uns helpen un de uns ok maal wat seggen, wat uns good deit. Dat bruken wi all: Groten un Kinner, Jungen un Ollen. So hett Gott uns maakt, dat wi nanner bruken un nanner vööl geven un Goods doon könen. Un ok daaran hett Gott docht: Wenn uns in uns Leven dat Klagen nahder is as dat Danken, denn seggt he: Kiek up dat Krüüz. Un dat seggt an di: Gott is för di daar, ok denn, wenn du Kummer hest, un wenn di nich na Danken tomoot is. Gott is för di daar, ok wenn du heel unnern büst un de Weg neet süchst, de vör di liggt. Ik wünsk uns all, dat Gott uns to dankbaar Minsken maakt, de van annern Hülp un Leevde annehmen, un de Hülp un Leevde wiedergeven können.

Angelika Scheepker,Pastorin in Westerende

2. Oktober 2010: Vom Danken, Abgeben und Teilen

„Die Kartoffel, die Kartoffel, hat sich Gott gut ausgedacht. Lässt sie wachsen, lässt sie reifen, sieht zu, was man daraus macht“, haben wir in der Familienkirche gesungen. Und dann kommt der Refrain, der erzählt, was aus der Kartoffel gemacht werden kann: „Erdäpfelknödel, Kartoffelpüree, Pommes frites mit Ketchup!“ singen und klatschen Groß und Klein. In drei Gruppen sitzen die Kinder vorne im Altarraum, hören und spielen dabei die Geschichte von der Kartoffelernte. Es waren drei Länder, und alle ihre Bewohner mögen gerne Kartoffeln. Als der Herbst da ist, gehen die einen aufs Feld und ernten viele große und dicke Kartoffeln. Die stehen nun im Korb vor den Kindern. Die Kinder des anderen Landes gehen auch ernten: sie graben weniger aus, und die Kartoffeln in ihrem Korb sind ziemlich klein. Und im dritten Land gibt es gar nichts zu ernten. Wildschweine waren da und haben alles weggefressen. Der Korb vor dieser Gruppe ist leer. Laut rufen diese Kinder mit mir den anderen zu: wir haben auch Hunger! Was tun? Es wird spannend. Die Geschichte hat ein offenes Ende. Ich frage die Kinder mit den dicken Kartoffeln, was sie machen möchten. „Abgeben“ kommt als Antwort, „teilen“. Und wieviel? „Fünf Kartoffeln“. Von dem vollgefüllten Korb legen wir fünf dicke Kartoffeln in den leeren Korb. Und die Kinder mit den kleineren Kartoffeln? „Ich möchte sie behalten.“ „Na, drei geben wir ab.“ So wird’s gemacht. Ziemlich ungleich sehen die Körbe noch immer aus. „Jede und jeder gebe, wie sie es im Herzen vorher bedacht und entschieden haben, nicht bedrückt oder aus Zwang. Denn Gott liebt die, die fröhlich geben.“ schreibt Paulus (2.Kor.9, 7). Gott schaut nicht, wieviel wir geben. Ob drei, fünf oder mehr Kartoffeln. Ob fünf, zehn, hundert oder mehr Euro. Gott ist wichtig, dass wir von Herzen und fröhlich geben. Und dass wir überhaupt geben. Jede Gabe, egal ob groß oder klein, hilft und erzählt von unserem Gott, der uns großzügig mit allem beschenkt, was wir zum Leben brauchen. Und dem wir dafür Danke sagen, wenn wir geben. Morgen zum Erntedankfest und jeden Tag. In der Familienkirche haben wir noch ein ganz anderes Ende der Kartoffelgeschichte probiert. Alle Kartoffeln wurden in die Mitte geschüttet und die Kinder teilten sie gleichmäßig auf die drei Körbe auf. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“, erklang zur Gitarre. Gottes Liebe wird mit Händen zu greifen sein, unsere Welt wird Gottes Welt sein, wenn unsere Herzen voll Dankbarkeit nicht nur zum Abgeben, sondern zum gerechten Teilen bereit sind.

Susanne Schneider, Pastorin in St. Johannis Sandhorst

25. September 2010: Konfinacht

Manches gibt es nur geschenkt. Es ist Freitag, so gegen 22 Uhr. Es ist tiefschwarze Nacht und im Dorf ist es ganz still. Ab und zu wird die Stille unterbrochen durch ein Auto, das die Kirchdorfer Straße entlang fährt. Mitten in die Stille hinein plötzlich ein schriller spitzer Schrei aus dem Wald. Dann folgt ein lautes Lachen. Ich muss schmunzeln. Denn ich ahne, was dort gerade geschehen ist. An diesem Abend hatte ich meine Hauptkonfirmanden eingeladen, um mit ihnen eine Nacht im Gemeindehaus zu verbringen. Wir hatten zuerst mit den Konfirmanden und ihren Eltern Bilder von der Freizeit im Sommer angeschaut, danach wurde gegrillt. Die Eltern hatten Salate mitgebracht und wir hatten Zeit zum Kennenlernen und zum Reden. So gegen 22 Uhr sind die Konfirmanden in kleinen Gruppen mit den Mitarbeitern in den Wald gegangen. Ohne Taschenlampen sollten sie den Weg zum Kloster finden. Um ihnen eine Hilfe zu geben, hatten die Mitarbeiter den Weg mit kleinen Knicklichtern markiert. Wenn einem dann im stockfinsteren Wald ein dünner Ast durchs Gesicht streicht, klar, dass man sich dann erschreckt. Am Kloster haben wir uns alle wieder getroffen. Mit einigen sind wird dann noch auf den Turm gestiegen. Wir haben gestaunt, wie weit man bei Nacht sehen kann. Bis zu den blinkenden Leuchttürmen an der Küste. Gegen 24 Uhr sind wir wieder beim Gemeindehaus. Die Luftmatratzen werden aufgepumpt, ein Mädchen hat ein Loch in Ihrer Matratze. „Herr Pastor, haben sie wohl einen Flicken für mich?“ Mit Fahrradflickzeug kann ich ihr helfen. Langsam wird es ruhiger im Haus. Draußen sitzen noch einige Jugendliche um den Feuerkorb herum, eng aneinander gekuschelt, die Flammen spiegeln sich in ihren Gesichtern. Eigentlich will ich sie ins Bett schicken, aber ich gehe dann doch leise wieder zurück. Aus der Kirche, die an unserem Gemeindehaus angebaut ist, höre ich Stimmen. Vorsichtig öffne ich die Tür. Drinnen sitzen einige Konfirmanden, ihre Schlafsäcke haben sie als Kissen mitgenommen. Vor ihnen brennt eine Kerze. Auf die Fensterbänke haben sie Teekerzen gestellt. Einer spielt Gitarre und sie singen: Laudato si, o mio signor. Ich schaue ihnen zu und denke. Da hast du deinen Konfirmanden so viel erzählt von der Bibel und von Gott, und sicher bleibt auch das eine oder andere hängen, aber solche Momente wie diese, die kannst du nicht machen. Die sind ein Geschenk.

Georg Janssen,Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

18. September 2010: Weiter Raum

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Dieser Satz passt sehr schön zu unserer ostfriesischen Landschaft. Ich liebe diese Landschaft, diesen Blick auf das Weite, auf Wiesen und Weiden und ganz viel Himmel darüber. Manchmal, wenn ich eingeengt von Terminen bin und mich dann aufs Fahrrad setze und diesen weiten Raum sehe, dann geht es mir wieder besser, dann spüre ich diese Weite auch in mir, dann sehe ich wieder neue Möglichkeiten. Der Mensch, der den 31. Psalm geschrieben hat, spricht zunächst nicht von Weite, sondern von Enge. Er ruft Gott um Hilfe an; denn er fühlt sich von anderen eingeengt und bedrängt. Er vertraut darauf, dass Gott ihm helfen kann. Schließlich erfährt er: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Gott hat ihn aus der Enge in die Weite geführt. Bei uns ist es oft der Stress, der uns einengt. Dann kann man an gar nichts anderes mehr denken als nur an das, was noch alles zu tun ist – und das scheint immer mehr zu werden. Es können aber auch negative Gedanken sein, die uns einengen. „Ich bin einfach nicht gut genug“ oder „Ich schaff das sowieso nicht“ sind zum Beispiel solche Gedanken. Es können aber auch wie im 31. Psalm andere Menschen sein, die uns den Spielraum zum Leben nehmen. Menschen, die an uns herumnörgeln oder wodurch auch immer ganz schön zusetzen. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Ich verstehe das so: Er lässt mich nicht nur die Situation sehen, die mich gerade einengt, sondern lässt mich darüber hinaus schauen. Ich sehe neue Möglichkeiten, fühle mich gestärkt und zuversichtlich. Es gibt Tage, da kann selbst der weite ostfriesische Raum nicht unser Herz öffnen. Denn letztlich kann das nur Gott. Er hat ja in seinem Sohn Jesus Christus die Enge von Schuld und Sünde durchbrochen, um uns in den weiten Raum der Vergebung zu führen. Er hat ja sogar den engen Raum des Todes durchbrochen hat, um uns in die Weite der Ewigkeit zu führen. Wenn wir in seinem Namen zusammen sind, können wir diese Weite spüren. Und das kann auch in einem ganz engen Raum sein. In jedem Gottesdienst, in jeder Andacht, in jedem Gebet können wir erfahren, wie Gott uns aus der Enge in die Weite führt. Der Beter des 31. Psalms blickt zuerst nur auf das, was ihn bedrängt. Ich kenne das auch. Manchmal scheint dann es keinen Ausweg aus einer Situation zu geben. Wie kommt der Beter des 31. Psalms da heraus? Er blickt von sich weg. Er blickt auf Gott. Auf den Gott, der ihn schon vor so vielem bewahrt hat. Auf ihn vertraut er, und auf einmal sind neue Möglichkeiten da. Weite Räume meinen Füßen.

Pastor Stefan Wolf, Wiesmoor

11. September 2010: Sorge Dich nicht!

Für eine Viertelstunde war „Elternzeit“. Die muntere Schar der Kinder war in den hinteren Teil der Kirche gezogen, wo sie eifrig bastelte – gut betreut vom Kindergottesdienstteam. Für uns Eltern hieß das: Pause. Zeit zum Nachdenken. Zeit, mit den anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Als Anregung hatten wir ein Blatt mit dem Evangelium des Sonntags vor uns. Um das Sorgenmachen ging es darin. Und ja: Eltern machen sich viele Sorgen. Lernt mein Kind schnell genug lesen? Machen die Lehrerinnen und Lehrer auch alles richtig? Machen wir Eltern alles richtig? Welche Chancen wird mein Kind mal haben? Wird es gesund bleiben? Werde ich es gut versorgen können? „Sorge dich nicht, lebe!“, so lautete der Titel eines Bestsellers vor einigen Jahren. Diese Aufforderung könnte fast als Überschrift über dem Text in Matthäus 6,25–34 stehen. „Sorgt nicht um euer Leben. Seht ihr nicht die Vögel unter dem Himmel? Warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Sorgt nicht für morgen.“ Nicht für morgen sorgen?! Wie soll das gehen? Wer sorgt denn morgen für mich, wenn ich heute nicht vorsorge? Nur Traumtänzer können nach 1. Petrus 7 leben, wo es von Gott heißt: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ Ich erinnere mich noch gut, dass wir es damals, in der Familienkirche, nicht leicht hatten mit dem Bibeltext. Zumal einen der Text am Ende wieder in die alltäglichen Sorgen zurückwirft: „Darum sorget nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ Das klingt ja erstmal ganz gut, der Tag sorgt für das Seine. Nach dem Motto: Es wird sich schon alles finden. Doch dann kommt das dicke Ende: „Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Und da möchte man wieder tief aufseufzen: Eine Plage pro Tag! Heute würden wir sagen: Ein Problem pro Tag. Oder vielleicht: Eine Herausforderung pro Tag. Immer noch ganz schön viel und manchmal mehr als man schaffen kann. Doch dann war es gerade dieses – auf den ersten Blick entmutigende – Ende, aus dem wir eine Weisheit für unseren Alltag gezogen haben: Offenbar gehört ja jede Sorge zu einem bestimmten Tag. Und das heißt dann doch auch: Ich muss mir die Sorgen von morgen nicht schon heute machen. Ich kann Geduld haben. Ich kann vertrauen. Ich kann darauf vertrauen, dass mein Kind schon zur rechten Zeit das Richtig lernen wird. Ich kann darauf vertrauen, dass es seinen eigenen Weg finden wird. Ich kann darauf vertrauen, dass wir alle versorgt sein werden. Wenn ich aus diesem Vertrauen lebe – wie verändert das mein Leben? Vielleicht muss ich mich dann gar nicht mehr so oft sorgen. Wie wird es meine Beziehung zu meinem Kind, zum Lehrer, zu mir selbst verändern, wenn ich aus diesem Vertrauen lebe? Heute fällt mir noch etwas anderes an diesem Evangelium in Matthäus 6 auf: Er macht einen Unterschied zwischen der Sorge und der Fürsorge. So auch im Wochenspruch in 1. Petrus 7: Weil Gott für mich sorgt, muss ich mich nicht Sorgen. Fürsorge als Mittel gegen das Sich-Sorgen. Fürsorge – vielleicht sogar wichtiger als das Vor-Sorgen. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“, heißt es in Matthäus 6,33. Aus dem, was über das Sorgen gesagt wurde, kann ich mir ein Bild vom Gottesreich machen: Das Reich Gottes nicht als Gemeinschaft der Sich-Sorgenden oder Vor-Sorgenden, sondern als eine Gemeinschaft derer, die für einander sorgen. Ich begreife: Gott sorgt für mich. Sonst wäre ich nicht da. Seine Fürsorge erlebe ich jeden Tag. Und deshalb kann ich sie auch weitergeben.

Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in der Kirchengemeinde St. Johannis der Täufer in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Aurich

4. September 2010: Wie haben wir das nur früher gemacht?

Jetzt ist schon September! Je häufiger man das erlebt, desto mehr meint man: die Jahre fliegen nur so dahin. Überhaupt: die Jahre rieseln einem nur so durch die Hand. Früher war das anders! Als wir Kinder waren, da hat ein Jahr ewig gedauert. Da war schon eine Woche eine unglaubliche Zeitspanne. „Sieben mal aufstehen“ – meine Güte war das noch lange hin! Die Zeit bis zum Geburtstag, die Zeit bis zur Einschulung, das Warten auf den Heiligen Abend. Das alles war doch endlos…! Selbst die Ferien waren früher länger. Da ist man aufgestanden und hat sich auf das Abenteuer jedes Tages gefreut. Es war immer sonnig, und auch die Freunde hatten immer Zeit! Wie haben wir das nur gemacht? Wenn man ältere Menschen befragt, dann klingen ihre Erzählungen ganz romantisch: abends hat man sich gegenseitig besucht. Dann hat man zusammen gesungen, sich etwas erzählt und Handarbeiten verrichtet. Wie haben die das früher nur gemacht? Damals musste man doch noch viel mehr arbeiten. „Freizeit“ – das ist doch ein Begriff der jüngeren Tage! Und doch schien Zeit langsamer, manchmal: freier zu sein. Mag sein: die Erinnerung färbt vieles schön. Mag sein: unser Gedächtnis dehnt manches in die Länge. Aber -da beißt die Maus keinen Faden ab- die gemessene Zeit war immer gleich. Und ich fürchte, die Frage: „wie haben wir das früher nur gemacht“ verweist uns auf einen geänderten Lebensstil – früher und heute. Auf eine andere Art, Zeit wahrzunehmen, bewusst zu erleben und entsprechend zu gestalten. Womit verbringen wir unsere „Freizeit“, die uns moderne Technik und die lange erkämpften Arbeitsbedingungen beschert haben? Wie oft gehen wir heute einfach mal rüber zu den Nachbarn, um zusammenzusitzen und zu erzählen? Um eine Tasse Tee zu trinken und ein bisschen Zeit miteinander zu teilen und zu genießen? Nicht die Quantität an Zeit, sondern die Qualität, sie zu nutzen, hat zu einer gefühlten Beschleunigung des Lebens geführt. In Psalm 31 heißt es: “Ich aber HERR hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Ich glaube, wenn wir erkennen, das nicht nur die Arbeitszeit, sondern unsere gesamte Lebenszeit nicht unser eigenes, verfügbares Gut ist, gewinnen wir die Freiheit, sie bewusster und in Beziehung zu anderen zu gestalten. Zeit erleben wir immer in Beziehungen. In Beziehung zu Ereignissen, in Bezug zum Jahreslauf, in der Erkenntnis, das unsere Lebenszeit ein Geschenk Gottes ist und in unserer Beziehung zu anderen Menschen. Unser Zeitgefühl zu „entschleunigen“ kann gelingen, wo wir dieses „in Beziehung stehen“ bewusst für uns annehmen. Indem wir Begegnungen einen Raum geben – durch Besuche und Gespräche etwa. Oder durch ein bewusstes Erleben der Natur und des Jahreslaufes. Auch in der Begegnung mit Gott (in der Stille, im Gebet) können wir „Halt“ finden. Auch ein „Halt!“ gegenüber einer anscheinend rasenden Zeit. Wie haben wir das früher nur gemacht? In Zeiten, in denen unsere Lebenswelt sich nicht so rasant veränderte, in denen wir den Tageslauf nicht von Terminkalender und Sendezeiten bestimmen ließen, schien es noch besser gelungen zu sein, immer wieder „Halt!“ zu sagen und „Halt“ zu finden. Das Rad der Zeit können wir natürlich nicht zurückdrehen. Und vielleicht spielt uns die Erinnerung ja tatsächlich einen Streich, so dass wir nur meinen, Uhren seien in der Kindheit noch langsamer gelaufen. Aber, wenn wir die Sehnsucht fühlen, wir bräuchten mehr Raum für uns, mehr Luft, mehr Zeit – dann steht es uns frei, uns auf das Geschenk Gottes zu besinnen. „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Und es liegt oft an uns selbst, diese Zeit sinnvoll zu nutzen, um sie zu entschleunigen. Mit guten Wünschen für die Wochen im September!

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

29. August 2010: Liebe ohne Hintergedanken

Meine Konfirmandinnen und Konfirmanden machten große Augen, als ich ihnen sagte, dass man, um sich als Christin oder Christ zu verstehen, eigentlich nichts leisten müsse. Für sie war das schwer zu verstehen, da sie ja zum Gottesdienst und zur Unterrichtsstunde kommen müssen. Dazu gibt es noch so manchen Text, den sie auswendig lernen sollen. Wir haben den Predigttext für den kommenden Sonntag gelesen, einen Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief. Dieser Briefabschnitt redet von der Liebe Gottes zu uns und unserer Liebe zu Gott. Entscheidend dabei ist, dass Gott uns zuerst geliebt hat und unsere Liebe nur eine Antwort, ein Reflex, auf seine Liebe sein kann. Seine Liebe macht uns stark dem jeweils Nächsten in seiner Situation zu begegnen und zu helfen. Und das Besondere dabei ist, dass wir sozusagen von Gott in die Situation gestellt werden und wir selbst die Hilfe für so selbstverständlich halten, dass wir uns kaum an eine solche Situation erinnern. Ganz im Gegensatz zu der heutigen Gepflogenheit, die nach dem Motto verfährt: Tue Gutes und rede darüber. Wer seine Liebe zu Gott zur Schau stellt und damit zum Selbstzweck verkommen lässt, bleibt bei sich und geht an der Liebe Gottes vorbei. Am Geheimnis, seiner Liebe zu uns, die unserer immer voraus ist und die er uns voraussetzungslos schenkt. Das ist in der Tat ein Geheimnis, bei dem nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden große Augen machen. Das zu verstehen, dazu braucht es ein ganzes Leben. Aber man kann schon jeden Tag anfangen, Gott mit in sein Leben hineinzunehmen. Wie das geht: Vielleicht so wie es in einem modernen Kirchenlied in der 3. Strophe besungen: Nimm Gottes Liebe an. Du braucht Dich nicht allein zu müh’n, denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise zieh’n. Und füllt sie erst dein Leben und setzt sie dich in Brand, gehst du hinaus, teilst Liebe aus, denn Gott füllt dir die Hand.

Pastor Heinfried König, Aurich-Lamberti und Pressebeauftragter des Kirchenkreises Aurich

7. August 2010: Durst

„Bestimmt hast du so einen schon mal verschluckt – natürlich ohne es zu wissen!“ Die Nationalpark-Mitarbeiterin lächelt. Unter dem Mikroskop zeigt sie meinem Sohn einen winzigen, quirligen Wasserfloh, den sie gerade mit einer Pipette in einem Tropfen Wasser aus einem Aquarium geholt hat. Leicht verlegen lächelt der Sechsjährige zurück. Wir besuchen gerade das Nationalparkzentrum BIOS in den Hohen Tauern in Österreich. Anschaulich erfahren dort vor allem Kinder viel über das Leben von Tieren und Pflanzen im Hochgebirge. Dieser winzig kleine Krebs kommt in allen Gebirgsbächen vor, so erzählt sie uns. „Und du hast doch bei einer Bergtour schon mal aus einer Quelle getrunken, oder?“, fragt sie meinen Sohn. Der nickt, noch im Zweifel, ob das wohl schädlich gewesen sein könnte. Doch diese Befürchtung nimmt ihm die Mitarbeiterin des Nationalparkzentrums im Handumdrehen. Alles halb so schlimm. Als hätte sie es gewußt: Brunnen und Quellen sind seine große Leidenschaft. Bei jeder Bergtour, bei jedem Spaziergang durch ein Dorf oder eine kleine Stadt fragte mein Sohn neulich im Urlaub, ob wir wohl auch an einen Brunnen kämen. Oder an eine Quelle hoch oben auf den Almwiesen. In der großen Julihitze ließ ihn die Aussicht auf Wasser tapfer mit uns weiter wandern, obwohl er eigentlich keine Lust mehr hatte oder schon müde war. Das kühle Naß in einem Brunnen am Wegesrand weckt die Lebensgeister neu, wenn wir die Arme hineintauchen oder uns etwas Wasser ins Gesicht spritzen. Aber jedes Mal fragt mein Sohn nach: „Kann man das Wasser auch trinken?“ Sogleich möchte er einen Schluck probieren – warum nicht? „Köstlich“, lobt er dann und strahlt über das ganze Gesicht. Durstig schöpft er auch mal Wasser mit der hohlen Hand aus einer Quelle am Berg. Wer weiß, vielleicht hat er auf diese Weise wirklich schon mal einen Wasserfloh verschluckt. Oder ein paar Sandkörner. Keinem Wanderer im Hochgebirge kommen Zweifel dabei, daß das gesundheitsschädlich sein könnte. Bei so mancher ausgedehnten Klettertour war ich ebenfalls froh gewesen, meinen Durst mit Quellwasser zu löschen, wenn ich meine gut gefüllte Trinkflasche im Rucksack längst geleert hatte. Ein harmloses Vergnügen, das immer ohne Folgen blieb. Sauberes Wasser aus einem Gebirgsbach oder aus einem Brunnen zu trinken: Warum sollte man Kindern diese Erfahrung verwehren, wie gut das in der freien Natur schmecken kann und erfrischt? Den schonenden, rücksichtsvollen Umgang mit einer zunehmend wieder intakten Natur zu vermitteln, das hat sich ja auch das Nationalparkzentrum dort in den Hohen Tauern zum Ziel gesetzt, gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen. Doch für wie viele Kinder bleibt diese Erfahrung ein Leben lang unerreichbar? Sauberes Trinkwasser, wie es hierzulande aus jeder Leitung im Hause fließt oder eben auch draußen in der Natur zu finden ist, kennen Kinder und Erwachsene in ärmeren Ländern der südlichen Erdhalbkugel überhaupt nicht. Darum quält sie oftmals nicht nur der dauernde Durst, auch Krankheiten schränken ihr Leben fortwährend ein. Jeder hat die schrecklichen Bilder aus der Dritten Welt vor Augen. Nach der kleinen Lehrstunde am Mikroskop im Nationalparkzentrum der Kärntner Hohen Tauern denke ich: Tagein, tagaus über sauberes Wasser zu verfügen und es gefahrlos auch mal in der freien Natur trinken zu können – welch ein Geschenk ist das. Mit dem Wasser schenkt Gott uns alles, was wir zum Leben brauchen. Dafür dankbar zu sein und dies der nachfolgenden Generation vermitteln zu können – auch das gehört für mich jedes Mal zum Urlaub im Hochgebirge dazu. Wer mit solchen Eindrücken und Erfahrungen heimkehrt, der kann dann vielleicht auch gut nachfühlen, was ein Psalmbeter vor weit über zwei Jahrtausenden ausgesprochen hat: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ (Psalm 42, 2-3)

Pastor Dr. Andreas Lüder, Kirchengemeinde Ostgroßefehn

31. Juli 2010: Wenn Du nicht mehr glauben kannst….

„Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht vielen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rührt, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“ Leo Tolstoi soll das gesagt haben. Auch wenn ich Menschen anderer Kulturen nicht als „Wilde“ bezeichne – die Erfahrung, von der Tolstoi spricht, teile ich. Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder einschneidende Erfahrungen gemacht, die meinen bisherigen Glauben erschütterten. Und dann habe ich mich neu auf den Weg gemacht, gesucht und gefragt, und am Ende immer wieder neu zu glauben begonnen. Auch wenn ich diesen Weg alleine verantworten muss – es tut gut zu wissen, dass ich nicht alleine auf dem Weg bin. Dass auch andere suchen und fragen – und Antworten finden, die mir weiterhelfen. Einer von ihnen war Dietrich Bonhoeffer. Er hat die Antwort auf seine Fragen so formuliert: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

12. Juni 2010: Dahin gehen, wo es weh tut…

…dazu hat gerade wieder in einer Talkshow Uwe Seeler die Mittelstürmer für die nun laufende Fußballweltmeisterschaft aufgefordert. Dahin zu gehen, wo die Tore geschossen werden. Da präsent sein, wo es brenzlig ist. Den Strafraum zu suchen, wo es zur Sache geht und wo es dann auch einmal weh tun kann. Dieser Gedanke hat mich nicht losgelassen. Biblisch bedacht ist das nämlich mehr als eine schlichte Fußballweisheit. Jesus selbst fasst so den Auftrag in seiner Nachfolge zusammen: wir sollen nämlich genau dahin gehen, wo es weh tut. Jesus erzählt vom Reisenden, der verletzt am Straßenrand liegt, keiner kümmert sich um ihn. Erst der Barmherzige Samariter bleibt stehen und leistet Hilfe. Ähnliche Situationen gibt es auch immer wieder in unserem Umfeld, im Familien- und Freundeskreis, in der Nachbarschaft und unter Arbeitskollegen. Da hat einer schwer zu tragen an einem Trauerfall in seiner Familie; da sorgt sich jemand um eine Freundin in der Krankheit; da drücken finanzielle Sorgen ein paar Häuser weiter; da kommt einer nicht zu Recht mit den Anforderungen im Beruf. Das sind Situationen, die weh tun. Oft genug drücken wir uns deshalb und meiden den Kontakt oder den Besuch – machen einen Bogen um die Menschen und lassen sie allein in ihrer Not. Jesus aber fordert uns auf, genau da hin zu gehen. Beim Fußball wird mit man mit großem Jubel belohnt, wenn man immer wieder und dann auch noch erfolgreich da hin geht ist, wo es weh tut. Das wünschen wir uns morgen am Sonntag und in den kommenden Wochen für die deutsche Mannschaft. Vielleicht gelingt uns das auch in unserem Leben mit kleinen Anfängen, dass wir zu denen gehen, wo es weh tut. Sicher hat jeder von uns jemanden vor Augen. Sprechchöre wird es nicht geben, aber ein tiefes Gefühl der inneren Befriedigung. Also, nicht nur die Mittelstürmer, auch wir als Christen sollen dahin gehen, wo es weh tut!

Kurt Booms, Pastor in Weene

5. Juni 2010: Fräuleinwunder

Ganz Deutschland hat am letzten Wochenende mitgefiebert. Die Blicke des Landes gingen nach Oslo, wo Lena für Deutschland im Finale des „Eurovision Song Contest“ antrat. Die Hoffnungen haben sich erfüllt. Die unbekümmerte 19jährige hat Deutschland nach 28 Jahren wieder einen Triumph in diesem Wettbewerb beschert. Lena, das neue Fräuleinwunder. Viele Menschen waren danach aus dem Häuschen, es gab Straßenpartys, Autokorsos. Fast wie im Sommermärchen 2006 bei der Fussball-WM, als das Land ein ungeahntes Gemeinschaftsgefühl erlebte und auf einer Woge der Begeisterung ritt. Wieso eigentlich? Ich denke, die Menschen haben eine große Sehnsucht nach positiven Identifikationsfiguren. Die Wirtschaft in der Krise, unsere Währung in Gefahr, die Regierung ratlos und angeschlagen. Dann tritt noch am Montag der Bundespräsident zurück. Es gibt wenig, zu dem man momentan aufblicken kann. Kaum etwas, was das Gefühl von Halt und Orientierung gibt. Wahrscheinlich war darum die Freude über Lenas Erfolg so groß. Unter all den schlechten Nachrichten wenigstens eine gute. Auch das große Interesse an der ehemaligen Bischöfin Margot Käßmann ist wohl auf die Sehnsucht der Menschen nach positiven Vorbildern und einer Orientierung zurückzuführen, Helden sind rar geworden. Autoritäten und Institutionen in die Krise geraten. Nicht zuletzt die Kirche auch. Da ist die Frage, was das Geheimnis der Menschen ist, die etwas Positives erreichen. Auch Lena ist danach gefragt worden. Sie hat darauf geantwortet, daß der Glaube dabei eine große Rolle spielt, etwas ist, „was ihr immer wieder Kraft gibt“. Als Andenken eines Besuchs der christlichen Kommunität in Taize, wo junge Menschen, Gemeinschaft, Gesang und Gebete erleben, hat sie einen Anhänger in Form einer Taube mitgebracht. Die Taube ist das Symbol für den Heiligen Geist. Dieser positive Geist ist allen Menschen verheißen. Niemand ist unbegabt. Jeder hat Gaben, die er mit Hilfe dieses Geistes entdecken kann. Auf unsere Situation übertragen heißt das für mich: Warte nicht auf den Helden. Sei selbst das Wunder. Entdecke die Möglichkeiten, bei Dir, bei anderen. Der Geist Gottes hilft Dir dabei, er spricht Dir Mut und Würde zu. Er macht uns Mut, mehr Demokratie zu wagen. Nicht nur „die da oben“. Sondern „gemeinsam können wir etwas erreichen“. Vielleicht sogar das völlig unerwartete, wie bei Lena. Wir brauchen keine neuen Helden. Sondern ganz einfach Menschen, die Gottes guten Geist in sich wirken lassen. Die nicht nur auf bessere Zeiten warten, sondern mitdenken, sich einbringen und anpacken. Von solchen „Fräuleinwundern“ brauchen wir noch einige.

Pastorin Anne Ulferts-Tatjes, Friedensgemeinde Wiesmoor

16. Mai 2010: Das innere Navi

Wenn man dieser Tage am Kanal entlang radelt, dann muss man an einer bestimmten Stelle sehr aufpassen. Menschen bleiben auf dem Weg stehen, holen Fotoapparate und Ferngläser heraus oder stehen in kleinen Gruppen herum und reden. Man wird als Radfahrer oder Radfahrerin gerne übersehen. Das Storchenpaar, das man von dieser Stelle am Radweg aus beobachten kann, ist viel interessanter. Es ist zur lokalen Berühmtheit geworden. Was für einen langen Weg die beiden Störche zurückgelegt haben. Vom afrikanischen Kontinent bis zu uns nach Aurich. Und all das ohne Karte, ohne Navigationsgerät und ohne nach dem Weg fragen zu müssen. Sie werden nur von ihrem inneren Kompass geleitet und finden doch sicher ihr Ziel. Auch wir machen uns immer wieder auf den Weg: zur Arbeit, in den Urlaub, zum Erledigen der alltäglichen und der besonderen Dinge. Wir bewegen uns auf bekannten Strassen und auf unbekannten Wegen. Und häufig verlassen wir uns dabei auf elektronische und gedruckte Navigationshilfen. Der innere Kompass, das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, wird dabei nicht mehr beachtet. Die Stimme im Auto sagt uns wo es lang geht. Im Psalm 23 betet ein Mensch: „Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens Willen.“ Es ist keine Bitte an Gott: führe mich. Dieser Mensch stellt eine Tatsache fest: Gott leitet mich auf dem richtigen Weg. Er ist mein Kompass, mein Navi, meine innere Stimme. Und so erlebe ich es auch immer wieder. Da ist ein Gefühl in mir, dass mich warnt und das mich bestätigt, wenn ich unterwegs bin. Im Auto wie im Leben. Und so muss ich mich manchmal entscheiden: Folge ich der Stimme meines Navigationsgerätes, das mich auf einer bestimmten Strasse sehen möchte und sehr ungehalten reagiert, wenn ich nicht abbiege, oder folge ich der inneren Stimme, die mir sagt: Hör mal auf mich: ich leite dich auf der richtigen Strasse. Immer öfter schalte ich das Navi aus und überlasse mich meinem inneren Kompass. Ich lebe im Vertrauen darauf, dass Gott mich auf der rechten Strasse leitet. Er wird mich an mein Ziel führen. Ähnlich wie die Störche ihr Ziel bei uns gefunden haben. Sie werden uns den Sommer über hier begleiten. Wenn man auf dem Radweg am Kanal unterwegs ist, kann man sie sehen. Und im Herbst werden sie sich wieder auf den Weg ins warme Afrika machen. Immer ihrem inneren Kompass nach.

Vikarin Antje Wachtmann, Lamberti-Gemeinde Aurich

30. April 2010: Liebe im Wonnemonat Mai

Morgen fängt der Wonnemonat Mai an. Neben den Bräuchen zum Frühjahr, die eine große Freude über die erblühende Natur ausdrücken wie z.B. der Tanz in den Mai oder der Maibaum, gilt der Mai vielen auch als ein Monat der Liebe. In manchen Jahren läuteten die Kirchenglocken im Mai besonders viele Hochzeiten ein, und bis heute sind Frühlingsgefühle für das Herz angesagt, haben Angebote für Verliebte im Wonnemonat Mai Hochkonjunktur. Schön ist es, wenn solche Schwingungen im Herzen ein Leben lang halten und ein Paar im Wonnemonat die goldene Hochzeit feiern kann. Aber immer häufiger entwickeln sich Beziehungswege in verschiedene Richtungen. Es gibt keine Basis mehr für solche Herzensbewegungen. „Wir haben uns auseinander gelebt“. „Wir haben zu wenig Zeit füreinander gehabt.“ Zitate aus dem öffentlichen Leben, die wir auch in unserer Umgebung hören. Ein wichtiger Schlüssel für dauerhafte Frühlingsgefühle: diese besondere Zeit im Miteinander ist nicht nur eine Zeit des Genießens, sondern mindestens ebenso eine Zeit des Gesprächs. Wie gestalten wir unsere Beziehung? In welchem Umfeld wollen wir leben? Wie intensiv sollte der Kontakt zu unseren Familien sein? Welche Freundschaften sind für uns wichtig? Wie sehen die beruflichen Situationen aus? In welchen Lebenssituationen stehe ich, stehst du unter besonderer Anspannung? Auf welche Art und Weise kommen wir zu guten Entscheidungen? Frühlingsgefühle im Mai werfen Fragen auf. Da heißt es: reden, reden, reden. Nicht über alle Fragen gleichzeitig, aber es tut dem Fundament einer Beziehung gut, wenn die Partner in Zeiten der Hochstimmung grundsätzliche Fragestellungen nicht ausklammern. Alle Bemühungen sind keine Garantie für einen dauerhaften Erfolg, Enttäuschungen bleiben nicht aus, darum entlastet es den Anspruch an meine Beziehung, wenn noch eine gute Portion Gottvertrauen mit ins Boot hinein kommt. Gottes Wege sind gut! Der Monatsspruch für Mai ist da ein guter Hinweis. „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1) Solcher Glaube stützt das Miteinander. Denn so wichtig gemeinsame Planung für das Leben in Beziehungen ist, so unersetzlich ist auch darauf zu vertrauen, dass Gott, der Wege ebnet oder versperrt, es gut mit uns meint. Daraus wuchs und wächst für viele ein blühender Erfahrungsschatz.

Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor und Wiesmoor

17. April 2010: Den nehme ich!

„Den nehme ich“, sagt der Junge überzeugt und gibt mir die Liste mit den Konfirmationssprüchen zurück. „Ich muss gar nicht lange überlegen, da bin ich mir ganz sicher: „der ist schön und der ist leicht zu merken!“ „Beten sie mit mir“, bittet mich die Frau nachdenklich zum Ende meines Besuches im Krankenhaus. Sie hat von ihrer Krankheit erzählt, ihrer Sorge vor allem um ihren Mann und die Kinder. Wir haben vorausgeschaut auf die nächsten Schritte der Behandlung. Mir fällt es in dem Moment schwer, eigene Worte zu finden und so vertrauen wir uns den uralten Worten an Sie selbst stimmt schließlich mit ein. „Das soll der Taufspruch sein für unser Kind“, sagen mir die Eltern fröhlich, „das Wort hat Tradition in unserer Familie! „Das war schon der Trauspruch meiner Eltern“, meint die Frau, „es soll auch unsere Tochter begleiten auf ihrem Lebensweg!“ Menschen in so unterschiedlichen Situationen und doch finden sie das, was sie suchen in diesem einen Bibelwort. Es spricht den jungen Menschen an, ohne dass er sich die ganz großen Gedanken macht. Er fühlt sich gut aufgehoben in diesem Wort und es ist eines, das im Gedächtnis bleibt. Es gibt dem Menschen in der Krankheit Halt, auch so etwas wie einen Ansprechpartner. Es strahlt darüber hinaus gerade in schwierigen Lebensumständen einfach eine große Geborgenheit aus. In manchen Familien wird es weiter gegeben über die Generationen. Es ist ein zeitloses Wort und junge Eltern fühlen sich mit diesen Sätzen in ihrer Verantwortung gestärkt. Sie ahnen vielleicht schon, um welches Bibelwort es sich handelt? Wahrscheinlich kennen sie es auswendig. Es ist das Bild, das auch am morgigen Sonntag „Misericordias Domini“ im Mittelpunkt unserer Gottesdienste steht. Es sind die Anfangsworte des 23. Psalms: „Der Herr ist mein Hirte!“

Kurt Booms, Pastor in der Kirchengemeinde Weene

11. April 2010 Es is ja wie es is

In diesen Tagen versammeln sich schnieke, junge Menschen an den Altären unserer Kirchen. Ob als Konfirmanden oder als Kommunion-Kinder, sie empfangen in festlichem Ambiente Segen und Abendmahl und Heilige Kommunion. Die Bilder der Konfirmationen aus unseren Kirchen sprechen von Lebensfreude und ungestümem Drang, mitzureden in der Welt der Großen, dabei zu sein und selbst groß zu werden. Die Gottesdienste in der Vorbereitungszeit waren bereichert durch ihr ungeduldiges, fragendes Dabeisein und suchendes Sich-Einfinden in dem Glauben der Eltern. Warum ist Kirche in meinem Ort so, wie sie ist? Und wer geht da alles hin, wer gehört dazu? Eine kleine Präsentation über den Tellerrand von Familie und Nachbarschaft hinaus. Seit alters her war Palmarum der klassische Sonntag der Konfirmation, am Beginn der Karwoche, passend mit Beichte und Abendmahl. Doch das Fest der Konfirmation hat sich verändert, und so ziehen manche Gemeinden lieber einen Termin zwischen Ostern und Pfingsten vor. Oft wird mehrmals Konfirmation gefeiert, weil das Fest inzwischen so gut bei den Menschen angekommen ist, und unsere Kirchen die Besucherströme schwer fassen. Der traditionelle, in vielen Gegenden noch heute übliche Tag der Erstkommunionfeier ist der Sonntag nach Ostern, der Weiße Sonntag. Viele Gemeinden gehen aber dazu über, den Termin zu verlegen, so auch die Diaspora-Gemeinden hier in Ostfriesland. Während Konfirmation eine Bekräftigung der Taufe ist, aus dem Lateinischen confirmatio = Bestätigung, Bekräftigung, auch Ermutigung abgeleitet, und einige Konfirmanden vorher noch ihre Taufe erleben, so erinnern sich die Kommunion-Kinder an ihre Taufe. Der Weiße Sonntag leitet seinen Namen ab von den weißen Taufkleidern der ganz früher gern zu Ostern Getauften. Die Erstkommunion ist immer mit der Erinnerung an die Taufe verbunden, die Kinder kommen mit ihren Taufpaten und ihren Taufkerzen. In der Taufe feiern wir unsere Freundschaft mit Gott, die zu Beginn allen Lebens bereits feststeht, sprechen sie den Täuflingen zu und besiegeln sie öffentlich – wir wollen, dass die Freundschaft mit Gott gepflegt und auch gefeiert wird. Mit einem Fest in der Gemeinschaft der Kirche. Feiere bisweilen dein Leben. Feiere, dass du gesund bist, dass dir das Leben mit Herausforderungen begegnet. Feiere das Geschenk von Freundschaften und deine Fähigkeit zu leben. Feiere deine kleinen alltäglichen Erfolge und die Entscheidungen, die dich einen Schritt dir selbst näher gebracht haben. Feiere, dass einer immer JA zu dir sagt. Und wenn Martin Luther sich einmal angefochten und mutlos fühlte, so schrieb er mit dicken Buchstaben auf seinen Schreibtisch: baptizatus sum = ich bin getauft. Es is ja wie es is, und es mag kommen, wie es kommt, aber ich bin getauft. Das steht fest. In manchen evangelischen Gemeinden wird die Erinnerung an die Taufe mit einem besonderen Gottesdienst gepflegt, in Münkeboe am kommenden Sonntag um 17.00 – dazu werden alle Taufkinder des zurückliegenden Jahres besonders eingeladen.

Pastor Wolfgang Beier, Kirche Zum-Guten-Hirten Münkeboe

1. April 2010: Wegkreuz

Ich komme oft daran vorbei. Man könnte es übersehen, wie es da unscheinbar am Straßenrand steht. Wer vorüberhetzt, sieht vielleicht gar nicht hin. Aber immer, wenn ich daran vorbeikomme, steht mir eine Geschichte vor Augen. Bilder kommen mir in den Sinn. Gefühle, die überwältigend waren. Leid, das bis heute währt. An dem Baum, vor dem das Wegkreuz steht, klafft eine Wunde. Und diese Wunde zieht sich fort in das Leben von Menschen hinein. Hier an diesem Baum ist der schreckliche Unfall passiert. Hier hat ein Leben ein schlimmes und jähes Ende gefunden. Ein einmaliger Mensch fehlt nun. Mir stehen die Geschichten und Bilder vor Augen. Ich denke zurück an Wege, die ich mit den Menschen gegangen bin. Leid, das sich eingegraben hat. In den Baum. In das Leben. Das Kreuz am Wegesrand erinnert daran. Das Kreuz: Am Karfreitag erinnern wir an den Weg, den Jesus genommen hat. Ein Weg voller Leid. Ein Weg, der am Kreuz endet. Jesus trägt sein Kreuz, er trägt es durch Jerusalem nach Golgatha. Er trägt es durch die Zeit. In sein Kreuz sind all die anderen Kreuze eigezeichnet. Kreuze am Wegesrand, die erinnern an das Leid, das Menschen erfahren. Bis heute. Jedes Kreuz klagt das Leid an. Das Kreuz ist so ein Symbol für Tod und Leid. Wir finden es auf unseren Friedhöfen, in Sterbeanzeigen. Das Kreuz – ein Symbol für Traurigkeit und Schmerz? Ja, aber nicht nur. Zwei Balken bilden ein Kreuz. Einer parallel zur Erde, einer weist senkrecht nach oben. Ein Balken zeigt die Verbindung mit der Erde an. Der andere weist nach oben in den Himmel. Himmel und Erde, die sind im Kreuz verbunden. Das Leid, das es gibt, das Menschen erfahren, wird nicht ausgeblendet. Aber das ist nicht alles. Die Geschichte Jesu war auch mehr als Leid, mehr als dieser Weg ans Kreuz. An Ostern feiern wir seine Auferstehung. Gegen das Leid, gegen den Tod hat Gott neue Hoffnung und neues Leben gesetzt. Darum ist das Kreuz nicht nur eine Erinnerung an das Leid. Es ist auch ein Symbol für das Leben. Menschen tragen es als Schmuckstück um den Hals, Täuflinge werden mit diesem Symbol gesegnet. Unsere Konfirmanden werden es bei der Konfirmation als Wegbegleiter geschenkt bekommen. In manchen Ländern ist es noch üblich, sich zu bekreuzigen. Ich finde, ein schönes Symbol. Es erinnert an unsere Welt, so wie sie ist. Hart und schön. Und es weist darauf hin, dass wir Grund zur Hoffnung haben. Der Tod und das Leid haben nicht das letzte Wort. Gott begleitet uns. Er hält seine Zusagen ein. Himmel und Erde sind in diesem Zeichen verbunden. Es gibt Grund zur Hoffnung. Darum können wir Menschen beistehen, die ihr Kreuz zu tragen haben. Auch daran muss ich jetzt denken, als ich wieder an diesem kleinen Kreuz am Wegesrand vorbeikomme. Trotz allem: es gibt Grund zur Hoffnung.

Pastor Uwe Tatjes, Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

27. März 2010.: Tochter, Zion, freue Dich!

„Sonntag singen wir Tochter Zion! “ „Aha“– kurze Pause, dann: „Ist das nicht ein Weihnachtslied? “ „Ein Adventslied genaugenommen.“ Jetzt ist meine Freundin vollends verwirrt. „Marion, Advent hatten wir schon.“ Sie grinst. Ich muss auch lachen und stelle mir vor, ob wohl die Gemeinde am Sonntagmorgen in Weene auch erstaunt das Lied Nr. 13 aufschlagen wird: Tochter Zion? Das singen wir doch sonst immer vor Weihnachten!? Stimmt. Und trotzdem passt es Sonntag auch. Von dem König wird da gesungen, der auf einem Eselsjungen in die Stadt Jerusalem einreitet. Triumphal. Herrlich. Angefeuert und verehrt von der Menge, die ihm mit lauten Jubelrufen entgegenschreit. So beginnt in der Kirche die „Stille Woche“, mit dem lauten Jubel der Menge! Im letzten Jahr bin ich mit dem Fahrrad durch Andalusien gekreuzt und habe in der wundervollen Stadt Sevilla die Tradition der Semana Santa, der Heiligen Woche kennengelernt. Die ganze Woche vor Ostern finden Prozessionen statt. Dabei geht es gelegentlich alles andere als still zu. Wenn die Marienbilder Virgen de la Esperanza Macarena oder Esperanza de Triana durch die Stadt getragen werden, teilt sich die Menge geradezu in zwei Fanlager und man weiß nicht genau, ob man einer religiösen Prozession oder dem Durchzug zweier Fußballmannschaften beiwohnt. Jubel, Freude, hier und da sogar Marschmusik: ein bisschen Volksfeststimmung in der „Stillen Woche“. Und bei uns? – Die Schausteller bauen ihre Karussells und Stände auf den Ostermärkten auf. Wir freuen uns auf Osterfeuer und fröhliches Familienbeisammensein. Das Wetter wird besser und lockt in den Garten. Stille Woche – nein, eher aufregende Woche: Was muss nicht noch alles gemacht werden! Ich werde versuchen, eine gute Mischung aus beidem zu haben. Die Stille zu suchen, vielleicht bei einem Spaziergang zum Kloster Ihlow oder beim Hören der Matthäuspassion, die mag ich sehr. Nach dem Jubel der Menge folgten für Jesus von Nazareth schwere und trostlose Momente der Einsamkeit und Verzweiflung. Dem will ich nachgehen. Bei meiner Arbeit im Krankenhaus. Und für mich ganz persönlich. Allein und gemeinsam mit anderen. Aber in mir drin trag ich schon den Jubelschrei einer anderen Menge: Christ ist erstanden! Halleluja!

Pastorin Marion Meyer, Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

13. März 2010: Gebote

„Wie verstehen Sie eigentlich die Zehn Gebote?“ fragte mich vor einigen Tagen ein Jugendlicher, der gerade eine Facharbeit zu dem Thema schreibt. Mir fiel spontan ein, dass mir schon öfter jemand gesagt hatte: Die Zehn Gebote kann doch sowieso keiner erfüllen! „So verstehe ich die Zehn Gebote auf jeden Fall nicht“, antwortete ich meinem Gesprächspartner. Für mich ist Gott kein strenger Gott, der uns unerfüllbare Gesetze auferlegt. Ich glaube, dass Gott es gut mit uns meint. Deshalb verstehe ich die Zehn Gebote als eine Richtschnur für ein gutes Zusammenleben.“ In den Kinos ist vor einigen Tagen ein Zeichentrickfilm zu den Zehn Geboten angelaufen – mit dem Untertitel: „Moses und das Geheimnis der Steinernen Tafeln“. Der Film erzählt die Rahmengeschichte: Bevor Gott dem Volk Israel die Zehn Gebote gibt, befreit er es durch Mose aus der Sklaverei in Ägypten. Die Zehn Gebote richten sich also an freie Menschen. Aber wo liegen die Grenzen meiner Freiheit? Wo muss meine Freiheit enden, damit ich mit anderen gut zusammenleben kann? Um diese Frage geht es in den Zehn Geboten. Für mich ist diese Frage eine Überlebensfrage der Menschheit. Denn wenn wir unter Freiheit nur verstehen, die eigenen Bedürfnisse auszuleben, ohne Nachdenken über Konsequenzen und ohne Rücksicht auf Verluste, werden wir viele Probleme nicht in den Griff bekommen. Im Sinne der Bibel ist Freiheit nicht ohne Verantwortung für andere und auch nicht ohne den Schutz von Schwächeren zu denken. Für manche bedeutet das Einhalten der Zehn Gebote nur Verzicht. Ich denke umgekehrt, dass sie den Weg zu einem glücklichen Leben zeigen. Denn wenn ich zum Beispiel immer das begehre, was andere haben, bin ich innerlich rastlos. Glücklich bin ich in dem Moment, in dem ich mit meinem Leben zufrieden bin. „Vieles in unserer Kultur und Gesellschaft ist ohne den Geist der Zehn Gebote nicht zu verstehen“, meinte mein Gesprächspartner. Das stimmt. Aber wie geht es weiter? Es liegt an uns, dass die Zehn Gebote nicht irgendwann im Vitrinenschrank veralteter Wertvorstellungen verstauben. Aber dass ein Film über die Zehn Gebote in den Kinos zu sehen ist und noch viel mehr ein Jugendlicher sich mit diesem Thema beschäftigt, macht mich zuversichtlich. Die jetzige Kirchenjahreszeit zeigt uns, wie Gott ist. Er begleitet uns, so wie er auch Jesus begleitet hat. Er verlässt uns auch auf den schwierigen Wegen nicht, genauso wie er Jesus nicht im Stich gelassen hat. Der Gott, von dem die Bibel erzählt, ist ein liebevoller Gott. Die Zehn Gebote sind nicht dazu da, um Menschen zu unterdrücken oder klein zu machen. Sie sind die Richtschnur eines liebevollen Gottes für ein gutes Zusammenleben.

Pastor Stefan Wolf, Friedengemeinde Wiesmoor

6. März 2010: Freude erlebt, wer das Gegenteil kennt

Passionszeit, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Es ist eine aus kirchlicher Sich intensive Zeit, die wir erleben. Damit wird ein Spannungsfeld the­matisiert, in dem die wichtigsten Fra­gen des Lebens und des Glaubens erfasst werden: wie ist es mit Leben und mit dem Tod? Und was kommt danach? Was bleibt von all dem, was mir wichtig ist? Ganz offensichtlich: „Leicht“ sind diese Fragen nicht. Und deshalb tun wir uns oft auch schwer mit diesen Festen. Die Leichtigkeit und Fröh­lichkeit des Osterfestes, an das sich Lebens-Symbole angegliedert haben: Hasen, Ostereier und bunte Blumen, ist nur über die Passion und den Karfreitag zu erreichen – also, indem man sich dem Tod, also der Vergänglichkeit des Lebens, stellt. Am liebsten wollen wir Harmonie und keine anstrengende Auseinandersetzung. Am liebsten wollen wir, dass alles klar und nicht so kompliziert ist. Am liebsten wollen wir, dass alles erklärbar bleibt, und wir nicht ständig von Unwägbarkeiten und Unsichtbarem bewegt werden. Aber: wenn wir das Spannungsfeld des Lebens (oder auch Probleme im Leben) nicht wahr haben wollen, dann werden wir immer einen Teil unserer Wirklichkeit ausblenden. Kreuz und Auferstehung! Die Erfah­rung der Ferne Gottes und die Ausgießung des Heiligen Geistes, der uns Gottes Nähe spüren lässt! Beides gehört jeweils zum Leben dazu! „Gott hat den Schuldschein, der ge­gen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben“. (Kolosser 2,14) In diesem Vers wird deutlich, warum wir uns an den Festtagen den schweren Fragen des Lebens mit Leichtigkeit stellen kön­nen. Auch wenn sie uns weitgehend unbeantwortet unser ganzes Leben lang begleiten werden, weil wir hier auf Erden nie eine abschließend gültige Antwort bekommen werden. „Gott hat den Schuldschein, der ge­gen uns sprach, durchgestrichen.“ Das hört sich dann doch „einfach“ an: Tod und Leben – beides ist durch Jesus befreit. „Fürchtet Euch nicht!“ Das singen die Engel, und das sagt Jesus. Er hat ja schon den Schuld­schein durchgestrichen. Ohne Furcht können wir uns der Ver­antwortung stellen, dieses Leben zu gestalten. Wo uns das trotz allen Bemühens nicht gut gelingt – da wird die Bitte „…und vergib uns unsere Schuld!“ erhört. Auch, wenn das oft anders ge­schieht, als wir uns erhoffen. Und auch, wenn uns der Eindruck, Gott sei weit weg, nicht erspart bleibt. Gottes „Ja“ zu unserem Leben wird ohne die Erfahrung der Verlassenheit nicht die Tiefe des Herzens erreichen. Die aus kirchlicher Sicht intensive Zeit, in der wir gerade leben, hilft uns dabei, das zu erkennen.

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Tim­mel